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Livekritik zu

Parsifal

28.03.2013 - 20.04.2014 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 07.07.2018

O diese Wunde

Georg Baselitz und Pierre Audi inszenieren einen unfassbar langweiligen „Parsifal“ am Münchner Nationaltheater

 

Die szenische Ödnis, die von Georg Baselitz‘ und Pierre Audis neuer Parsifal-Inszenierung ausgeht, legt sich wie Blei über den ganzen Abend. Müde und verdorssen verlässt man nach gut fünf Stunden das Nationalthetaer, das doch gerade diese Neuproduktion zum Highlight der Opernsaison ausgerufen hat. Und wirklich: Der Bestzungszettel liest sich großartig! Die glanzvollen Namen verheißen eine erstklassige Aufführung. Und doch überzeugt diese Produktion auch musikalisch nur bedingt.

Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester musizieren mit großer Feinheit: zart und Farbenreich, flexibel in der Dynamik, eher zügig im Tempo. Gleichzeitig bleibt dieses Dirigat merkwürdig fahl und atmosphärelos. Was fehlt, sind große Spannungsbögen, was fehlt, ist dramatische Wucht. Die orchestralen Ausbrüche, die durchaus nicht fehlen, wollen sich nicht zwingend aus dem Fluß der Musik ergeben. Bei aller Bewunderung für die enorme Detailarbeit, die hier zweifellos geleistet wurde, bleibt Petrenkos „Parsifal“ etwas steril und wohl auch allzu kühl. Selbst zu Beginn des 2. Aufzuges stellt sich mitreißende Erregung kaum ein.

Dabei ist Nina Stemme eine stimmlich hervorragende Kundry! Ihr allein gelingt es, den grauen Schleier, der über dem ganzen Abend liegt, immer einmal wieder mit hochdramatischen Attacken zu zerreißen und für eindringliche Momente zu sorgen. Nicht unbedingt mit ihren Schreien (die bleiben zu kontrolliert). Aber im erfolglosen Widerstand gegenüber Klingsor (mit fast zu weich-wohllautendem Bariton von Wolfgang Koch gesungen) und dann vor allem im Dialog mit ihrem Opfer Parsifal entfaltet sie große Dramatik. Nach ihrem Kuss hat auch Jonas Kaufmann seinen größten Moment des Abends: „Welthellsichtig“ geworden, denkt er an Amfortas und versteht plötzlich dessen Verwundung. Das gelingt Jonas Kaufmann eindringlich! Hier gewinnt seine sonst etwas belegt klingende Stimme Strahlkraft und Ausdrucksvermögen. Davon hätte man sich mehr vom Gurnemanz des René Pape gewünscht. Er sang die lange Partie zwar eindrucksvoll textverständlich mit unermüdlicher Kraft und geschmeidigem Bass, blieb gestalterisch aber blass und allzu gleichförmig im Ausdruck. Was Papa vermissen ließ, bot Christian Gerhaher als Amfortas in überreichem Maße. Er gestaltet die Partie wie ein Liedsänger, indem er dem Sinn jeder Zeile nachspürt und dabei fast für jedes Wort einen eigenen Akzent findet. Ähnlich wie bei Petrenko geht diese durchdachte und sorgfältig erarbeitete Genauigkeit aber auf Kosten der großen musikalischen Linie und wirkt darum mitunter manieriert.

 

Dass ein Opernabend trotz einer derart luxuriösen Besetzung so zäh und verstimmend gerät, ist dann doch überraschend. Nach der Ursache für diese Enttäuschung muss indes nicht lange gesucht werden. Sie kann mit zwei Namen griffig bezeichnet werden: Baselitz und Audi heißen die Schuldigen. Das Bühnenbild von Georg Baselitz darf man wohl als uninspiriert bezeichnen. 1. Akt: schwarze Baumgerippe vor schwarzem Hintergrund. 2. Akt: Weiße Wand mit grob gepinselten Steinquadern. 3. Akt: wie erster Akt, nur (endlich!) kopfüber. Pierre Audi lässt in diesem trist einfallslosen Ambiente die Sänger hilflos herumstehen. Personenführung gibt es nicht. Ideen genauso wenig. Dafür aber denkbar hässliche Kostüme von Florence von Gerkan: Fettleibige Blumenmädchen (exzellent vom Damenchor der Staatsoper gesungen!) und Ritter in unförmig sackartigen Gewändern. Man braucht lange, bis man sich von dieser Opern-Wunde erholt hat.

