Overlay
Livekritik zu

J. Thibaudet, Tonhalle-Orchester Zürich, L. Bringuier: Dvořák, Grieg, Widmann

14.04.2016 | Köln [ Innenstadt ] / Kölner Philharmonie
« zurück zur Veranstaltungsseite
Tanja Piel
am 18.04.2016

Das Tonhalle Orchester Zürich war mit seinem in der Saison 2014/2015 gewählten französichen Chefdirigenten Lionel Bringuier und dem Pianisten Jean-Yves Thibaudet am Donnerstag zu Gast in der Kölner Philharmonie. Eines der besten Orchester der Schweiz machte auf seiner Europatournee auch Halt am Rhein, bevor es am Freitag in die Pariser Philharmonie geht. Dank König Fussball war die Philharmonie höchstens zur Hälfte ausverkauft, was mich doch bei diesem Orchester und dem guten Programm wunderte. Dass erfuhr ich aber erst nach dem Konzert von Thibaudet bei der Signierstunde.

Das Programm verhieß einen abwechslungsreichen Abend: von Neuer Musik von Widmann (Con Brio) als Einführung über böhmischen (Dvoráks 8. Sinfonie)  und norwegischen Klängen (Griegs Klavierkonzert op. 16) war für jeden Geschmack was vertreten.

Jörg Widmann ist Dirigent, Klarinettist und Komponist gleichzeitig. Sein Con Brio hat den Inhalt schon im Titel: Mit Feuer. Treffender hätte der Titel der 12 Minuten dauernden Konzertouvertüre  nicht sein können. Widmann widmete dieses Werk Beethovens (speziell Beethovens 7. und 8. Sinfonie). Seit seiner Uraufführung 2008 durch das BR Symphonie Orchester unter der Leitung von Jansons feiert Con Brio Erfolg auf der ganzen Welt. Con Brio zeichnet sich durch schnelle Tempiwechsel gepaart mit akzentuierten Kontrasten aus, was das Tonhalle Orchester Zürich hervorragend interpretierte. Wie ein Wasserfall stürzte die Musik herab, um dann schäumend die Philharmonie aufzuwühlen. Ruhige Momente haben hier Seltenheitswert. Die Pauke wurde mit Holzstöcken bespielt, was einen harten Klang erzeugte. Con Brio ist gekennzeichnet durch kurze abgehackt gespielte Töne, mal Zwischenrufen, mal ein durcheinanderwirrendes Pfeifen.  Wenn der Zuhörer meinte es werde pianissimo gespielt, kam direkt das Aufbrausen hinterher.

Jean-Yves Thibaudet erlebte ich als ersten Pianisten 2012 mit dem DSO Berlin in der Kölner Philharmonie. Seitdem besuche ich gerne die Konzerte des charismatischen Franzosen.  Zuletzt erlebte ich ihn im Februar mit Gershwins Klavierkonzert und dem RCO unter der Leitung von Andris Nelsons in der Essener Philharmonie. Thibaudet begann Griegs Klavierkonzert im Solo, das Orchester stimmte leise im Nachklang romantisch ein. Die Querflöte und die Flöte sorgten für singende Elemente. Thibaudet spielte leicht zurückgelehnt und entspannt. Da er genau in meinem Blickfeld saß, konnte ich seine Fingerfertigkeit sehr gut beobachten. Dies fasziniert mich an seinem Klavierspielen besonders. Das Dirigat von Bringuier war ruhig und besonnen. Der aufmerksame und fast nicht zu bemerkende Blickwechsel zwischen Pianist und Dirigent sorgte für die perfekten Einsätze. Das Adagio des zweiten Satzes ist mein Lieblingssatz dieser Sinfonie. Für mich wurde ein träumerischer See mit Ruhe (Hornklänge!) vermittelt. Was eine Entspannung machte sich in der Philharmonie breit im Gegensatz zum Con Brio. Der Dritte Satz "Allegro moderato molto e marcato" ist geprägt von tänzerischen Klängen, königlich klingenden Fanfaren mit großem Schwung. Der krönende Abschluss, für mich ein fulminates Ende, wurde mit großem Schwung vom Publikum gefeiert. Der Dank war eine Zugabe Thibaudets in Form von den Träumereien von Chopin.

Nach der Pause ging es mit Dvoráks 8. Sinfonie weiter. Gewaltige Stimmungswechsel sind charakteristisch für diese 8. Sinfonie Dvoráks, die deshalb neben der 9. Sinfonie "Aus der Neuen Welt" zu meinen Lieblingssinfonien zählt. Die "Achte" wurde in Anlehnung an Tschaikowskys Fünfte im Spätsommer 1889 auf dem Landsitz in Vysoká komponiert und am 02.02.1890 in Prag uraufgeführt.

Im ersten Satz "Allegro con brio" wird ebenfalls unter Feuer die Sinfonie eröffnet. Die Wucht des ersten Satzes ist geprägt von wechselhaften Stimmungen, wobei die Flötensolos beeindruckend die hellen Stimmungen hervorheben. Überhaupt begleiten die Flöten- und Querflötensolos den ganzen Abend auch bei der Achten von Dvorák. Bei der Pauke stellte ich einen Musikerwechsel fest. Im zweiten Satz (Allegro) erinnerten mich die zwei Querflötensolos an das Karusell in Stravinskys Petruschka. Die pianissimo spielenden Streicher brachten eine tänzerische Heiterkeit ins Spiel.  Im "Allegretto grazioso" (3. Satz) hatte der Zuhörer durch die Walzerklänge das Gefühl, er wäre in Wien. Die leicht-heitere sich wiederholende Atmosphäre wird dem opulenten und lauten Finale im vierten Satz gegenübergestellt. Durch die sich wiederholenden Elemente wird der dunkle Eindruck verstärkt. Trotz Steigerung des Tempos dirigiert Bringuier ruhig weiter, obwohl sein Körpereinsatz sich schon merklich verstärkte. Mit einer Wucht wird die Achte beendet. Der Nachhal war noch als Vibration in der Philharmonie zu spüren. Da der Applaus nicht enden wollte, wird das Publikum mit zwei Zugaben (Slawische Tänze von Dvorák) belohnt.

Im Anschluß an das Konzert signierten Thibaudet und Bringuier CDs und Programmhefte, wobei ich die Möglichkeit hatte, kurz mit den Künstlern zu sprechen.

 

Besucherfazit

Nordische und böhmische Klänge: Das Tonhalle Orchester Zürich auf Europatournee

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
0 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Altfriedland
  • Julia Schell
  • Tanja Piel
  • Frank Varoquier
  • Frollainwunder
  • august14979
  • Sarah Mauelshagen
  • Elisaveta K. Yordanova
  • Ina Finchen
  • ChrisCross
  • Nicole Haarhoff
  • Wilhelmine Molt
  • Klaus
  • Sarah Divkovic
  • CHAMÄLEON Theater GmbH
  • Daniel Anderson
  • theatermail nrw
  • Annette Finkl
  • nikolausstein
  • Benjamin Njoroge
  • Stephanie Speckmann

Für Freikarten und Kulturtipps

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!