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Livekritik zu

Billy Budd

22.05.2014 - 06.06.2014 | Berlin [ Charlottenburg ] / Deutsche Oper Berlin
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Horst Roediger
am 26.05.2014

Eindrucksvolle Ballade

Das ist schon erstaunlich: Gegen Ende der laufenden Saison präsentiert die Deutsche Oper Berlin eine Aufführung, die in Kooperation mit der English National Opera und dem Bolschoi Theater entstand und wohl schon 2012 in London Premiere hatte. Gleichwohl wird der Abend in seinem Ernst, der Tiefgründigkeit und szenischer wie musikalischer Konzentration ein wirklicher Höhepunkt. Das gilt sowohl für die Inszenierung von David Alden mit den suggestiven Bühnenbildern von Paul Steinberg und den Kostümen von Constance Hoffman wie auch und vor allem für die hochklassige, stets spannungsreiche und fesselnde musikalische Interpretation durch ein präzise und virtuos agierendes Orchester unter der überaus engagierten Leitung von Donald Runnicles mit exzellent vorbereiteten Solisten und Chören, was insgesamt eine geschlossene, zwingende Atmosphäre ergab. 

"Billy Budd" ist nach "Peter Grimes" das zweite "Seestück" des Briten Benjamin Britten und wurde 1951 am Royal Opera House Covent Garden uraufgeführt, mit Brittens Lebensgefährten Peter Pears in der Rolle des Kapitäns. Das Libretto lehnt sich an eine Erzählung von Herman Melville an und thematisiert menschliche Ur-Konflikte wie den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis der Seele und das Ringen mit der übergeordneten Macht des Schicksals. Ort der Handlung ist ein britisches Kriegsschiff im englisch-französischen Seekrieg 1797, dessen Mannschaft mit eiserner Disziplin fast wie Sklaven gehalten wird, um die langen Wartezeiten zwischen einzelnen Gefechtshandlungen zu füllen und den stets befürchteten Meutereien vorzubeugen. Unterwegs werden drei Matrosen eines Handelsfrachters mit dem beziehungsreichen Namen "Menschenrechte" zwangsrekrutiert. Einer davon ist Billy Budd, ein hübscher, kräftiger junger Niemand, dessen offenes Wesen ihm sofort das Wohlwollen der Mannschaft und des Kapitäns sichert. Sein einziger Feind ist von Anfang an der Waffenmeister John Claggart, dessen finsteres Naturell wie ein Kreuzung aus Jago und Mephisto anmutet. Er provoziert Billy Budd in Gegenwart des Kapitäns mit gänzlich ungerechtfertigten Vorwürfen, auf die der Stotterer Billy in seiner momentanen Erregung nicht antworten kann und den Ankläger stattdessen mit einem tödlichen Schlag niederstreckt. Nun muss ihn das Tribunal der Offiziere gemäß Kriegsrecht zum Tode durch Erhängen verurteilen, und der Kapitän greift trotz quälender Zweifel nicht ein, sondern lässt dem Schicksal seinen Lauf.

Das Ensemble, das diese spannungsreiche Szenenfolge zu vermitteln hat, ist durchweg treffend besetzt. Den Kapitän Edward Fairfax Vere singt Burkhard Ullrich, der die Seelenkonflikte dieser Rolle überzeugend zu vermitteln weiss. Billy Budd ist John Chest, bewegend vor allem in den Schlusspassagen seiner Lebensbilanz. Den finsteren John Claggart singt Gidon Saks mit dunklem Bass, die Offiziere Mr. Redburn und Mr. Flint stellen Markus Brück und Albert Pesendorfer auf die Bühne, und den Leutnant Ratcliffe verkörpert Tobias Kehrer mit markantem Ton. Eine abgerundete Charakterrolle gestaltet Lenus Carlson als Billys Allzeit-Freund Dansker. 

Was aber neben der geschlossenen szenischen Leistung, die militärischen Drill eindrücklich vor Augen führt, der Aufführung einen überragenden Rang gibt, ist die Gründlichkeit der musikalischen Erarbeitung. Die Chöre in der Einstudierung von William Spaulding, machtvoll und präzise klingend, fesseln ebenso wie die durchgehend dichte, farbige und stets klangschöne Orchesterleistung mit Donald Runnicles am Pult, dessen  Energie dem Ganzen eine nie nachlassende Faszination sichert. Da gibt es neben einem weitläufig begleitenden Flötensolo herrliche Ensembles der Blechbläser und komplizierte Schlagfolgen einer ganzen Paukenbatterie, die in Erinnerung bleiben. Das durchgehend gespannt lauschende Publikum belohnt das Ensemble mit ausgiebigem, dankbarem Applaus. 

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Spannend, dicht, musikalisch ein Erlebnis : Sehenswert!

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