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Livekritik zu

LEONCE UND LENA

08.11.2013 - 09.04.2014 | Bonn / Theater Bonn - Kammerspiele
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Ansgar Skoda
am 06.01.2014

Nieder mit der Arbeit – Georg Büchners „Leonce und Lena“ im Bonner Theater

Komm, liebe Lan­ge­weile. Wofür lohnt es sich zu leben? Müßig­gang ist der Wel­ten Lohn. Erst 22-jährig schrieb Georg Büch­ner um 1835 das Lust­spiel Leonce und Lena und kri­ti­sierte darin das Miss­ver­hält­nis von den Werk­ta­gen der Unter­schicht zu den soge­nann­ten Sonn­ta­gen der vor­neh­me­ren Gesell­schaft. Büch­ner musste damals, von der Obrig­keit der deut­schen Klein­staa­te­rei poli­tisch ver­folgt, im Straß­bur­ger Exil leben. Ange­wi­dert von den feh­len­den demo­kra­ti­schen Rech­ten, dem Des­po­tis­mus und der gesell­schaft­li­chen Enge hatte er schon im Vor­jahr das Drama Dan­tons Tod über poli­ti­sche Macht­kämpfe und Kon­flikte im nach­re­vo­lu­tio­nä­ren Frank­reich ver­fasst. Nun also ein Lust­spiel, wel­ches in einer bear­bei­ten­den Fas­sung der­zeit erfolg­reich am Bon­ner Thea­ter insze­niert wird.

 

Fer­tig­keit im Nichtstun

Prinz Leonce (Ben­ja­min Ber­ger), Sohn von König Peter (Glenn Goltz), dem Regen­ten des Klein­staa­tes Popo, lang­weilt sich in sei­nem Wohl­stand und täg­li­chem Einer­lei. Aus politisch-strategischen Grün­den soll er mit Lena (Johanna Falck­ner), der Prin­zes­sin aus dem Klein­staat Pipi, ver­hei­ra­tet wer­den. Weil er dazu über­haupt keine Lust hat beschließt er, nach Ita­lien zu flüch­ten, nur beglei­tet von sei­nem Getreuen Vale­rio (Sören Wun­der­lich). Dem höfi­schen Leben über­drüs­sig begibt sich auch Lena zusam­men mit ihrer Gou­ver­nante Rosetta (Julia Kei­ling) auf eine ähn­li­che Flucht. Auf der Reise tref­fen Leonce und Lena auf­ein­an­der und ver­lie­ben sich, ohne zu wis­sen, wer der andere ist.

Vale­rio und Rosetta, wel­che die Iden­ti­tä­ten der bei­den erken­nen, ermu­ti­gen sie zu einer Hei­rat und einer Rück­reise nach Popo. Dort stel­len die bei­den Die­ner Leonce und Lena als zwei men­schenglei­che Auto­ma­ten vor. König Peter beschließt, die bei­den Maschi­nen in effi­gie zu ver­mäh­len, also in Abwe­sen­heit des Braut­paa­res eine gül­tige Ehe zu beschlie­ßen, durch die Ver­tre­tung zweier Gegen­stände. Erst nach der Trau­ung wird dem König Peter offen­bart, dass es sich um den ech­ten Leonce han­delt, der soeben eine echte Frau gehei­ra­tet hat. Doch auch Leonce und Lena sind sehr über­rascht, als sie erfah­ren, wer nun tat­säch­lich der andere ist.

Auch der Frei­tod wäre zu langweilig

Die Hand­lung spielt vor dem Hin­ter­grund einer völ­lig über­kom­me­nen politisch-gesellschaftlichen Struk­tur. Nach dem Wie­ner Kon­gress wur­den weit­ge­hend die alten Herr­schafts­for­men wie­der auf­ge­baut und zudem zer­fiel Deutsch­land in viele Klein­staa­ten mit jeweils mehr oder weni­ger abso­lu­tis­ti­schen Herr­schern. Obschon ein Bewusst­sein von Bür­ger­rech­ten und Demo­kra­tie ent­stan­den war, wur­den alle demo­kra­ti­schen Bestre­bun­gen von der Herr­schaft bru­tal unter­bun­den. So ent­stand ein Klima der Lethar­gie, der Hoff­nungs­lo­sig­keit und der Klein­geis­tig­keit. Dem setzte Büch­ner die jugend­li­chen Prot­ago­nis­ten ent­ge­gen, die zunächst des­il­lu­sio­niert und gelang­weilt in den Tag hin­ein­le­ben. Erst mit der Flucht nach Ita­lien, damals schon das Traum­ziel der Deut­schen, kommt etwas in Bewe­gung. Die Liebe und das Aben­teuer stellt Büch­ner dem spieß­bür­ger­li­chen Obrig­keits­staat ent­ge­gen. Doch schei­tert die Revo­lu­tion der Liebe schon daran, dass die Knechte und Bau­ern zur Feier antre­ten müs­sen und sie zu Freude und Dank­bar­keit ver­pflich­tet wer­den. Leonce wird vom Vater zu sei­nem Nach­fol­ger ernannt, und es gibt kei­nen Hin­weis dar­auf, dass er nun irgend­et­was anders machen wird als bis­her im Staate Popo. Nur Vale­rio ver­fasst ein Mani­fest, dass gera­dezu anar­chis­tisch alle Men­schen zu Müßig­gang und Faul­heit aufruft.

