Overlay

Mazeppa

24.02.2013 - 02.07.2013 | Berlin / Komische Oper Berlin
© Gediminas Zilinskas / Gestaltung Blotto Design
© Gediminas Zilinskas / Gestaltung Blotto Design
Beschreibung: 

Eine zum Scheitern verurteilte leidenschaftliche Liebe in politisch unruhigen Zeiten. Mit emotionaler Wucht zeichnet Tschaikowski in  Mazeppa  die zerstörerische Kraft einer Liebe, die sich gegen alle äußeren Widerstände zu behaupten versucht und daran zerbricht. Zum ersten Mal überhaupt ist Tschaikowskis Meisterwerk als Neuproduktion in Berlin zu erleben. Groß ist die Liebe und gegen jede Norm, die der ukrainische Hauptmann Mazeppa und die erheblich jüngere Gutsherrentochter Maria füreinander empfinden. Mazeppa und Maria geben nicht klein bei und fliehen. Doch die Leidenschaft Mazeppas, einst Kraftquell der Liebe zu Maria, wandelt sich in unerbittliche Grausamkeit gegen Marias Vater, der sich für die Demütigung der »entführten« Tochter zu rächen versucht. Maria muss die Ermordung des eigenen Vaters mitansehen. Was für sie wie ein Märchen begann, entpuppt sich als Alptraum, an dessen Ende zuerst Marias Seele, dann ihr Geist zerbricht. Obwohl es sich bei dem ukrainischen Nationalhelden Mazeppa um eine historische Figur handelt, stellt Tschaikowski weniger die Historie ins Zentrum seines Werks als die an den Zeitumständen und der gesellschaftlichen Norm scheiternde Liebe eines ungewöhnlichen Paares. Diese Oper findet ihr Ende nicht im tragischen doch erlösenden gemeinsamen Liebestod. Im erschütternden Schlussbild, einzigartig in der Opernliteratur, singt die von Mazeppa verlassene, wahnsinnig gewordene Maria ihren toten Jugendfreund Andrej mit einem Wiegenlied in den Schlaf. Schmelzende Holzbläser, schlichte Chöre im russischen Volkston und sanfte Gesangslinien stehen in hartem Kontrast und militärisch klingenden Bläser- und Schlagwerk-Stellen und dramatischen Gesangspassagen. In der rein instrumental komponierten »Schlacht bei Poltawa« zeigt sich Tschaikowskis Musiksprache in ganzer Vielfalt. Ivo van Hove ist Leiter der Toneelgroep Amsterdam, Hollands bedeutendstem Schauspielensemble. Er arbeitete an Opernhäusern wie der Netherlands Opera, der Vlaamse Opera oder dem Théâtre de la Monnaie. Mit  Mazeppa  inszeniert er nun zum ersten Mal eine Oper in Deutschland. Handlung Erster Akt Maria, die Tochter des reichen Kotschubej, liebt den um viele Jahre älteren Hauptmann der Kosaken Mazeppa. Die Liebe ihres Spielgefährten aus Kindertagen Andrej kann sie indes nicht erwidern. Unerwartet hält Mazeppa bei Kotschubej um Marias Hand an. Kotschubej, seine Frau Ljubow und seine Gefolgschaft sind entsetzt. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, bis Mazeppa Maria vor die Wahl stellt: er oder ihre Familie. Maria entscheidet sich für ihn. Tief gedemütigt sinnt Kotschubej mit seiner Frau auf Rache. Er weiß von heimlichen Umsturzplänen des ehemaligen Vertrauten und beschließt, Mazeppa beim Zaren des Hochverrats anzuklagen. Andrej soll die Botschaft überbringen. Zweiter Akt Weil der Zar Mazeppa bedingungslos vertraut, hat er Kostschubej an ihn ausgeliefert. Unter Folter hat Kotschubej alle Anschuldigungen zurückgenommen und soll nun den Ort offenbaren, an dem er seine Reichtümer versteckt hat, ehe Mazeppa den einstigen Freund töten lassen will. Maria gegenüber verheimlicht Mazeppa das Schicksal ihres Vaters. Sie vermutet hinter seinem merkwürdigen Verhalten eine andere Frau. Um ihre Eifersucht zu zerstreuen, verrät Mazeppa ihr seinen Plan, gegen den Zaren für die Unabhängigkeit der Ukraine zu kämpfen. Er presst ihr das Versprechen absoluter Treue ab. Heimlich sucht Ljubow ihre Tochter auf, um sie dazu zu bewegen, den Tod des Vaters zu verhindern. Maria ist von der Nachricht so erschüttert, dass sie für Augenblicke die Besinnung verliert. Zu spät erreicht sie den Richtplatz und kann der öffentlichen Hinrichtung des Vaters nur