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Livekritik zu

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

28.02.2015 - 17.04.2015 | Rostock / Volkstheater Rostock - GROSSER SAAL
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Stefan Bock
am 03.03.2015

"Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" - Johanna Schall inszeniert am Volkstheater Rostock die Brecht/Weill-Oper als fulminantes Bekenntnis zur spartenübergreifenden Kunst

 

Starker Tobak schon vor Beginn der Aufführung. Sewan Latchinian bezeichnete die Sparkur, die die Rostocker Lokalpolitik dem Volkstheater mit der Streichung zweier Sparten verordnet hat, als unsinnig und asozial. Er gab sich vor dem Premierenpublikum betont kämpferisch und versprach die künstlerische Gegenwehr des Ensembles, das er für seine absolute Professionalität, Leidenschaft und Verantwortung für Publikum und Stadt lobte. Die eigentliche Kultur- und Bildungsbürgerschaft, so schien es jedenfalls, stand an diesem Premierenabend geschlossen hinter ihrem Theater. Zweimal Standing Ovations. Wann hat man sowas schon erlebt?

*

Und besser hätte die Stückwahl für diese Premiere dann auch nicht sein können. Man spielt Brecht/Weills Oper vom „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Die Geschichte der von einem Taifun bedrohten Paradies- und Laster-Stadt, deren Bürger sämtliche Moral und Menschlichkeit fahren lassen, bis sie schließlich Mahagonny selbst zerstören. Ein Gleichnis auf eine Gesellschaft, in der alles erlaubt ist, nur nicht kein Geld zu haben. Da war man natürlich gespannt, wie die Brechtenkelin und Ex-Intendantin Johanna Schall bei ihrer Rückkehr nach Rostock an den starken Stoff des berühmten Großvaters herangehen würde.

Eingriffe à la Frank Castorf waren sicher nicht zu erwarten, aber auch ohne die Beimischung von Texten fremder Autoren kann sich das Gezeigte durchaus sehen lassen. Es ist ein feines Zusammenspiel aller Sparten des Hauses. Die leichten Mädchen von Mahagonny setzen sich aus Mitgliedern der Tanzcompagnie und des Opernchors des Volkstheaters zusammen. Ihre von Katja Taranu choreografierten Aufritte bilden immer wieder kleine Höhepunkte dieser Inszenierung. So auch die beiden Konstabler Tim Grambow und Hung Wen-Chen, die ihre Stück-Ansagen als eine Mischung aus Sprache und pantomimischer Choreografie performen. Neben dem Chor, den Tänzern und dem hervorragend aufgestellten Orchester der Norddeutschen Philharmonie Rostock unter Leitung von Robin Engelen sind noch die großartigen Opern-Solisten - und da besonders Jasmin Etezadzadeh als Witwe Begbick, Elise Caluwaerts als Hure Jenny und Daniel Ohlmann als Paul Ackermann zu erwähnen.

Ansonsten bewegt sich die Regie von Johanna Schall weitestgehend nah am Original. Die Inszenierung läuft perfekt wie ein gut geöltes Uhrwerk, Szene für Szene begleitet von passenden Videoeinspielungen, Leuchtschriftbändern und natürlich der typischen Kurt-Weill-Musik. Das beginnt mit dem Stranden der drei flüchtigen Verbrecher Leokadja Begbick, Willy, dem Prokuristen (Garrie Davislim) und dem kräftigen Dreieinigkeitsmoses (Tim Stolte). Nach einem vom Band eingespielten Autocrash hissen sie die Fahne mit dem Firmensymbol zur Landnahme auf leerer Bühne. Mit dem wohl bekanntesten Hit der Oper, dem sog. Alabama Song, erfolgt dann der Einzug der Mädchen. Wie sie ziehen dann auch die wie Allerwelts-Männer aus einem Gemälde Magrittes in graue Anzüge gekleideten Herren vom Opernchor mit ihren Koffern in die verheißungsvolle „Paradiesstadt“. Sie kommen aus untergehenden Städten auf der Suche nach etwas, woran man sich wieder halten kann.

