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Livekritik zu

Hector Berlioz ›La damnation de Faust‹ – Légende dramatique für Soli, Chor und Orchester

25.05.2016 | Berlin [ Kreuzberg ] / Philharmonie Berlin
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Tanja Piel
am 28.06.2016

Mit seinem Wunschwerk La damnation de Faust (Faust Verdammnis) verabschiedet sich Tugan Sokhiev nach vierjähriger  Amtzeit als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des DSO Berlin an zwei aufeinanderfolgenden Abschiedsvorstellungen von seinem Berliner Publikum. Unter Sokhievs Leitung erlebte ich beeindruckende Konzertabende wie Rimsky-Korsakows Sherehazade 2012 in der Kölner Philharmonie, Mahlers Auferstehungssinfonie (2013- meine emotionalste Rezension) und Iwan der Schreckliche (2014). Selten gehörte russisch-slawische Werke  und ein  französischer Schwerpunkt standen auf dem Programm  vom scheidenen Chefdirigenten.

Hector Berlioz La damnation de Faust  entstand nach einer Inspiration von Goethes Faust I und nach einer Übersetzung von G. de Nerval. Berlioz übernahm 8 Faustszenen in seine "dramatische Legende" in 4 Teilen plus Epilog. Für Berlioz Werk, das bei seiner konzertanten Uraufführung am 6.12.1846 in der Pariser Opéra comique als Desaster endete, ist ein Großaufgebot auf der Bühne erforderlich: großes Orchester, 4 Solisten, gemischter Chor und Kinderchor. Sokhiev führt dieses Werk ebenfalls am Bolschoitheater im Juli auf.

Der 1. Akt wurde in die weitläufige Puztalandschaft mit heiteren tänzerischen Orchester- und Chorklängen ("Ha!ha! ha! ha! Laderia ! La musique et la danse") verlagert, um den Rákóczi-Marsch (Szene 3) eine passende Umgebung zu liefern. Hier wird das Erscheinen Faust von dunkel spielenden Streichern eingeleitet, wie so häufig in diesem Werk. Die heftigen Trommeln symbolisieren die anrückende (Reiter-) Armee, die sich zum Ende des 1. Teils entfernt. Der aufschreienden Frage Faust, unterstrichen von aufheulenden Orchester ("Je chercherais envain, tout fuit mon âpne envie") zu den sakralischen Klängen zum Osterhymnus fühlen wir uns dank klanghellem Rundfunkchor Berlin in den Himmel versetzt ("Christ vient de ressusciter! Hosanna"!).  Diese Stimmung wird durch Fausts Ausruf  ("Cet chaissais tout désir, tout désir funestre") von der übertönenden Flöte unterbrochen. In Auerbachs Keller (6. Szene), in der Méphistophélès Faust von dessen Selbstmord abzubringen versucht, ist der Männerchor in gesungender Bierlaune die passende Stimmung.  Der Choer de gnomes et de sylphes (Faust Traum) ist für mich mit den geküßten ("Songes d'amor von enfin te charmer") und gezwitscherten Gesängen (" La campagne se couvre....") eine der schönsten gesungenen Passagen des Abends. Diese träumerische Umgebung läßt Faust auf Geheiß Mephisto, im Schlaf Marguerite erscheinen. Im Ballet de sylphes singt die Violine des 1. Konzertmeisters zusammen mit den Harfen und den tänzerisch zupfenden Bratschen ein musikalisches Ballett, das abrupt von Faust Ausruf "Marguerite!" unterbrochen wird. In der 15. Szene im vierten Teil (Marguerites Zimmer) verkörpert  die Mezzosopranistin Agunda Kulaeva gekonnt mit warmer Inbrust (begleitet vom Englishhorn) in einem hochgeschlossenen altrosefarbenen Kleid mit großer Kette - wie eine Nonne (bei hochsommerlichen Temperaturen draußen!) die Marguerite. SIe überzeugt mich mit ihrem sängerischen Können am meisten von den Solisten. Faust irrt hilflos im Wald umher (Szene 16), sing am Ende der 16. Szene um sein Leben ("D'un bonheur qui la fuit"). Um Marguerite zu retten, verkauft er Mephisto seine Seele. Doch alles nützt nichts: Faust reitet am Ende in die Höllle ("il pleut du sang!"). Der Rundfunkchor Berlin schlüpfte gekonnt - wie immer- in alle seine vielfältigen Rollen an diesem Abend, wobei im Gesang im gespenstigen Pandaemonium auch in der Fantasie-Sprache der Dämonen gesungen wurde.

Tugan Sokhievs Dirigat war durch großflächige, fächerartige Bewegungen gekennzeichnet. Ohne Dirigierstab waren seine Aufforderungen nicht groß übertrieben, aber deutliche Akzente waren zu sehen. Besonders wohl fühlte sich das Orchester beim Rádóczi-Marsch und im Epilog, wenn Faust in die Hölle verdammt und Marguerites Seele in den Himmel emporsteigt, begleitet von chorälischen Himmelsklängen des Staats- und Domchor Berlins (der auch sein Plätzchen gequetscht zwischen den Musikern fand) und dem Rundfunkchor Berlin. Was für eine seelig-friedliche Atmospähre wie am Himmelstor, wenn Tugan sich entspannt zurücklehnt und das Publikum gebannt gefühlte Minuten innehält in der Stille, bevor der Applaus losbricht! Was für ein Ende!

Paul Groves war kurzfristig als Faust für den erkrankten Piotr Beczala eingesprungen. Sein heller Tenor war auch ohne Textheft gut zu verstehen. Seine am Anfang nicht so emotionale Darbietung wurde beim Liebesäuseln mit Marguerite (Szene 14) wachgerüttelt, als sie beide sich dann wie in einer Oper doch mal in die Augen schauen.  Die Rolle des Méphistophélès passte auch opitsch perfekt zu dem Bassbariton Ildebrando D'Arcangeloa.

Ich wünsche Tugan Sokhiev viel Erfolg am berühmten Bolschoitheater. Sein Nachfolger beim DSO Berlin wird der Brite Robin Ticciati ab der Saison 2017/2018. Sokhiev kehrt als Gastdirigent im Juni 2017 wieder ans Pult des DSO zurück.

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Abschied mit Höllenritt in die Verdammnis und Erlösung im Himmel

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