Overlay
Livekritik zu

König Lear

21.12.2013 - 23.06.2014 | Wien / Burgtheater Wien
« zurück zur Veranstaltungsseite
cgohlke
am 01.06.2014

Die Macht der Sprache. Ein schlichter, wie aus groben Latten gezimmerter Rahmen umgibt das Portal der Bühne des Burgtheaters in Wien, eine Erinnerung vielleicht an „die Bretter, die die Welt bedeuten“. Die Bühne selbst bleibt fast immer leer, nur der Hintergrund wird in verschiedenen Farben beleutet. Requisiten gibt es kaum. So sparsam hat Ferdinand Wögerbauer den „König Lear“ ausgestattet. Üppiger sind die Kostüme von Annamaria Heinreich. Sie verweisen mit ihren archaischen Formen und teils rauhen Materialen (einen groben, zotteligen Pelz trägt der König) in eine uralte, vorchristliche Zeit. Peter Stein vertraut in seiner Inszenierung ganz der suggetiven Macht der Sprache. Das genügt. Stein ist damit einer der ganz wenigen Regisseure, die sich den Moden und Konventionen des Regietheaters verweigern. So ist auch die Shakespeare-Inszenierung in Wien, die im Dezember 2013 Premiere hatte, für alle ein Ereignis, die von einem Theaterabend in erster Linie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Text eines Dramas erwarten. Peter Stein verlangt dem Publikum hohe Konzentrationsfähigkeit ab. Gut vier Stunden lang dauert dieser König Lear, gespielt wird eine Übersetzung des Regisseurs, die sich freilich eng an Baudissins Fassung hält.

Ein Abend, der auf alle Effekte verzichtet, die nicht vom Text gedeckt sind, lebt natürlich ganz von der Qualität der Schauspieler, die ihre Rollen psychologisch durchdringen und zum Leben erwecken müssen, soll es nicht beim bloßen Rezitieren bleiben. Wie in seinen jüngsten Inszenierungen häufig, so hat Stein auch jetzt die Hauptrolle Klaus Maria Brandauer anvertraut. Seine differenzierte Sprechkunst, seine bezaubernde Sprachmusik formen zu Beginn einen launischen, eitlen König, der zwar die Macht aus den Händen gab, seine Stellung, seinen hohen Rang aber nicht verlieren möchte. Großartig gelingt so Lears Ausbruch, wenn er sich enttäuscht von Goneril abwendet, die ihn nicht so beherbergt, wie er es sich wünschte (I,4). Auch am Ende, wenn Lear dem Wahnsinn verfällt, glücken Braundauer eindringliche Szenen. Da sieht man ihn mit wirren langen Harren, ein schlotterndes Hemd am Leibe und fühlt sich an Goethes Wort erinnert: Jeder alte Mann ist ein König Lear. Schuldig bleibt er ihm wohl ein wenig das hohe Pathos, das in den Heide-Szenen angebracht wäre. Die wirken insgesamt blass. Ihnen fehlt es an dramatischer Wucht.

Nicht restlos überzeugt diese Inszenierung also. Nicht alle Szenen entfalten ihre suggestive Kraft. Wenn Edgar (Fabian Krüger) seinem greisen und inzwischen geblendeten Vater Gloster die Klippen von Dover beschreibt, die der Lebensmüde sich hinabstürzen möchte (IV, 6), entsteht vor den Hörern nicht unbedingt die Landschaft, die hier heraufbeschworen werden sollte. Dass Gloster der Illusion erliegt und tatsächlich springt, fällt schwer zu glauben. Dafür bedürfte es wohl eines noch intensiveren, suggestiveren Spiels. Joachim Bißmeier ist dabei ein anrührender Gloster, der sich von Edmund nur allzu leichtgläubig hintergehen lässt. Michael Rotschopf gibt diesen Bastard-Sohn als einen geschmeidigen Intriganten, der den Makel der unechten Geburt mit skrupellosem Ehrgeiz ausgleichen möchte. Glaubhaft, dass Goneril diesem wendigen, virilen Typen verfällt. Wie Corinna Kirchhoff diese Goneril anlegt, jeder Satz aus ihrem Mund ein gespitzter Pfeil, der trifft, ist große Schauspielkunst. Brillant auch Michael Maertens als Narr, der seine Spitzen und Späße fein nuanciert zu setzen weiß und darum nicht nur Lears Gunst genießt, sondern auch die des Publikums, das am Ende lebhaft für einen Abend dankt, der sich trotz schwächerer Szenen wohltuend vom Einerlei des deutschen Gegenwartstheates abhebt. Man hat ja fast schon vergessen, was das ist und wie spannend das sein kann: Theater, das ganz der Macht der Sprache traut.

Besucherfazit

Ein lohnender Abend

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
6 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Sus Ann J
  • CHAMÄLEON Theater GmbH
  • Silke Liria Blumbach
  • nikolausstein
  • Kyritz
  • Katharina Hö
  • Sarah Divkovic
  • poy
  • Stephanie Speckmann
  • Odile Swan
  • Iris Gutheil
  • Daniel Anderson
  • Elisaveta K. Yordanova
  • Ulf Valentin
  • Iris Fitzner
  • Reinhard Zeitz
  • Stephan Baresel
  • Klaus
  • AnneW
  • Sarah Mauelshagen
  • Juliane Wünsche

Für Freikarten und Kulturtipps

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!