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Livekritik zu

Kristina und Descartes

08.05.2014 - 10.05.2014 | Hamburg [ Mitte ] / Hamburger Sprechwerk
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Arne
von Arne
am 09.05.2014

Ich finde kleine Besetzungen immer beeindruckend. Zweisam gute eineinhalb Stunden ohne Pause zu bestreiten ist eine Leistung, und das machen Kathrin Austermayer (Königin Kristina) und Thomas Lindhout (René Descartes) gut. Als Schauspieler wie auch als Liebespaar, das sie in Josh Goldbergs Inszenierung spielen.
 
Etwas frei nach Descartes bin zumindest ich zuweilen geneigt zu sagen: „Despero ergo cogito. Cogito ergo sum.“ Sicher, Descartes zweifelte seinerzeit mehr, als dass er verzweifelte.
 
Zum einen lernen wir an einem unterhaltsamen Abend, dass auf Latein alles doppelt schlau klingt. Zum anderen befinden wir uns zunächst im Stockholm des Jahres 1650 und das waren augenscheinlich andere Zeiten.
 
Der Ort ist des Hofphilosophen Schlafzimmer in der Königin Kristinas Schloss. Die Handlung beschränkt sich bis zum Vorhang auf eine einzige Nacht, während der gefochten, debattiert, geliebt, gestritten, geweint, angestoßen und die Welt verloren wird.
 
Da ist ganz schön was los! Kristina und Descartes lieben einander und der kriegsmüde Musketier und Gelehrte Descartes, der dem Krieg den Krieg erklärt hat, soll nun zudem der Königin die Philosophie erklären. Recht schnell gelangen sie an den Punkt, an der Sinn stiftenden Funktion der Religion zu zweifeln. Wie aber sollen dann grundlegende Fragen, wie die nach dem Sinn des Lebens, danach, was ein gutes Leben ist und der eigenen Existenz beantwortet werden? Fragt Kristina. Und Descartes antwortet. Wobei Kristina erfreulich wenig auf den Kopf gefallen ist und ihren Hofphilosophen so zu ausgefeilter Argumentation ebenso anspornt, wie zur einen oder anderen Unterbrechung gemäß der Frage: „Verstehst Du zu entfesseln wie Du zu fesseln verstehst?“ Und zwischendurch „hat der Geist, René, jetzt Pause.“
 
Erfreulich ist außerdem, dass geistesgeschichtlich nicht bei Descartes Schluss ist. Der Ritt führt vielmehr durch 2.500 Jahre Fundamentalphilosophie und zumindest im Streiflicht haben Wittgensteins Grenzen der Sprache, die die Grenzen der Welt bedeuten, Sartres Erkenntnisekel und In-die-Welt-geworfen-sein und sogar Heideggers Sein und Zeit ihren Auftritt. Kants kategorischer Imperativ taucht immerhin als Goldene Regel auf: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“
 
Und das alles in einer Nacht gespielter Zeit? Ja, das und ein nachgespieltes Höhlengleichnis und ein Picknick auf dem Zimmerboden mit anschließender Massage mit griechischem Olivenöl.
 
Darin bestand für mich persönlich die willkommene Utopie. So wie ich etwas sensibel auf Träume reagiere, die „Dräume“ und Treue, die „Dreue“ gesprochen werden, wie es Kathrin Austermayer gelegentlich passiert, so dankbar war ich für die Teilhabe an einer Liebesnacht, die von Belang war. So ganz ohne unsägliche Fernsehsendungen, Klatsch und Tratsch wird auf scharfsinnige Art und Weise Zunge wie Degen geschwungen. Das ist in Zeiten, in denen das Gespräch über Bäume seit Bertolt Brecht keinen Deut weniger fast ein Verbrechen geworden ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! sehr erfrischend. Und so ergeht der Appell ans Publikum, für sich zu zweifeln, zu denken und zu lieben vielleicht zurecht.
 
Schließlich wird gestorben – ohne, dass gemäß Descartes Vorstellung gestorben werden kann, vielmehr hört man Jacques Derridas Epitaphband mit dem Titel „Jedes Mal einzigartig, das Ende einer Welt“ wiedergehen.
 
Und Phil und Sophie haben einen so überraschenden wie plausiblen Auftritt.
 
Bevor die mit stehenden Ovationen bedachte Premiere mit einem Glas Sekt begossen wurde – Danke.

Besucherfazit

Willkommene Utopie in Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist

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Medien von Arne

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