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Livekritik zu

Le nozze di Figaro

11.05.2012 - 20.11.2016 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 21.07.2018

Modisch korrekt

Mozarts „Figaro“ an der Bayerischen Staatsoper

 

Man darf Constantinos Carydis‘ Dirigat von Mozarts „Le nozze di Figaro“, wie es jetzt in München zu hören war, wohl getrost als exzentrisch bezeichnen. Es fängt an bei der Wahl seiner Tempi. Manchmal treibt er das Orchester der Staatsoper so heftig an, dass die Musiker kaum hinterherkommen (etwa bei der Ouvertüre), dann wieder bremst er den Fluß der Musik bis zum völligen Stillstand (etwa bei der ersten Arie des Cherubino). Carydis scheut die Extreme nicht, eher sucht er nach ihnen. Anders als bei traditionelleren Mozart-Interpreten (die immer seltener werden) ist bei ihm auch der Orchesterklang. Zum einen, weil er den eher dünn besetzen Streicherapparat sehr zurückhalt und dafür Holz- und Blechbläserstimmen in den Vordergrund treten lässt, dann aber vor allem, weil er gleich zwei Cembali im Orchestergraben platziert und sie nicht nur die Rezitative, sondern auch die Arien oder Ensembles begleiten lässt, wodurch die Melodieführung häufig verfremdet, jedenfalls verunklart wirkt. Das Ergebnis ist ein eher herber Klang mit harte Akzenten – und zahlreiche Friktionen zischen Orchester und Sängerensemble. So ‚anders‘ – und so wackelig – hört man Mozart in der Bayerischen Staatsoper nicht allzu häufig. Anders wollen hier auch die Arien gestaltet sein: Wo immer sich die Möglichkeit einer Auszierung bietet, wird sie genutzt. Carydis möchte mit diesem Musizierstil, der sehr an den seines Landsmanns Currentzis erinnert, zweifellos frisch und originell sein. Meines Erachtens geht er in seinem Bemühen indes zu weit.

Erfreulicher als diese angestrengt wirkende musikalische Herangehensweise war die Besetzung des Abends. Allen voran bleibt die kraftvolle, leuchtende und auch in den Höhen perfekt gerundete Stimme von Federica Lombardi im Ohr, die wunderbar zur Partie der Gräfin passt. Dieses „Dovo sono“ ging wirklich zu Herzen. Für den erkrankten Christian Gerhaher sprang in der Rolle des Grafen Markus Eiche ein. Er blieb stimmlich zurückhaltend, fügte sich aber bewundernswert gut ins Ensemble. Olga Kulchynska gab mit einem starken, zuweilen vielleicht etwas hart klingenden Sopran eine spielfreudige Susanna, und Alex Esposito war an ihrer Seite ein stimmstarker, routinierter Figaro.

Dass die Sänger seit der Premiere der Produktion im vergangenen Oktober im Spiel freier geworden sind (und nicht mehr jede „Idee“ des Regisseurs Christof Loy exekutieren, bekommt dieser Inszenierung ganz gut. Loys Arbeit ist, indem sie das Stück in einer diffusen Gegenwart ansiedelt und eher seine abgründigen als seine komischen Momente betont, ungefähr so modisch wie das Dirigat von Carydis. Etwas mehr Gelssenheit, etwas mehr Humor, etwas mehr menschliche Wärme, das hätte diesem „Figaro“ gutgetan.

München, am 17. Juli 2018

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