München, am 5. Juli 2018

O diese Wunde

Georg Baselitz und Pierre Audi inszenieren einen unfassbar langweiligen „Parsifal“ am Münchner Nationaltheater

 

Die szenische Ödnis, die von Georg Baselitz‘ und Pierre Audis neuer Parsifal-Inszenierung ausgeht, legt sich wie Blei über den ganzen Abend. Müde und verdorssen verlässt man nach gut fünf Stunden das Nationalthetaer, das doch gerade diese Neuproduktion zum Highlight der Opernsaison ausgerufen hat. Und wirklich: Der Bestzungszettel liest sich großartig! Die glanzvollen Namen verheißen eine erstklassige Aufführung. Und doch überzeugt diese Produktion auch musikalisch nur bedingt.

Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester musizieren mit großer Feinheit: zart und Farbenreich, flexibel in der Dynamik, eher zügig im Tempo. Gleichzeitig bleibt dieses Dirigat merkwürdig fahl und atmosphärelos. Was fehlt, sind große Spannungsbögen, was fehlt, ist dramatische Wucht. Die orchestralen Ausbrüche, die durchaus nicht fehlen, wollen sich nicht zwingend aus dem Fluß der Musik ergeben. Bei aller Bewunderung für die enorme Detailarbeit, die hier zweifellos geleistet wurde, bleibt Petrenkos „Parsifal“ etwas steril und wohl auch allzu kühl. Selbst zu Beginn des 2. Aufzuges stellt sich mitreißende Erregung kaum ein.

Dabei ist Nina Stemme eine stimmlich hervorragende Kundry! Ihr allein gelingt es, den grauen Schleier, der über dem ganzen Abend liegt, immer einmal wieder mit hochdramatischen Attacken zu zerreißen und für eindringliche Momente zu sorgen. Nicht unbedingt mit ihren Schreien (die bleiben zu kontrolliert). Aber im erfolglosen Widerstand gegenüber Klingsor (mit fast zu weich-wohllautendem Bariton von Wolfgang Koch gesungen) und dann vor allem im Dialog mit ihrem Opfer Parsifal entfaltet sie große Dramatik. Nach ihrem Kuss hat auch Jonas Kaufmann seinen größten Moment des Abends: „Welthellsichtig“ geworden, denkt er an Amfortas und versteht plötzlich dessen Verwundung. Das gelingt Jonas Kaufmann eindringlich! Hier gewinnt seine sonst etwas belegt klingende Stimme Strahlkraft und Ausdrucksvermögen. Davon hätte man sich mehr vom Gurnemanz des René Pape gewünscht. Er sang die lange Partie zwar eindrucksvoll textverständlich mit unermüdlicher Kraft und geschmeidigem Bass, blieb gestalterisch aber blass und allzu gleichförmig im Ausdruck. Was Papa vermissen ließ, bot Christian Gerhaher als Amfortas in überreichem Maße. Er gestaltet die Partie wie ein Liedsänger, indem er dem Sinn jeder Zeile nachspürt und dabei fast für jedes Wort einen eigenen Akzent findet. Ähnlich wie bei Petrenko geht diese durchdachte und sorgfältig erarbeitete Genauigkeit aber auf Kosten der großen musikalischen Linie und wirkt darum mitunter manieriert.

 

Dass ein Opernabend trotz einer derart luxuriösen Besetzung so zäh und verstimmend gerät, ist dann doch überraschend. Nach der Ursache für diese Enttäuschung muss indes nicht lange gesucht werden. Sie kann mit zwei Namen griffig bezeichnet werden: Baselitz und Audi heißen die Schuldigen. Das Bühnenbild von Georg Baselitz darf man wohl als uninspiriert bezeichnen. 1. Akt: schwarze Baumgerippe vor schwarzem Hintergrund. 2. Akt: Weiße Wand mit grob gepinselten Steinquadern. 3. Akt: wie erster Akt, nur (endlich!) kopfüber. Pierre Audi lässt in diesem trist einfallslosen Ambiente die Sänger hilflos herumstehen. Personenführung gibt es nicht. Ideen genauso wenig. Dafür aber denkbar hässliche Kostüme von Florence von Gerkan: Fettleibige Blumenmädchen (exzellent vom Damenchor der Staatsoper gesungen!) und Ritter in unförmig sackartigen Gewändern. Man braucht lange, bis man sich von dieser Opern-Wunde erholt hat.