Es muss nicht immer Christian Lacroix sein wie in der Staatsoper Berlin. Die von Jenny Schall teils sehr elegant und fantasievoll gestalteten Kostüme der Mahagonny-Gründer sowie der Mädchen und Männer sind in Farben und Form gut aufeinander abgestimmt und setzen schöne Kontrapunkte im Gesamtbild. Und wie von einem anderen Stern gefallen, platzen dann auch die vier Männer aus Alaska, ganz unpassend in karierter Holzfällerkluft mit Axt am Koffer in das Geschehen. Schnell erliegen sie dem leichten Leben und den Verlockungen der „Netzestadt“, bis es zu kriseln beginnt und die Gründer ihr schlechtgehendes Geschäft beklagen. Es gibt zu viel von allem. Der Überfluss an Angebot, ein Zuviel an vermeintlicher Eintracht und Ruhe machen einerseits träge und anderseits unzufrieden.

Als angesichts der drohenden Zerstörung Mahagonnys durch einen herannahenden Taifun alles in lähmende Agonie verfällt, präsentiert Paule Ackermann schließlich die „Gesetze der menschlichen Glückseligkeit“. Und als der Taifun die Stadt der Sünder wie ein Wunder verschont, weichen die Verbotsschilder Mahagonnys anderen, auf denen nun alles erlaubt ist. „Wir brauchen keinen Hurrikan/ Wir brauchen keinen Taifun/ Denn was er an Schrecken tun kann/ Das können wir selber tun.“ Diese Freiheit alles tun zu können, ist allerdings an den Zwang geknüpft, über das nötige Geld zu verfügen, was Paul letztendlich beim Verletzen dieses höchsten Gesetzes der Stadt Mahagonny selbst das Leben kosten wird. Was folgt, ist die ungebremste Entfesselung des Kapitals, dessen Regeln das Fressen, den bezahlten Liebesakt, Boxkampf und Saufen laut Kontrakt verlangen. Aktualität muss man da nicht extra behaupten.

Die Inszenierung nimmt nun wieder Fahrt auf. Zu Schrammelmusik mit Zither und Akkordeon wird eine große Stoffkuh aufgefahren, und Jakob Schmidt (Daniel Philipp Witte) frisst sich zu Tode. Die Huren besorgen den Freiern an einer langen Wand mit Glory Holes ein paar teure Blowjobs, und Paul Ackermann verliert sein ganzes Geld bei einem Boxwettkampf zwischen Dreieinigkeitsmoses und Alaskawolf-Joe (Karl Huml). Das Blut des toten Joe im nicht einsehbaren Boxring spritzt auf der Videoleinwand. Die Utopie der Glückseligkeit ist pervertiert und zerstört sich selbst. Die letzten Freunde Pauls, Jenny und Sparbüchsenheinrich (Maciej Idziorek) wenden sich von ihm ab. Es kommt zum großen dramatischen und musikalischen Finale, bei dem Paul, der seinen Whiskey nicht bezahlen kann, zum Tode verurteilt wird, im Stroboskoplicht auf dem elektrischen Stuhl zittert und in einem schön komponierten Passionsbild auf der Treppe liegt.

Doch eine Volte schlägt Johanna Schall dann doch noch. Sie gönnt dem Toten eine mahnende Wiederauferstehung zu Brechts frühem Gedicht aus der Hauspostille: „Last euch nicht verführen! / Es gibt keine Wiederkehr.“ Und ist der Mann erst tot, kann man ihm bekanntlich nicht mehr helfen. Die Demonstrationen der Unbelehrbaren am Ende der Oper hatte sich Brecht sicher auch etwas anders vorgestellt. Aber hier gebietet die Brisanz der Notlage eines Ensembles aus unverbesserlichen Optimisten, die ihre Wünsche und Befürchtungen wechselseitig auf Pappschildern hochhalten. Ein Theater mit oder ohne Schauspiel, Tanz, Oper oder Orchester. Politisch aktueller geht es kaum.

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Fotos (C) Dorit Gätjen

Zuerst erschienen am 03.03.2015 auf Kultura-Extra.

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fulminantes Bekenntnis zur spartenübergreifenden Kunst

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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am Volkstheater Rostock - Foto (C) Dorit Gätjen
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am Volkstheater Rostock - Foto (C) Dorit Gätjen
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