Overlay
Livekritik zu

Wien Berlin. Kunst zweier Metropolen. Von Schiele bis Grosz

24.10.2013 - 27.01.2014 | Berlin / Berlinische Galerie
« zurück zur Veranstaltungsseite
Stefan Bock
am 19.11.2013

Die Berlinische Galerie zeigt in einer großen Schau bildende Künstler aus Wien und Berlin, zweier Metropolen, die geschwisterlich miteinander verbundenen sind.

 

Die Beziehungen Wien-Berlin sind in Sachen Theater, Literatur, Musik bereits hinreichend geklärt. Dramatiker, Theaterregisseure, Schriftsteller und Komponisten wie Gerhart Hauptmann, Max Reinhardt, Joseph Roth und Hanns Eisler stehen dafür mit ihren Werken. Die in beiden Metropolen beginnende Durchsetzung der Psychoanalyse von Sigmund Freud tat ihr Übriges zur engeren Verbandelung von Wien und Berlin. Wie es dabei um die Beziehungen der bildenden Künstler an Donau und Spree stand, zeigt nun eine große Ausstellung, die am 23. Oktober feierlich in der Berlinischen Galerie eröffnet wurde.

Unter den Wiener Malern sind Gustav Klimt und sein legitimer Nachfolger Egon Schiele über die Grenzen beider Metropolen hinaus stadtbekannt. Ihre Werke sind in den zahlreichen Museen Wiens ein stetiger Publikumsmagnet. Hier endet dann aber auch meist die Kennerschaft des deutschen Wienbesuchers, und gleichermaßen dürfte es wohl auch dem Wiener Gast mit den meisten Berliner Künstlern gehen. Dass nun ausgerechnet die im Schatten des, die Besucherströme anziehenden Jüdischen Museum gelegene Berlinische Galerie endlich mit diesem Halbwissen aufräumen will, ist löblich und guter Grund, noch die paar Schritte weiter in die Alte Jakobstraße zu gehen.

Einen ziemlich ähnlichen Kampf gegen die vorherrschende akademische Kunstauffassung sowie antisemitische Ressentiments in Deutschland hatte bereits etliche Jahre vor Gustav Klimt der Berliner Maler Max Liebermann bezüglich seines Gemäldes Der zwölfjährige Jesus im Tempel auszufechten. Eine erste echte Gemeinsamkeit also zwischen den um die Jahrhundertwende mit ihren Werken in die Moderne aufbrechenden Künstlern aus Wien und Berlin. Die nun in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Galerie Belvedere organisierte Schau Wien – Berlin. Kunst zweier Metropolen beginnt dann mit den Malern der Wiener und Berliner Secessionen. Wie selbstverständlich hängen da ein Selbstbildnis Max Liebermanns, des führenden Malers der Berliner Secession, und ein Portrait des Kunstkritikers Hermann Bahr von Emil Orlik einträchtig nebeneinander.

Aus Sicht des Kurators Dr. Ralf Burmeister sind Wien und Berlin zwei Metropolen, die sich zwar geschwisterlich ähneln, wie Geschwister aber auch ein sehr unterschiedliches Temperament haben. Wobei Berlin dabei der Part der stürmischeren, direkteren zukäme. Wien dagegen zurückgenommener und feiner im Stil sei. Und so lassen sich in den hier ausgestellten Werken bei ähnlicher Motivwahl doch immer auch Unterschiede in der Grundstimmung der Sujets oder Mentalität der Portraitierten feststellen.

Neben dem dunkel leuchtenden Waldsee-Gemälde Aus der Mark von Walter Leistikow hängt ein helles Birkenwäldchen im Abendlicht von Carl Moll. Neben der nächtlichen Berliner Straßenszene von Lesser Ury sieht man eine Donaulände im Sommer von Franz Jaschke. Einerseits harter Realismus der Wärmehalle in Berlin von Jens Birkholm, anderseits ein eher pfiffig wirkender Wiener Pülcher von Josef Engelhart. Der Berliner Hans Baluschek und der Wiener Ferdinand Andri zeigten dagegen beide die ländliche und städtische Bevölkerung in stimmungsgeladenen Alltagsszenen.