noch tatenlos zusehen. Dritter Akt In der Schlacht bei Poltawa erleidet Mazeppa eine vernichtende Niederlage gegen den Zaren. Von den kaiserlichen Truppen verfolgt, trifft er auf dem zerstörten Anwesen Kotschubejs Andrej, der auf Rache sinnt. Mazeppa schießt ihn nieder. Maria ist über die schrecklichen Ereignisse wahnsinnig geworden. Sie erkennt Mazeppa nicht mehr. Er lässt sie in den Trümmern zurück. Andrej stirbt. Maria singt ein schlichtes Wiegenlied. Interview  Die Unmöglichkeit der Liebe Ivo van Hove und Henrik Nánási sprechen über sachliche Gefühle, das Scheitern des Einzelnen und ein Stück Brot Opulente Chore, tiefbewegende Melodien und großangelegte sinfonische Bögen – beim Hören von Mazeppa ist man erst einmal überwältigt. Wie bringt man solch ein Werk auf die Bühne? Wo liegen die Herausforderungen? Henrik Nánási Ich versuche das Werk immer zuerst als Ganzes zu sehen. Was erzählen mir Geschichte und Musik in ihrer Gesamtheit? Dann gehe ich in die Details. Die Schwierigkeit und gleichzeitig die Herausforderung besteht darin, dass Tschaikowski nicht so ganz genau trennt zwischen Arie, Duett, Arioso und Rezitativ, sondern alles ineinander fließen lässt. Das ist bei Verdis späteren Werken ähnlich. Bei Tschaikowski ist es darüber hinaus wirklich schwierig zu entscheiden, wo man die Musik »überkochen« lässt. Tschaikowskis Musik verleitet gerne dazu, dass man a l l e s hochemotional interpretiert. Er versieht auch die schlichteste Handlung mit sehr leidenschaftlicher Musik. Wenn es im Libretto heißt: »Gib mir ein Stück Brot«, aber die Musik erzählt »ich liebe dich, ich sterbe, weil ich dich nicht bekommen kann«, kann das bisweilen ziemlich skurril wirken. Dann muss man sich eben bewusst machen, dass es trotzdem heißt: »Gib mir ein Stück Brot.« – und es auch so spielen. Ich glaube, man muss sehr viel stärker differenzieren und die Musik bisweilen wirklich sachlich nehmen, um dort, wo es wirklich brodelt, die Leidenschaft und die Liebe und die Verzweiflung besser ausdrücken zu können. Ivo van Hove Ich erinnere mich gut an unser erstes Treffen, als Henrik am Flügel saß und wir den gesamten Klavierauszug gemeinsam durchhörten. Ich war sehr erleichtert, als du sagtest: »Man sollte die großen Emotionen ein bisschen auf Distanz halten. Das kommt alles schon … aber später.« Und darin bestand dann auch meine Hauptarbeit: Das Bühnengeschehen so zu organisieren, dass die Geschichte wirklich hervortreten kann. Aber nicht nur die Handlung, auch die Charaktere müssen interessant werden, nicht einfach nur riesig. Das wird sonst schnell pathetisch und sentimental und man verliert das Interesse an der Tiefe eines Charakters. Während der Vorbereitungen entdeckte ich in der Beschäftigung mit der Musik Stück für Stück die leichten und die sehr dunklen Momente. Das muss man sich genau ansehen und für seine Inszenierung nutzen. Henrik machte mir z. B. bewusst, dass bestimmte musikalische Figuren für »Tod« stehen können. Tschaikowskis Musik scheint ja zunächst sehr eingängig. Gerade in der deutschsprachigen Kritik wurde der Komponist ja nicht immer positiv bewertet … Henrik Nánási Ich glaube, man sollte nie außer Acht lassen, in welcher Situation diese Musik entstanden ist und in welchem Land, in welcher Sprache sie geschrieben wurde. Idealerweise sollte man die Sprache, in der diese Musik geschrieben wurde, auch verstehen und damit auch den Geist und die Mentalität, die hinter der Musik steht. Tschaikowski hatte kein einfaches Leben und sehr viel zu kämpfen. Das zeigt sich auch in seiner Musik. Tschaikowski war aufgrund seiner Homosexualität haufigen Anfeindungen ausgesetzt. Seine (Schein-)Ehe war eine Tragodie … Ivo van Hove Henrik sagte es ja schon: Man muss sich im Rahmen einer Inszenierung auch mit der Person Tschaikowski auseinandersetzen. Die Art, wie Tschaikowski über die Liebe spricht, interessiert mich sehr. Die »Unmöglichkeit der Liebe« oder die »unmögliche Liebe« oder »die Liebe, die von der Außenwelt nicht akzeptiert wird« ist ein Thema in vielen meiner Arbeiten. Und es ist das zentrale Thema in Mazeppa. Was ist Liebe? Ist sie wirklich eine Macht, die uns eint? Ich glaube nicht. Ich glaube vielmehr, dass sie uns trennt. Was könnte der Grund sein, dass gerade ein so hochdramatisches Werk wie Mazeppa anders als die anderen beiden Puschkin-Opern Jewgeni Onegin und Pikowaja Dama hierzulande erst in letzter Zeit wieder für die Bühne entdeckt wird? Henrik Nánási Manchmal ist es mir auch unerklärlich, warum ein Stück in Vergessenheit gerät. Oft hat das Gründe, die gar nichts mit der Musik oder dem Stück selbst zu tun haben. Denken wir nur an La traviata. Da war die Hauptdarstellerin der Uraufführung so dick, dass die ganze Aufführung unplausibel wurde. Musikalisch liegt der Reiz an Mazeppa gerade darin, dass der Stil irgendwo zwischen Jewgeni Onegin und Pikowaja Dama angesiedelt ist: Onegin zeigt mehr die lyrischen Seiten der Musik, und Pikowaja Dama ist oft sehr skurril und sehr, sehr dramatisch. Ich glaube, Mazeppa hat von allem ein bisschen. Mazeppa ist aber eben auch als Stoff unbekannter als die beiden anderen Werke. Die russisch-ukrainische Geschichte ist hierzulande ja nur wenigen geläufig … Henrik Nánási Ich glaube aber, das ist gerade das Besondere an Mazeppa! Dass die politische Seite ausgeprägter ist als in den beiden anderen Stücken. Jewgeni Onegin oder Pikowaja Dama zeigen von dieser Seite viel weniger. Ivo van Hove Für mich ist die Verbindung von politischer und privater Handlung immer sehr spannend. In Fall von Mazeppa gewann ein Aspekt besonders im Laufe der Proben zunehmend an Bedeutung: nämlich, wie schwer es der Gesellschaft fällt, mit Individuen umzugehen, die aus der Masse hervorstechen. In einer kleinen Szene wie der des »Betrunkenen Kosaken« zeigt sich das ganz genau. Für mich ist dieser knappe Einwurf emblematisch für die ganze Oper: Mitten in der Hinrichtungsszene sagt der Kosak: »Wir dürfen das Leben genießen! Wir können etwas aus unserem Leben machen!« Dafür wird er von den anderen abgestraft und als »Türke und Tartar«, als »total besoffen« beschimpft. Dem Sänger der Partie sagte ich: »Die beschimpfen dich als betrunken, um dich unschädlich zu machen.« So geht unsere Gesellschaft mit Menschen um, die hervorstechen. Auch Kotschubej sticht für mich hervor, wenn er sagt: »Ich gehe zum Zar!« Mazeppa, Maria – alle stechen sie aus der Masse hervor. Es sind Personen, die eine zentrale Entscheidung treffen, die gegen den Strich geht. Die Stärke des Einzelnen ist es, die für mich in dieser Inszenierung eine große Bedeutung hat, aber auch die dunkle Botschaft, dass der Einzelne sich am Ende doch nicht durchsetzen kann. Das ist eine geradezu fatalistischer Aspekt des Finales im dritten Akt. Hier gibt es nur noch Verlust. Alle haben verloren. Der Krieg ist verloren, die Liebe ist verloren, der Vater ist tot, die Familie zerstört. Verlust. Verlust. Verlust. Und eine unendliche Einsamkeit. Ich glaube, das ist es, was auch Tschaikowski ganz tief empfand. In einem Brief an seine Mäzenin Nadeshda von Meck schrieb er, Mazeppa solle seine letzte Oper sein und dass er sich darum einen Erfolg wünsche. Das abschließende Werk also, in das man alles gesteckt hat. Und es ist wahr: Man spürt in jeder Note dieses Werkes Tschaikowskis ganzes Herzblut. Das Gespräch mit Ivo van Hove und Henrik Nánási führte Johanna Wall.

Noch keine Livekritik vorhanden.
  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre

0 Livekritiken

Noch keine Livekritik vorhanden.
Schreiben Sie die erste!

Eigene Livekritik verfassen.
Gast
Neuer Livekritiker
11.12.2019

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Für Freikarten und Kulturtipps

Andere Besucher interessierte auch

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!