Dro­gen nehm’ und rumfahrn’

Die Insze­nie­rung vom Regie­duo Mirja Biel und Joerg Zbo­ral­ski bringt die Leich­tig­keit des Lust­spiels mit viel Humor, Albern­heit und unter­halt­sa­men Gesangs­ein­la­gen auf die Bad Godes­ber­ger Bühne. Die Neu­in­sze­nie­rung einer Bre­mer Pro­duk­tion war­tet mit spon­tan wir­ken­der Hin­ter­grund­mu­sik und erfri­schen­den Gesangs­ein­la­gen eines auf­tre­ten­den Erzäh­lers (Knarf Rel­löm) auf. Dem Ensem­ble gelingt es dem nun 180 Jahre alten Stück eine leben­dige Aktua­li­tät abzu­ge­win­nen, auch weil in die Bear­bei­tung phi­lo­so­phi­sche Ideen und Zitate von u. a. Charles Bau­de­laire, E. M. Fors­ter, Oscar Wilde oder den Glück­li­chen Arbeits­lo­sen mit ein­flie­ßen. „Mein Kopf ist ein lee­rer Tanz­saal“ heißt es mal und immer wie­der wird eine „Aus­dauer in der Faul­heit“ zele­briert. Was das mensch­lich Absurde der dama­li­gen Umstände uns in der Gegen­wart noch sagen kann, ver­mit­telt das durch­schnitt­lich noch recht junge Schau­spiel­en­sem­ble mit viel Tempo und Witz. Der Topos der roman­ti­schen Ita­li­en­sehn­sucht wird mit einem 60er Jahre Wohn­wa­gen auf­ge­grif­fen, es gibt Anspie­lun­gen auf die Hippie- und Punk­be­we­gung und neu­deut­sche Musik­ein­la­gen wie den Benadette-La-Hengst-Hit „Lass uns Dro­gen nehm‘ und rumfahrn‘.“

Ein Lust­spiel nimmt kein lus­ti­ges Ende

Die Dar­stel­ler ver­mit­teln nuan­ciert die absur­den Kon­flikte ihrer Figu­ren. Glenn Goltz spielt einen König, der in sei­ner schon etwas schus­se­lig kul­ti­vier­ten Lan­ge­weile völ­lig gefühls­leer beklagt, er werde jetzt trau­rig. Ben­ja­min Ber­gers Leonce zeigt bra­vou­rös den per­ma­nen­ten Zwie­spalt des Leids, sich etwas vom Leben zu erwar­ten und immer wie­der an die Gren­zen zu gera­ten, die ihm die bie­der­meie­ri­sche Gesell­schaft, aber auch seine eigene Sicht­weise der Welt set­zen. Ganz anders Sören Wun­der­lich als der Freund des Prin­zen, dem Leonce sich bei der ers­ten Begeg­nung anver­traut. Die­ser lebt nur nach sei­nen direk­ten Bedürf­nis­sen und ver­kör­pert das Ideal eines freien Lebens.

Damals wie heute geht es unab­hän­gig von den jewei­li­gen poli­ti­schen Hin­ter­grün­den auch um die Liebe und die Jugend, die ange­ödet ist von über­kom­me­nen Struk­tu­ren und inhalts­lo­sen For­men. Es wird aber auch gezeigt, wie alle Betei­lig­ten darin gefan­gen sind und es selbst der Jugend mit ihrer hei­ßen Liebe nicht gelingt, die Struk­tu­ren wirk­lich zu ver­än­dern. Das Lust­spiel ent­behrt ein lus­ti­ges Ende. So bleibt eben zuletzt nur noch der Auf­ruf des Die­ners Vale­rio zum Nichts­tun, der aber, weil er auch die Unter­schicht, die Bau­ern und Arbei­ter meint, ein Auf­ruf zur Anar­chie bedeutet.

Alle Fotos: Thilo Beu

Wei­tere Spiel­ter­mine in den Bad Godes­ber­ger Kam­mer­spie­len am Sa. 11.01., Di. 21.01. sowie Mi. 09.04. jeweils um 19.30 Uhr sowie So. 02.02. jeweils um 18 Uhr und So. 09.03. um 16 Uhr. Mehr Infos gibt es auf der Web­site des Bon­ner Theaters.

Diese Besprechung erschien erstmals am 9.12.13 auf Bundesstadt.com.

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Die Dar­stel­ler ver­mit­teln nuan­ciert die absur­den Kon­flikte ihrer Figu­ren.

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"Leonce und Lena" im Theater Bonn © Thilo Beu
"Leonce und Lena" im Theater Bonn © Thilo Beu
"Leonce und Lena" im Theater Bonn © Thilo Beu
"Leonce und Lena" im Theater Bonn © Thilo Beu
"Leonce und Lena" im Theater Bonn © Thilo Beu
"Leonce und Lena" im Theater Bonn © Thilo Beu
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