Die Unterschiede erschöpfen sich dann auch nicht allein in hell oder dunkel, gefühlvoll oder rau. Wie in Strudel und Pfannkuchen mancherlei stecken kann, so ist die Beziehung beider Städte auch entsprechend vielgestaltig, beeinflussten sich die Kunst-Stile und befruchteten sich unterschiedliche Strömungen an Donau und Spree wechselseitig. Von einem ersten Austausch zeugt hier ein Plakat von Julius Klinger zur Wiener Kunstschau von 1916 in der Berliner Secession. Während die Berlinerin Käthe Kollwitz mit ihren Grafiken auch in Wien gegen den Hunger anmahnte, ging der Wiener Emil Orlik 1905 nach Berlin, wurde dort Mitglied der Secession und Professor an der Lehranstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums. Zu seinen Schülern gehörten so bekannte Künstler wie Georg Grosz und Hanna Höch. Für ein Gastspiel des Deutschen Theaters mit Hauptmanns Webern in Prag und Hamburg gestaltete Orlik das Plakat.

Der in Wien vorherrschende Jugendstil wird vom Berliner Maler Fidus aufgenommen. Architektur und Design der Wiener Werkstätten drängen nach Berlin. Mit Kolomann Moser ist ihr wohl wichtigster Vertreter mit einigen Werken zu sehen. Und eine kleine verspätete Reminiszenz zum in Berlin so gut wie unbeachteten Klimt-Jahr 2012 wird hier zum Ereignis. Die groß gemusterte Bluse der Johanna Staude ist im Original sowie im gleichnamigen Ölbild von Gustav Klimt zu bewundern. Ihr zur Seite gestellt ist die schwungvolle Tänzerin Baladine Klossowska, Schwester des in Paris und Berlin arbeitenden Malers Eugen Spiro.

Der Expressionismus hält 1910 in Wien mit dem Maler Oskar Kokoschka Einzug und drängt via Herwarth Waldens Wochenschrift Der Sturm ins avantgardistische Berlin. Eine große Vitrine zeigt Ausgaben jener Jahre. In der boomenden Metropole sind bereits die Maler der Künstlervereinigung Die Brücke am Werk. Ernst Ludwigs Kirchners Frauen auf der Straße hängen in der Ausstellung neben weiteren ausdrucksstarken Bildern der Brücke-Künstler Max Pechstein und Erich Heckel. Ihnen gegenübergestellt sind die nicht minder farbgewaltigen Wiener Expressionisten wie Herbert Boeckl, Anton Kolig oder Oskar Kokoschka mit seinem Bildnis der Nell Walden. Da darf natürlich auch William Wauers kubistische Bronzebüste Bildnis des Herwarth Walden aus der Berlinischen Galerie nicht fehlen.

Wie ein Solitär zwischen all dieser expressiven Farbigkeit wirkt da das sparsame und dennoch ausdrucksstarke Bildnis des Verlegers Eduard Kosmack von Egon Schiele. Daneben ein Schiele-Portrait von Max Oppenheimer. Schiele hatte seinen Wiener Malerkollegen im gleichen Jahr ebenfalls porträtiert. Eine Entdeckung auch die von 1913 bis zu ihrem Tod in Wien lebende deutsche Malerin Helene Funke mit ihrem sinnlichen an den Pariser Fauves geschultem Frauengruppenbildnis Träume.

1914 zog ein Großteil der Wiener und Berliner Künstler zunächst begeistert in den 1. Weltkrieg. Ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiteten sie dabei ganz unterschiedlich. Sehr direkt zeigen die grafischen Mappenwerke des Berliners Georg Grosz die Kriegsgreuel. Ludwig Meidner malte düstere Untergangsszenarien wie Apokalyptische Landschaft und jüngster Tag. Noch mehr mit Symbolik aufgeladen sind die Werke der Wiener Maler wie Ludwig Heinrich Jungnickel mit seinem Gemälde Die Sintflut und Fritz Schwartz-Waldegg als Vertreter der Verlorenen Generation der Zwischenkriegszeit mit seinem aufwühlenden Selbstbild Bekenntnis.

