Overlay
Livekritik zu

Die Dreigroschenoper

05.06.2010 - 02.05.2015 | Berlin / Berliner Ensemble
« zurück zur Veranstaltungsseite
Yukako Karato
am 24.10.2013

Wer will denn heutzutage noch einen Bank gründen?

Dass die Dreigroschenoper ein großer Erfolg in der Weimarer Republik war, ist kein Wunder. Das Stück, das 1928 uraufgeführt wurde, orientiert sich politisch mit der Brecht‘schen Kapitalismuskritik an der damaligen  wirtschaftlichen Situation Deutschlands und bietet gleichzeitig eine Flucht aus dieser Situation an. Die Geschichte beschreibt nicht nur die Unerbittlichkeit des Lebens in der sozialen Unterschicht, sondern romantisiert dieses gleichzeitig durch eine anarchistische Haltung gegenüber Recht und Ordnung. Mit dem scharfzüngigen Humor, der charakteristisch für die Kunst aus der Weimarer Republik ist, wirft das Stück einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnissen und zelebriert gleichzeitig die Loslösung von moralischen Prinzipien, die in der Krisenzeit vorherrschte.

Der Protagonist Macheath,  ein Verbrecher und Schwindler, ist ein typischer Antiheld. Er folgt keinen Idealen sondern vielmehr dem Motto „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Dennoch ist Macheath ein Held, der Sympathie hervorruft, denn seine Verbrechen werden als eine Art Überlebenskunst dargestellt. Dass ein Mensch andere ausbeuten muss, um zu überleben, ist vorgegeben in einer kapitalistischen Gesellschaft – so lautet die Botschaft Brechts. Die Heuchelei bürgerlicher Moral wird besonders in der engen Freundschaft zwischen Macheath und dem Polizeichef Brown deutlich.

Auch wenn die gesellschaftliche Situation heute anders ist als die zur Zeit der Uraufführung, gibt es gewisse Parallelen, die das Werk auch heute noch relevant machen. Die meisten betuchten Theaterbesucherinnen und -besucher heutzutage mögen zwar kaum Erfahrung haben mit der Art von Armut, die die Menschen damals erlebten oder beobachteten, nichtsdestotrotz teilen sie womöglich eine ähnlich zynische Haltung gegenüber denselben moralischen Grundsätzen. Das Zitat im letzten Akt „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ scheint in den Zeiten der Wirtschaftskrise allzu treffend. Es herrschen gleichzeitig eine große Frustration hinsichtlich der jetzigen wirtschaftlichen Gesellschaftsstruktur sowie eine Desillusionierung bezüglich politischer Instanzen, die behaupten, sie können diese ändern. Eine Desillusionierung, die aus historischen Gründen seit den 20er Jahren stark gewachsen ist.

Die Regie von Robert Wilson bezieht sich auf diese aktuelle Relevanz der Dreigroschenoper. Die zauberhaft-wirkenden Lichtinstallationen, sein Markenzeichen, machen das Stück zeitgenössisch und verleihen ihm eine fast märchenhafte Aura, die zum eskapistischen Aspekt des Stückes passt. Die Kostüme und Gesten der Schauspielerinnen und Schauspieler bleiben aber der Atmosphäre der Weimarer Republik treu. Leider wird die hervorragende Leistung der Darstellerinnen und Darsteller, insbesondere die von Stefan Kurt als Macheath, zum Teil von einem zu lauten Orchester verdrängt. Insgesamt aber eine großartige Inszenierung, die auf die politische  Botschaft des Stückes aufmerksam macht, ohne aufdringlich zu sein.

Besucherfazit

Eine hervorragende zeitgemäße Aufführung

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
4 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Annette Finkl
  • Sarah Dickel
  • Ute Schmücker
  • Aberabends
  • Susanne Elze
  • Konrad Kögler @ daskulturblog
  • Juliane Wünsche
  • Benjamin Njoroge
  • Zelli
  • Holger Kurtz
  • A.-K. Iwersen
  • Frank Varoquier
  • poy
  • CHAMÄLEON Theater GmbH
  • Arne
  • Tanja Piel
  • Iris Souami
  • august14979
  • Monique Siegert
  • Julia Schell
  • MartinDoeringer

Für Freikarten und Kulturtipps

Andere Besucher interessierte auch

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!