München, am 5. Juli 2018

O diese Wunde

Georg Baselitz und Pierre Audi inszenieren einen unfassbar langweiligen „Parsifal“ am Münchner Nationaltheater

 

Die szenische Ödnis, die von Georg Baselitz‘ und Pierre Audis neuer Parsifal-Inszenierung ausgeht, legt sich wie Blei über den ganzen Abend. Müde und verdorssen verlässt man nach gut fünf Stunden das Nationalthetaer, das doch gerade diese Neuproduktion zum Highlight der Opernsaison ausgerufen hat. Und wirklich: Der Bestzungszettel liest sich großartig! Die glanzvollen Namen verheißen eine erstklassige Aufführung. Und doch überzeugt diese Produktion auch musikalisch nur bedingt.

Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester musizieren mit großer Feinheit: zart und Farbenreich, flexibel in der Dynamik, eher zügig im Tempo. Gleichzeitig bleibt dieses Dirigat merkwürdig fahl und atmosphärelos. Was fehlt, sind große Spannungsbögen, was fehlt, ist dramatische Wucht. Die orchestralen Ausbrüche, die durchaus nicht fehlen, wollen sich nicht zwingend aus dem Fluß der Musik ergeben. Bei aller Bewunderung für die enorme Detailarbeit, die hier zweifellos geleistet wurde, bleibt Petrenkos „Parsifal“ etwas steril und wohl auch allzu kühl. Selbst zu Beginn des 2. Aufzuges stellt sich mitreißende Erregung kaum ein.

Dabei ist Nina Stemme eine stimmlich hervorragende Kundry! Ihr allein gelingt es, den grauen Schleier, der über dem ganzen Abend liegt, immer einmal wieder mit hochdramatischen Attacken zu zerreißen und für eindringliche Momente zu sorgen. Nicht unbedingt mit ihren Schreien (die bleiben zu kontrolliert). Aber im erfolglosen Widerstand gegenüber Klingsor (mit fast zu weich-wohllautendem Bariton von Wolfgang Koch gesungen) und dann vor allem im Dialog mit ihrem Opfer Parsifal entfaltet sie große Dramatik. Nach ihrem Kuss hat auch Jonas Kaufmann seinen größten Moment des Abends: „Welthellsichtig“ geworden, denkt er an Amfortas und versteht plötzlich dessen Verwundung. Das gelingt Jonas Kaufmann eindringlich! Hier gewinnt seine sonst etwas belegt klingende Stimme Strahlkraft und Ausdrucksvermögen. Davon hätte man sich mehr vom Gurnemanz des René Pape gewünscht. Er sang die lange Partie zwar eindrucksvoll textverständlich mit unermüdlicher Kraft und geschmeidigem Bass, blieb gestalterisch aber blass und allzu gleichförmig im Ausdruck. Was Papa vermissen ließ, bot Christian Gerhaher als Amfortas in überreichem Maße. Er gestaltet die Partie wie ein Liedsänger, indem er dem Sinn jeder Zeile nachspürt und dabei fast für jedes Wort einen eigenen Akzent findet. Ähnlich wie bei Petrenko geht diese durchdachte und sorgfältig erarbeitete Genauigkeit aber auf Kosten der großen musikalischen Linie und wirkt darum mitunter manieriert.

 

Dass ein Opernabend trotz einer derart luxuriösen Besetzung so zäh und verstimmend gerät, ist dann doch überraschend. Nach der Ursache für diese Enttäuschung muss indes nicht lange gesucht werden. Sie kann mit zwei Namen griffig bezeichnet werden: Baselitz und Audi heißen die Schuldigen. Das Bühnenbild von Georg Baselitz darf man wohl als uninspiriert bezeichnen. 1. Akt: schwarze Baumgerippe vor schwarzem Hintergrund. 2. Akt: Weiße Wand mit grob gepinselten Steinquadern. 3. Akt: wie erster Akt, nur (endlich!) kopfüber. Pierre Audi lässt in diesem trist einfallslosen Ambiente die Sänger hilflos herumstehen. Personenführung gibt es nicht. Ideen genauso wenig. Dafür aber denkbar hässliche Kostüme von Florence von Gerkan: Fettleibige Blumenmädchen (exzellent vom Damenchor der Staatsoper gesungen!) und Ritter in unförmig sackartigen Gewändern. Man braucht lange, bis man sich von dieser Opern-Wunde erholt hat.

München, am 5. Juli 2018

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