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Livekritik zu

Festspiel-Liederabend Christian Gerhaher

28.07.2013 | München / Prinzregententheater
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cgohlke
am 02.10.2018

Die ganze Welt der Schmerzen

Christian Gerhaher und Gerold Huber mit Liederabenden in München

 

 

Eigentlich hätte Piotr Beczala den Festspiel-Liederabend am 23. Juli singen sollen. Da er aber als neuer Lohengrin nach Bayreuth abberufen wurde, sprang Christian Gerhaher für ihn ein. Und so kommt es, dass das Münchner Publikum jetzt zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit die Möglichkeit hatte, einen Liederabend mit ihm zu erleben. Am 29. September waren Gerhaher und sein Begleiter Gerold Huber erneut im Nationaltheater zu Gast.

Gezeigt hat sich dabei, dass Gerhahers Vortragskunst für französiche Lieder weit weniger gut geeignet ist als für deutsche. Seine Interpretationen gehen ja ganz vom genauen Verständnis und der präzisen Artikulation des Textes aus. Bei Claude Debussys „Trois Chansons de France“ geriet der Vortrag merkwürdig stockend. Die französische Sprache ist ja viel gebundener als unsere und sträubt sich gegen eine silbenweise klare Aussprache. Gerhaher singt diese Chansons als wären sie deutsches Liedgut. Das will nicht recht passen.

Ein Kernstück aus dem deutschen Repertoire folgte nach der Pause, nämlich die „Dichterliebe“ von Robert Schumann. Und deutsches Liedgut stand auch im September mit Schuberts „Schwanengesang“ auf dem Programm, eingeleitet von fünf Schubert-Liedern zu Gedichten von Friedrich Rückert. Hier überzeugt Gerhaher mit seiner intellektuellen Durchdrinung und seinem differenzierten, oft rezitativ anmutenden Vortrag, der stimmliche Mittel behutsam und sehr genau einsetzt.

Am schönsten glücken ihm dabei jene Lieder, die kleine Szenen entwerfen, also gewissermaßen ins Baladenhafte vorstoßen. Wunderbar zum Beispiel, wie er das lässige Schlendern zum Ausdruck bringt, mit dem das lyrische Ich am „leuchtenden Sommermorgen“ im Garten herumgeht und die Blumen betrachtet, die er dann fahlstimmig zum Sprechen bringt: „Sei uns’rer Schwester nicht böse“. Ähnlich genau dann im „Schwanengesang“ das Lied Nr. 2 „Kriegers Ahnung“. Christian Gerhaher entwirft hier durch einen Hell-dunkel-Kontrast eine Art von Rahmenhandlung (der Soldat am Feuer), die sich in der Stimmung völlig von der ‚Binnenhandlung‘ unterscheidet (die Erinnerung an innige Momente mit der Geliebten). Vor diesem Hintergrund gewinnt die abschließende Strophe ihre Dramatik, denn der Schlaf, dem der Soldat entgegensieht, könnte auch sein Tod sein, der Abschied endgültig, wie die Intensität von Gerhahers Vortrag und der sehrende Tod, in dem er den Gute-Nacht Gruß singt, glaubhaft machen. Zwingend gelingt auch Lied Nr. 9 „Ihr Bild“, das sich im starken Kontrast an den „Atlas“ anschließt. Auch hier entwirft Gerhaher eine kleine Szene: Ganz verhalten klingt es, wenn er davon erzählt, wie das Bild, das er betrachtet, „heimlich zu leben begann“, und sehr zart wird die Imagination dieser Geliebten beschworen, ihre Lippen, ihr Lächeln, ihr Augenpaar. Dann die Rückkehr in die traurige Gegenwart in der abschließenden Strophe: Das schmerzhafte Eingeständnis des endgültigen Verlustes.

Klang Christian Gerhahers Stimme zu Beginn des Abends manchmal noch etwas rauh, fand sie rasch zu ihrer wunderbaren Geschmeidigkeit und ihrem breiten dynamischen Spektrum zurück, das besonders eindrucksvoll im „Doppelgänger“ eingesetzt wurde. Wie Gerhaher und Huber zu Beginn des Liedes eine geradzu unheimliche Ruhe evozieren („Still ist die Nacht, es ruhen die Gassen“), ist atemberaubend. Die „Schmerzensgewalt“, mit welcher der Doppelgänger seine Hände ringt vor dem Haus, in dem die Geliebte des Sprechers wohnte, ertönt dann im schmetternden Fortissimo, woraufhin der Doppelgänger mit großer Aggressivität angesprochen wird. Hart und schnörkellos und abrupt dann das Ende.

Christian Gerhahers Vortrag ist mehr als schön, er ist in seinen besten Momenten wahrhaftig. Diese Schumanns und Schuberts Lieder sind ja zumeinst weit von biedermeierlicher Gemütlichkeit entfernt. Das haben beide Liederabende eindrucksvoll gezeigt, auch weil Gerold Huber ein wunderbarer Begleiter ist. Er drängt sich nie eitel in den Vordergrund und ist doch prästent im Gestalten von Details und im Erzeugen von Stimmungen.

München, 29. September 2018

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