Overlay
Livekritik zu

L'ORONTEA

01.02.2015 - 13.03.2015 | Frankfurt am Main / Oper Frankfurt
« zurück zur Veranstaltungsseite
H. Illian
am 07.02.2015

Komm, mein berstendes Leben

“Die Vernunft ist des Herzens größte Feindin”, sagte Casanova und wusste wohl, wovon er sprach. Und so streiten sich zu Beginn von Antonio Cestis Oper “L'Orontea” (1656) und damit quasi noch vor Casanovas Geburt (1725) Filosofia und Amor darüber, wer den größeren Einfluss auf das Denken oder eben Treiben der Menschen hat. Das Königinnenhaus der ägyptischen Herrscherin Orontea (souverän und teils grandios: Paula Murrihy) kommt da gerade wie gerufen, entsagt doch gerade sie der Begierde – bisher zumindest …

Begierde und Bratwurst

Die Verlauf der Begierde, so scheint Regisseur Walter Sutcliffe mit seiner insgesamt überaus gelungenen, teils braven Inszenierung an der Oper Frankfurt sagen zu wollen gleicht dem einer Bratwurst. Zunächst ist alles Frischfleisch, dann gerät es mehr und mehr in eine Form der Norm und bruzzelt schließlich vor sich hin, nur um hier und da furzend aufzuplatzen und dann, stark gebräunt oder auch mit Sonnenbrand oder -stich, verschlungen zu werden. Kaum verschlungen, schaut man sich nach der nächsten Bratwurst um? Fragt sich nur, wer die schönste und größte im Angebot hat …

Keine Frage, der Schönste im ganzen Land ist Alidoro (insgesamt überzeugend: Xavier Sabata), weswegen neben Orontea gleich eine ganze Reihe von Figuren dem Schönsten aller Schönen zu seinen Füßen, auf den Mund oder gar in seinen Hintern fallen. Inbesondere Silandra (toll: Louise Alder), die den plötzlich nun nicht mehr ganz so schönen Corindo (Matthias Rexroth) wie eine heiße Kartoffel fallen lässt und Giacinta (Kateryna Kasper) sind ihm verfallen und heiß wie eine Bratwurst auf sein bestes Stück. Aber auch der von Simon Bailey großartig verkörperte Trunkenbold und Butler Gelone, der zuvor noch geschworen hatte, er liebe nur den Alkohol, wittert seine Chance, nur um später seine Fahne wieder mit dem Wind auszurichten.

Verbotene Liebe und Bratwürstchen

Die Karnevalsoper “L'Orontea” ist ein bunter, halbschriller Reigen, der ein wenig an “Verbotene Liebe” erinnert, nur dass nicht jeder mit jedem, sondern vor allem alle mit einem wollen, der dabei so unglaublich schnell schwach wird, dass es durchaus witzige Szenen gibt. Inbesondere gelungen ist Sutcliffe und Bühnenbildner Gideon Davey die Idee, bis zu 12 Cupido-Putten auf die Bühne loszulassen: Sie tänzeln, ironisieren, kommentieren das Geschehen non-verbal, bringen die Agierenden durch ihre bloße Anwesenheit zum Entblößen, sie winken, sie sonnen sich und – wie hätte es anders sein können: sie braten Bratwürstchen.

Ein Transvestit als Ehehelfer

Insgesamt ist diese Inszenierung ein hervorragend gelungener Musik- und Grillabend, dessen Besuch sich lohnt. Ivor Bolton treibt das Orchester zu einer Spitzenleistung. Es macht Spaß und insbesondere in der 2. Hälfte verfliegen die 3 Stunden der Oper wie die Zeit in einem Liebesnest. Zwar geht es weniger um Liebe als um Begierde, und fast drohen Cesti und Librettist Cicognini das bunte Treiben noch tragisch enden zu lassen. Doch der Wettstreit der Geschlechter um den Schönsten nimmt eine Happy-Endung sozusagen: Dabei sticht neben Simon Bailey insbesondere Guy de Mey als wahnsinnig amüsanter und allwissender Muttertransvestit hervor, der schließlich zur Aufklärung aller Irrungen und Wirrungen beiträgt, so dass alles ein gutes Ende finden kann - Stichwort: Ehe!

So kommen am Ende alle in geregelten Bahnen, äh, so kommt am Ende alles in geregelte Bahnen. Nur wer sich ändert lebt, heißt es im Libretto. Das Leben in “L'Orontea” ist kein philosophisches. Vielmehr berstet es und kommt aus sich heraus, direkt in die begeisterten Zuschauer, die von Amors Pfeilen an diesem Abend ebenfalls nicht verschont bleiben.

Besucherfazit

Tolle Musik! Witzige Handlung! Lohnt auf jeden Fall einen Besuch!

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
14 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Silke Liria Blumbach
  • ENSEMBLE RUHR
  • Frollainwunder
  • Theater o.N.
  • Erzählung
  • Stephan Baresel
  • Kyritz
  • Rolf Schumann
  • Alminka Divković Hurabašić
  • Konrad Kögler @ daskulturblog
  • Holger Kurtz
  • Nick Pulina
  • Stephanie Speckmann
  • Christin Buse
  • august14979
  • Stefan Bock
  • Sarah Divkovic
  • poy
  • Luisa Mertens
  • Ute Schmücker
  • Tollwood

Für Freikarten und Kulturtipps

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!