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Livekritik zu

Frankfurter Rendezvous

05.06.2014 | Frankfurt am Main / Schauspiel Frankfurt
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Katja Marquardt
am 06.06.2014

Zur Premiere des Stücks „Frankfurter Rendezvous – eine Oper zwischen den Fronten“ am 5. Juni sitzen die Zuschauer im ersten Stock des Schauspiel Frankfurt, ausgestattet mit Kopfhörern. Den Blick auf den langsam dunkel werdenden Willy-Brandt-Platz und gleichzeitig auf einen Bildschirm, auf dem das Treiben live als Film läuft. Zu Füßen eine vielbefahrene Tramhaltestelle, rechts ragt die EZB auf, links das große blaue Eurozeichen. Noch etwas weiter links, und man ist mitten im bunten Bahnhofsviertel. Die Darsteller der „Opernschlacht“ auf dieser öffentlichen Bühne sind Schauspieler, Musiker, Laiendarsteller aus dem Viertel, Occupy-Aktivisten und der Regisseur Schorsch Kamerun höchstpersönlich, der sich gleich zu Beginn der Vorstellung in den Zuschauersaal begibt und das Geschehen mit ruhigem Sprechgesang begleitet.

Ein Gesamtkunstwerk aus Passanten, Hipstern und Frankfurter Originalen

Der Frankfurter Willy-Brandt-Platz wurde für die Inszenierung nicht extra abgesperrt, und so weiß der Zuschauer nicht genau, wer zum Ensemble gehört, wer Zuschauer auf der Straße ist, wer als Passant nur kurz durchs Bild läuft. All dies ergibt eine wunderbar harmonische vielfältige Szenerie, und jede Vorstellung wird dadurch einzigartig. Da haben sich ein paar Hipster mit Fahrrädern und Bier eingefunden, um das Stück zu sehen. Oder sind sie nur zufällig hier? Da steht ein älteres Ehepaar an der Haltestelle, staunend. Zwischendrin ein Wagen mit der Band Les Trucs, die die „Musikalische Vollversammlung“ begleitet. Passanten hasten vorbei, nur einen kurzen Blick übrig. Ein kleiner Junge umkreist mit seinem Roller die posierenden Darsteller.

Die Figuren: Uniformierte, Ritter, Hipster, Originale und Aktivisten. Ein Opernsänger im gold-glänzenden Fatsuit. Mal kommen sie mit der Tram angefahren, dann bauen sie Zelte oder Hausfassaden auf oder schleppen Buchsbaumhecken an. Dazu kommen Charaktere der Tafelrunden-Ritter: Sir O. – ein „Cashanova“ im Anzug – und Ritter Lanzelot im schwarzen Alien-Kostüm auf Stelzen. Parzival steht im Engelsgewand orientierungslos und jesusgleich auf den Bahngleisen.

Gentrifizierung: Verdrängung oder Chance für das ganze Viertel?

Die Grundlage des Theaterstücks bilden Interviews, die Kamerun mit den Menschen aus dem sich verändernden Bahnhofsviertel geführt hat. Mit Bewohnern, Investoren, Stadtplanern, Kunststudenten und Menschen, die im Viertel arbeiten. Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist ein spannender und vielfältiger Ort „zwischen den Fronten“, in dem sich die angestammte Bevölkerung, Banker, Junkies, Migranten, Künstler und Occupy-Aktivisten, Gewinner und Verlierer der Gentrifizierung, begegnen.

„Belebter Ort = guter Ort?“, fragt Kamerun. Die Oper setzt sich vor allem kritisch mit dem Thema Gentrifizierung auseinander, für die das Bahnhofsviertel exemplarisch ist. Da ist aber auch der öffentliche Raum als Ort der Begegnung und des Gesehenwerdens, Anspielungen auf den Tahir- oder Taksim-Platz, aber auch auf das Occupy-Camp mit seinen Zelten, das 2011/12 genau hier stand. Kameruns „Musikalische Vollversammlung“ greift die Widersprüche auf, die mit den urbanen Veränderungen einhergehen. Wer profitiert hier von wem? Warum wird jede Subkultur gleich zur Marke? Warum kann man einem Viertel sein letztes bisschen Rauheit nicht lassen?

Das „Frankfurter Rendezvous“ ist Theater mal anders, ein äußerst gelungenes Experiment auf einer genialen Bühne mit einer Mischung aus Theater, Konzert, Oper, Performance, Demo und Stadtteilprojekt. Ein zweiter Besuch, diesmal mitten im Geschehen unten auf dem Platz (zwar ohne die klangliche Vervollständigung), könnte sich lohnen. Man sitzt da oben hinter der Glasscheibe doch ein bisschen wie hinter Panzerglas.

Besucherfazit

Gelungenes Theater-Experiment auf einer genialen Bühne

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