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Livekritik zu

Alles Cranko!

15.06.2015 - 27.06.2015 | Stuttgart / Opernhaus Stuttgart
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cgohlke
am 26.07.2018

A Reid Anderson Celebration

Eine Ballett-Gala zu Ehren von Reid Anderson

22 Jahre lang hat Reid Anderson das Suttgarter Ballett geleitet. Nun endet seine Amtszeit im Schwabenland. Tamas Detrich übernimmt seinen Post ab der kommenden Spielzeit. Zum Abschied wurde Reid Anderson mit einer Gala gedankt, die sein Schaffen in Stuttgart mit Ausschnitten würdigte, die während seiner Intendanz gezeigt wurden. Rechnet man die Etüden der Cranko Schule und das Defilee der ganzen Compagnie mit hinzu, so bestand der Abend aus zweiundzwanzig Beiträgen – eine überreiche Fülle!

Zunächst wurde Andersons vielleicht größtes Verdienst ums Stuttgarter Ballett gewüridgt: Der Neubau der John Cranko Schule. Dies geschah nicht nur in ausführlichen Reden von Ministerpräsident Kretschmann und Oberbürgermeister Kuhn, sondern besonders eindrücklich durch den Auftritt der Eleven der John Cranko Schule.

Der Begründer des sogenannten Stuttgarter Ballettwunders, eben John Cranko, bildete natürlich auch während der Amtszeit von Anderson einen gewichtigen Schwerpunkt im Repertoire, und so war es richtig, den Reigen der tänzerischen Darbietungen mit einem Ausschnitt aus dessen „Romeo und Julia“ zu eröffnen. Er zeigte indes nicht nur die Schönheit der Choreographie, sondern auch, welche Schwierigkeit es für die Tänzer bedeutet, einen handlungsbedingten Pas des deux aus dem Kontext zu lösen. Jedenfalls blieb der Eindruck, dass Jason Reilly und Hyo-Jung Kang nicht so recht in ihren Rollen waren und bei aller technischen Meisterschaft etwas Mühe hatten, die Liebe zwischen Romeo und Julia auch darstellerisch glaubhaft werden zu lassen.

Sodann reihe sich Perle an Perle, und es ist schwer, einen Glanzpunkt zu benennen, ohne andere zu vernachlässigen. Besonders ausdrücksstark gelang vielleicht das kurze Stück von Christian Spuck mit dem Titel „Das Siebte Blau“, weil die eher kantige, herb anmutende Choreographie ganz wunderbar die Dynamik des Schubertschen Streichquartetts wiedergibt und weil Anna Osadcenko im Zentrum von insgesamt sieben hervorragenden männlichen Partnern stand. Ein Höhepunkt technischen Könnens bildete gewiss der Ausschnitt aus „Don Quijote“ nach Marius Petipa. Elisa Badenes und Daniel Camargo, der als Gast vom Niederländischen Nationalballett eingeladen war, brillierten mit Piouretten, Sprüngen, Fouettes und Batteries wie man es tatsächlich nicht häufig erlebt. Donnernder Applaus beendete so den ersten Teil des fast sechsstündigen Abends.

Die beiden seelenvollsten Beiträge waren von John Neumeier choreographiert. Zum einen das bezaubernde Duett aus „Othello“ zu Musik von Arvo Pärt. So minimalistisch und gleichzeitig ausdrucksstark die Musik, so zurückgenommen und gleichzeitig intensiv gelang hier die Bewegungskultur von Anna Laudere (als Gast aus Hamburg) und Jason Reilly. Auch der Ausschnitt aus der „Kameliendame“ berührte durch Glaubhaftigkeit und emotionale Tiefe. Gezeigt wurde der Auftritt des Germont (Roman Novitzky), der die Kameliendame (Alicia Amatriain) dazu bestimmt, ihren Geliebten um seines Familienfriends willen gehen zu lassen, woebi sie gleichsam von den Gestalten ihrer Erinnerung zu Chopins Regentropfenprelude eingeholt wird. Neumeier hat diese Szene einst für Reid Anderson und Marcia Haydée geschaffen. Auch darum war sie an diesem Abend gut gewählt.

Ungemein ausdrucksstark gelang schließlich auch die Schluss-Szene aus Crankos Onegin, fabelhaft ungestüm dargestellt von Friedemann Vogel, der alle Technik mobilisierte, um Tatjana zurückzugewinnen, die Alicia Amatriain als gleichzeitig zarte und starke Frau gab. Als „eiserne Schmetterlinge“ bezeichnete John Cranko seine Tänzer einmal. Wer diesen Abend in Stuttgart erlebt hat, der weiß, warum.

 

Stuttgart, 22. Juli 2018

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