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Livekritik zu

Die Perser

22.06.2012 - 14.07.2012 | München [ Altstadt/Lehel ] / Münchner Kammerspiele
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cgohlke
am 20.08.2018

Bald zu groß und leider bald zu klein

„Die Perser“ und „Die Bassariden“ bei den Salzburger Festspielen

 

Es ist schon ein schönes, stimmiges, interessantes Programm, das man dieses Jahr in Salzburg zu sehen bekommt. Standen zu Beginn der Festspiele mit „Salome“ und „Penthesilea“ in der Oper wie im Schauspiel zwei exzentrische, bedingungslose Frauenfiguren im Zentrum, so gibt es jetzt in der zweiten Hälfte des Festivals mit Hans Werner Henzes „Bassariden“ und Aischylos‘ „Persern“ zwei Stücke zu sehen, die beide auf griechische Geschichte bzw. Mythologie zurückgehen. Das spannende an dieser Doppelpremiere war dabei der fast gegensätzliche inszenatorische Ansatz, den Warlikowski für die „Bassariden“ und Rasche für die „Perser“ gewählt hat. Überzeugen konnten beide Arbeiten nicht, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Dabei nimmt sich Ulrich Rasches Ansatz zunächst durchaus stimmig aus: Er will mit seinen Arbeiten ja bewusst einen Kontrast bilden zur Demonatage und Ironisierung des sogenannten postdramatischen Theaters. Er will die Ernsthaftigkeit, den hohen Ton, das Pathos zurück auf die Bühnen bringen. Dass er dafür Chöre auftreten lässt, prädestiniert ihn geradzu dafür, antike Tragödien zu inszenieren, deren Wirkungsabsicht bei den alten Griechen zudem vornehmlich emotional gewesen sein dürfte. Und so ging man durchaus gespannt ins Salzburger Landestheater und ließ sich auch von den Ohrstöpseln, die jedem Zuschauer an der Eingangstüre ausgehändigt wurden, zunächst nicht erschrecken. Vorne auf der Bühne sah man einen für Rasche typischen Aufbau: Zwei riesige sich drehende Scheiben, wobei die hintere sich zudem steil aufzurichten vermag. Vorne geht der Chor der Ältesten (die zwei Schauspielerinnen Katja Bürkle und Valery Tscheplanowa) sowie Atossa, die Mutter des Perserkönigs Xerxes, gespielt von Patrycia Liolkowska, auf der sich drehenden Fläche, ohne von der Stelle zu geraten, hinten müht sich ein gut Dutzend Männer in kurzen schwarzen Röcken und schweißnassen Brüsten auf der schrägen Fläche als Perserheer ab. Der aischyleische Text, den Durs Grunbein neu übersetzt hat (wozu eigentlich?), wird von den Schauspielern nicht eigentlich gesprochen, sondern skandiert. Silbe für Silbe sprechen sie gedehnt in die Mikroports, sehr lamgsam und ungeheuer bedeutungsschwer. Dadurch kommt eine Spieldauer von gur vier Stunden zustande. Der ganze Abend ist von einem Klangstrom grundiert, der bald dröhnend anschwillt, bald wieder abebbt, aber niemals endet. Mit welch unermüdlicher Kraft Spela Mstnak über Stunden hin trommelt, ist ebenso bewundernswert wie die rhythmische Präzision, mit welcher der Männerchor den Text spricht. Und man versteht schon, was Ulrich Rasche mit seinem Theater bewirken möchte: Einen Sog von archaischer Kraft, der etwas im Zuschauer anspricht, das tiefer liegt als sein Intellekt. Aber in Salzburg geht sein Konzept (in meinem Falle) nicht auf. Nicht mitreißend wirkt dieser Theaterabend, sondern einschläfernd und lähmend. Er tritt genauso auf der Stelle wie die Schauspieler auf ihren Scheiben, die reden und reden und gehen und gehen und doch nicht vorwärtskommen. Da zudem alle Textpassagen mit ähnlicher Bedeutungsschwere zerdehnt werden, wird man des hohen Tones bald müde. Sich auf die Geschichte zu konzentrieren, fällt daher unglaublich schwer, wobei die englischen Übertitel zusätzlich ablenken. Dass es auf die Handlung ja auch nicht vornehmlich ankomme, lässt sich leicht einwenden. Aber dann könnte Rasche genausogut Kochrezepte skandieren lassen.

Völlig anders nahm sich die Inszenierung von Henzes „Bassariden“ aus, die zwei Tage vor den „Persern“ in der Felsenreitschule Premiere hatte. Die Oper wurde 1966 in Salzburg uraufgeführt, und es ist im Rahmen des diesjährigen Programmes stimmig, sie wieder auf die Bühne zu bringen. Was uns dieses auf Euripides‘ Bakchen zurückgehende Stück über den Einzug des Gottes Dionysos und die tödliche Weigerung des Pentheus, dessen Kult anzuerkennen, heute noch sagen kann, versucht Krysztof Warlikowskis Inszenierung mit einer Verlegung der Handlung ins 20. Jahrhundert zu beantworten. Pentheus, Dionysos, Augaue, Autonoe – hier sind das keine mythischen Figuren, sondern Alltagsmenschen in Anorak und Abendkleid. Das wäre schon legitim, wenn die Regie auch eine konkrete Antwort auf die Frage böte, was ein dionysischer Kult heute sein könnte. Das bleibt Warlikowski aber schuldig. Die sich ekstatisch gebärdende nackte Tänerzin wirkt vor diesem Fragehorizont eher putzig als erhellend, und auch die Personenregie überzeugt nur in Ansätzen. Dabei ist die Besetzung sehr gut! Vor allem der kraftvolle Sopran von Tanja Ariane Baumgartner bleibt in Erinnerung. Wie sie am Ende das Haupt ihres Sohnes Pentheus (markant und ausdrucksstark gesungen von Russell Braun) unterm Nachthemd trägt, fast so, als wäre sie schwanger mit ihm, sich aber noch weigert, sich selbst ihre grause Tat einzugestehen, ist der stärkste Moment des Abends. Auch der eher dunkle Tenor von Sean Panikkar überzeugt und passt zur Rolle des gefahrvollen Dionysos. Der kühle Eindruck, den die Aufführung dennoch hinterließ, mag auch ein wenig Kent Nagano geschuldet sein, der am Pult der wunderbaren Wiener Philhamoniker alle Hände voll damit zu tun hat, die Struktur dieser komplexen Komposition zu ordnen und zu verwalten. Lodernde Leidenschaft ist seine Sache nun ohnehin nicht, aber bei einem solchen Stück hätte man sich doch ein wenig mehr davon gewünscht.

 

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