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Livekritik zu

Die Meistersinger von Nürnberg

22.05.2016 - 08.10.2016 | München / Bayerische Staatsoper
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cgohlke
am 01.10.2018

Verachtet mir die Meister nicht

Wagners „Meistersinger“ am Münchner Nationaltheater

Ein Stöhnen ging durchs Publikum, als eine Dame im grünen Rock vor den Vorhang des Nationaltheaters trat und mit sicherer Stimme verkündete, dass die erste Erkältungswelle des Herbstes auch an den Sängern nicht spurlos vorbeigegangen sei. So mussten kurzfristig nicht nur einige der kleineren Partien umbesetzt werden, sondern auch die Rolle des Hans Sachs. Für den erkrankten Wolfgang Koch sprang Michael Volle ein, der am Vorabend noch in Berlin auf der Bühne gestanden hatte. Auch Klaus Florian Vogt wurde als indisponiert angekündigt, er sang den Abend aber trotz Erkältung.

So ist es beiden, Volle und Vogt, weiß Gott nicht zu verdenken, dass sie im dritten Aufzug ein wenig mit ihren Kräften haushalten mussten. Ob man die sehr helle und nicht besonders farbenreiche Stimme von Klaus Florian Vogt mag, wird immer Geschmackssache bleiben. Sicher passt sie zu Lohengrin besser als zu Stolzing, der ja diesseitiger, jugendlicher, revolulionärer angelegt ist als der Schwanenritter. Doch Vogt führt seinen Tenor sicher und präzise, auch wenn er der Partie darstellerisch ein wenig Dynamik schuldig bleibt. Michael Volle hingegen gibt einen temperamentvollen, zu starken Emotionen neigenden Sachs. Er spielt die Partie so überzeugend, dass in keinem Moment des Abends der Eindruck entsteht, er sei gerade kurzfristig eingesprungen. Volles Stimme ist angenehm timbriert (herrlich: sein Fliedermonolog, der vom Orchester unbeschreiblich schön eingeleitet wurde), er singt textverständlich und verleiht Hans Sachs menschlich anrührende Züge – besonders im zweiten Aufzug wird spürbar, wie schmerzhaft für ihn der Verzicht auf Eva doch ist. Julia Kleiter singt diese Partie mit jugendlich-hellem Sopran, leichthin gestaltet sie die rezitativischen Passagen. Vielleicht wäre etwas mehr Emphase in der entscheidenden 4. Szene des zweiten Aufzugs möglich. Dem hohen Paar (Walther und Eva) steht das niedere Paar gegenüber. Daniel Behle gibt einen hellstimmigen und darstellerisch überzeugend besserwisserischen Lehrbuben David, Claudia Mahnke ist seine muntere Magdalene. Komödiantische Vorzüge entfaltet Markus Eiche mit kraftvollem Bariton als Beckmesser. Herrlich unbehofen hantiert er auf der Festwiese mit einem Notenständer, bevor er im goldenen Glitzeranzug die verballhornte Version des Preisliedes singt und sich damit völlig desavouiert.

Der Regisseur David Bösch belässt es allerdings dabei nicht: Ganz am Ende, als schon der Chor zum Jubel ansetzt, kehrt Beckmesser mit einem Revolver zurück, zielt einen Moment lang auf Sachs und erschießt sich dann. Schon im zweiten Aufzug, wenn Beckmesser im Rollstuhl lädiert von der Prügelszene (die dem Regisseur zu harmlos gerät) in Sachsens Werkstatt anlängt, übergießt er sich mit Benzin und ist schon im Begriffe, sich anzuzünden. Nur der Fund des Preisliedes hält ihn davon ab. Damit geht Bösch sehr weit. Auch dem „lieto fine“ will er nicht trauen: Walther und Eva entziehen sich dem Meiserwesen nach Sachsens Schlußansprache und suchen das Weite. Sie wollen eben doch „ohne Meister selig sein“. Und dann taucht im Hintergrund auf der Leinwand, auf der zuvor wie bei einem song contest die Teilnehmer aufgeführt und der Pokal gezeigt wurde, aus dem Flimmern heraus vage und eher ahnbar als deutlich erkennbar die Figur Hitlers auf. So recht wollen diese 20 Minuten nicht zum Rest der Inszenierung passen, die im Grunde Wagners Text treu und gekonnt nacherzählt und dabei vor allem in der Personenführung überzeugt. „Modern“, wenn man so will, ist an diesen „Meistersingern“ vor allem die ein wenig trostlose Kulisse, die Patrick Bannwart geschaffen hat (schmuddelige Betonwände vor schwarzem Hintergrund), und natürlich sind auch hier die grauen Straßenanzüge (ein wenig an die 50er Jahre erinnernd) unvermeidlich. Dafür hat Meentje Nielson gesorgt. Bringt diese Ausstattung gegenüber einer Dekoration, die sich enger an die Vorgaben des Textes hielte, eigentlich einen Erkenntnisgewinn? Eine Frage, die man sich trotz aller Gewöhnung an „moderne“ Ausstattungen nicht abgewöhnen sollte, meine ich.

Ein Ereignis war diese „Meistersinger“-Aufführung vor allem dank Kirill Petrenko. Sein Dirigat ist seit der Premiere im Jahr 2016 gleichzeitig noch differenzierter und noch freier geworden. Das Bayerische Staatsorchester klingt unter seiner Leitung sehr hell und transparent. Feinheiten der Partitur werden hörbar, aber auch die Kraft, die Klangschönheit und der Schwung dieser Musik. Bravo, Maestro!

München, 30. September 2018

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