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Livekritik zu

Romeo und Julia

26.06.2014 - 29.07.2014 | Stuttgart / Staatstheater Stuttgart - Opernhaus
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cgohlke
am 01.07.2014

“A pair of star-crossed lovers take their life“

John Crankos „Romeo und Julia“ in Stuttgart

Mit dieser Choreographie aus dem Jahre 1962 begann das sogenannte Stuttgarter Ballett-Wunder. Heute, über 50 Jahre nach der Premiere, ist John Crankos „Romeo und Julia“ in der Ausstattung von Jürgen Rose noch immer auf der Bühne des Stuttgarter Balletts zu sehen. Crankos Arbeit hat nichts von ihrem Zauber, ihrer dramatischen Wucht, ihrem Witz und Charme eingebüßt, und auch das Bühnenbild und die Kostüme, die Jürgen Rose geschaffen hat, bewähren ihre zeitlose Eleganz und Schönheit.

Dass eine solche Schöpfung nach so langer Zeit das Publikum noch immer zu begeistern vermag, ist natürlich vor allem den erstklassigen Tänzern zu verdanken. Der Weltruhm, den die Stuttgarter Truppe genießt, wurde durch diese Aufführung beglaubigt. Dabei ist besonders bemerkenswert, dass das Stuttgarter Haus nicht nur fähig ist, die tragenden Rollen erstklassig zu besetzen, - auch die Ensembleszenen überzeugten durch ihren oft witzigen Detailreichtum genau so wie durch technisch brillante Ausführung. Wohin man bei den großangelegten Massenszenen auch schaut, überall auf der Bühne gibt es vor Zeiten von Cranko klug erdachte, noch heute liebevoll dargebotene Feinheiten zu bewundern.

Erst recht gilt das für die großen Auftritte der wichtigeren Figuren. Zum Beispiel, wenn Julia, die auf dem Fest ihrer Eltern mit dem Grafen Paris tanzt, in den Bann Romeos gerät und ihres Partners darüber mehr und mehr vergisst (1. Akt, 4. Szene). Dabei hilft ihr Alexander Jones, der einen noblen Paris tanzte, zu wundervollen, schwerelos erscheinenden Hebungen von größter Eleganz. Freilich nimmt sich der Tanz dieser beiden konventionell aus, vergleicht man ihn mit der Leidenschaft und Dynamik, die sich am Ende des ersten Aktes zwischen Romeo und Julia entfalten. Die große Vertrautheit und Sicherheit, die sich zwischen Friedemann Vogel und Alicia Amatriain im Laufe vieler Vorstellungen eingestellt hat, ist ganz frei vom Anschein der Routine, die gerade bei diesem Stück erkältend wirkte. Friedemann Vogel, ein träumerischer, zarter Romeo, beeindruckte vor allem im ersten Akt. Da war er ganz präsent und ausdrucksstark. Später, nach einer kleinen Ungeschicklichkeit bei einer Hebefigur in der 2. Szene des 2. Aktes, wirkte er ein wenig müde. Seiner Partnerin hingegen gelang eine rundum großartige Vorstellung nicht nur vermöge einer tadellosen Technik, sondern auch, weil sie fähig ist, die Wandlung der Figur glaubhaft zu vermitteln. Sprüht sie in der 2. Szene vor geradezu füllenhafter Mädchenfreude, wenn sie von der Mutter ein neues Kleid bekommt, so ringt sie später (3. Szene, 3. Akt) mutig alle inneren Widerstände nieder, die sie davon abhalten könnten, den widrigen Trank zu schlucken, den Pater Lorenzo ihr gab.

Cranko war indes so klug, Shakespeare darin zu folgen, die dramatischen, tragischen Momente der Geschichte durch komische Szenen zu konterkarieren. Das schafft er zum einen mit einer Fülle erheiternder Details, zum anderen (und vor allem) aber durch die Figur des Mercutio. Daniel Camargo, der jüngst auch als Romeo debütierte, gab diese Partie zum ersten Mal. Sie passt wunderbar zu diesem agilen, temperamentvollen Tänzer, der durch Witz und Charme genauso besticht wie durch technische Versiertheit. Ein paar Ungenauigkeiten, die ihm unterliefen, ergaben sich aus dem Überschwang, mit dem er die Rolle stimmig anging, und waren gerade darum seiner Gestaltung nicht abträglich, zumal er sie geschickt in seine Darstellung zu integrieren wusste wie bei der Karnevals-Szene im 2. Akt.

Die Details, die es an dieser Aufführung also beckmesserisch hier und da zu bekritteln gäbe, konnten die Freude an einem großen , von James Tuggle mit Verve dirigierten Abend nicht mindern. Das Stuttgarter Ballett kann Stolz sein. Auf seine Tradition. Aber auch auf seine Gegenwart.

 

Christian Gohlke ist Kultur-Reporter für livekritik.de

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