Gestreift wird auch die in den 1920er Jahren in Berlin entstandene Avantgardekunstbewegung des Dada. Mit ihren reichen Beständen an Grafiken, Collagen, Ölbildern und Objekten von Georg Grosz, Hanna Höch und Raoul Hausmann kann die Berlinische Galerie hier aus dem Vollen schöpfen. Dada blieb allerdings in Wien ebenso unbeachtet, wie der in Wien aufkommende futuristische Kinetismus kaum Nachahmer in Berlin fand. Die Wiener Avantgarde erreichte immerhin noch mit der Malerin und angewandten Künstlerin Friedl Dicker sowie dem Schweizer Maler und Kunsttheoretiker Johannes Itten das Weimarer Bauhaus. Bemerkenswert ist hier in der Berliner Schau aber vor allem die in Deutschland relativ unbekannte Wiener Künstlerin Erika Giovanna Klien mit ihren futuristischen Großstadtbildern von Menschen und Maschinen sowie der comicartigen Bildergeschichte Klessheimer Sendbote.

Einen besonders großen Raum nimmt in der Berlinischen Galerie natürlich die Zeit der Neuen Sachlichkeit ein. Eine klar vermutete Domäne der Berliner Künstler der 1920er und 30er Jahre wie Otto Dix, Rudolf Schlichter, Christian Schad und Jeanne Mammen. Ihren bekannten Portraits werden Wiener Realisten wie Herbert Ploberger, Rudolf Wacker und Albert Paris Gütersloh, Lehrer und Vater der nach dem 2. Weltkrieg aufstrebenden Wiener Phantasten um Ernst Fuchs und Wolfgang Hutter, gegenübergestellt. Franz Lerchs Schlafendes Mädchen korrespondiert hier wunderbar mit Karl Hofers Ruhendem Mädchen. Die Wiener Straßenszenen des Grafikers Wilhelm Traeger stehen Max Beckmanns Berliner Reise in nichts nach und der Pressezeichner B. F. Dolbin karikierte Wiener und Berliner Theatergrößen wie Max Reinhardt, Bertolt Brecht, Lotte Lenya, Fritz Kortner und Alfred Kerr.

Die Ausstellung schließt mit den bedrückenden Bildern der unter den Nazis im KZ ermordeten Felix Nussbaum und Friedel Dicker-Brandeis und kann dann noch einmal mit dem vor einem Jahr im Kunsthandel wieder aufgetauchten Bildnis Im Gasthaus von Lotte Laserstein punkten, das sich nun im Besitz einer Privatsammlung befindet. Laserstein konnte 1937 noch rechtzeitig nach Schweden emigrieren. Schon 1930 wehte eine Art melancholische Vorahnung durch ihre Tischgesellschaft Abend über Potsdam. Hier ist man aber noch längst nicht am Endpunkt der Wien-Berlin-Connection. Die Ausstellung verlangt förmlich nach einer Fortsetzung. Auch in der Nachkriegsmoderne ließen sich noch so manche Gemeinsamkeiten und Gegensätze finden. Die Berlinische Galerie muss sich hierfür nur nach weiteren Partnern in Wien umsehen. Ein erster Schritt ist mit dieser großartigen Schau getan.

Ersterscheinung am 01.11.13 auf KULTURA-EXTRA

Besucherfazit

Nicht zu toppen!

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre

Medien von Stefan Bock

Die Berlinische Galerie Foto: St. Bock
William Wauer - Bildnis Herwarth Walden - Foto: St. Bock
Lotte Lasersteins Im Gasthaus - Foto: St. Bock
12 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • theatermail nrw
  • Dresdner Kabarett Breschke und Schuch
  • Luisa Mertens
  • Monique Siegert
  • Meerfreude
  • Stefan Bock
  • Sarah Mauelshagen
  • Peter Griesbeck
  • Elisaveta K. Yordanova
  • Wolfgang Albrecht
  • Nick Pulina
  • Frank Varoquier
  • A.-K. Iwersen
  • Frollainwunder
  • Stephanie Speckmann
  • Ute Schmücker
  • Mel Kep
  • Katja Marquardt
  • Sarah Dickel
  • Arne
  • poy

Für Freikarten und Kulturtipps

Andere Besucher interessierte auch

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!