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Livekritik zu

Don Juan kommt aus dem Krieg

13.10.2013 - 09.11.2014 | Berlin / Berliner Ensemble
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Stefan Bock
am 21.10.2013

Don Juan kommt aus dem Krieg - Luc Bondy inszeniert Ödon von Horvaths Schauspiel am Berliner Ensemble als sentimental melancholischen Abgesang

 

Eine ausverkaufte Premiere, das hat es auch schon länger nicht mehr am Berliner Ensemble gegeben. Die Promidichte im Publikum ist auch sehr hoch. Das schafft nicht jedes Theater mit einem kaum gespielten Horvath-Stück. Selbst auf der Bühne treten sich einige überregionale Theaterstars und örtliche Sternchen auf die Füße. Erstaunlich, wie es dem BE immer mal wieder gelingt, so ganz gegensätzliche Theaterauffassungen und Darstellungsweisen unisono zusammenzuführen. Und das ist noch nicht mal ironisch gemeint.

Diesmal sind es also Ilse Ritter (Schaubühne, Burgtheater, Schauspielhaus Hamburg, etc., etc.), Kathrin Angerer (Volksbühne) und Samuel Finzi (u.a. Deutsches Theater und Volksbühne), die sich ein gemeinsames Stelldichein am Berliner Ensembles geben. Da stehen mehrere Jahre und Traditionen deutschsprachiger Theatergeschichte zusammen auf einer Bühne. "Ritter, Dene, Voss" wird allerdings nicht gegeben. Und auch Claus Peymann ist nicht der verantwortliche Regisseur des Abends. Luc Bondy holt nun seine bereits 2011 für die Ruhrfestspiele geplante Inszenierung von Ödon von Horvaths "Don Juan kommt aus dem Krieg" hier am BE nach.

Aus den besagten mimischen und sprachlichen Unterschieden der Darsteller sollten sich doch auf der Bühne auch ein paar Funken schlagen lassen. Aber so unähnlich sind sich diese drei Charaktere dann wohl doch nicht. Oder Luc Bondy hat deren unterschiedliche Strahlkraft im Probenprozess stark nivelliert. Unterstützt werden sie in ihrem Spiel von so gestandenen BE-Frauen wie Anke Engelsmann, Swetlana Schönfeld, Katharina Susewind, Ursula Höpfner-Tabori und dem immer präsenten weiblichen BE-Nachwuchs. 35 verschiedene Frauen hat Horvat für sein Schauspiel vorgesehen. Mit „elfen“ begnügt sich das BE. Allerdings spricht Horvath - am BE ist Irm Herrmann via Konserve zu hören - in seinem Vorwort zum Stück auch von immer gleichen Grundtypen, die sich entwickeln können. Hier weiß einer also über Frauen Bescheid.

Was treibt nun die Frauen zu Don Juan? Da weicht Horvath ins Metaphysische aus. Don Juan sucht die Vollkommenheit, die es im Leben nicht gibt. Mit rein irdischem Horizont wird ihn das ewig Weibliche also nicht hinan ziehen können. Don Juan als tragische Figur, die bei der Suche nach dem eigenen unerreichbaren Glück die Frauen, zum Gegenbeweis angetreten, reihenweise ins Unglück stürzt. Dabei selbst zynisches Opfer seiner Wirkung. Er wird den Damen nicht entrinnen.

Und Samuel Finzi als Don Juan starrt hier so Mitleid erregend aus seinen tief geschminkten Augenhöhlen und verströmt dabei in seinem abgerissenen Soldatenmantel den Charme eines nassen Hündchens, dass die umstehenden Damen gar nicht anders können, als den müden Streuner mit nach Hause zu schleppen. Die neue Nummer des großen Herzensbrechers, der geläutert, so glaubt er zumindest, aus dem 1. Weltkrieg heimgekehrt, nach seiner verflossenen Liebe sucht. In jeder, der ihm nun nacheinander begegnenden Frauen, meint Don Juan diese eine Liebe wiederzuerkennen. „Wir kennen uns.“, eine Masche, die heute nicht mehr ganz so populär ist. Ihn ficht das fürderhin nicht an, hungern doch die ihn zahlreich umgebenden Frauen, dick oder auch rachitisch, gleichermaßen nach seiner Liebe, oder was immer sie dafür halten.

Der einst für seine „erotischen Skandalaffären“ bekannte Don Juan hat seine Verlobte für Kaiser, Volk und Vaterland oder auch einfach nur für eine Andere verlassen. So genau will Horvath das dann auch nicht klären, welche Traumata in dem fiebrig fantasierenden Kriegsheimkehrer schlummern. Es scheint zumindest von diabolischer Größe, was eine Krankenschwester (Johanna Griebel) ihn nicht nur der ansteckenden Grippeviren wegen fliehen lässt. Luc Bondy, der Meister der leisen Ironie, lässt uns ebenso im Unklaren, wie Finzis Don Juan selbst. Sein mürrisches NICHTS bleibt einzige Behauptung. Möchte man bei diesem Mann noch eine Lebensversicherung kaufen?

Auf zackig expressionistischer Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann defilieren all die Damen in veristischer 20er-Jahre-Aufmachung von Kostümbildnerin Moidele Bickel oder sitzen vorn in einer Art Wartelounge an kleinen Tischchen. Die sehr gute ausgewählte Live-Band spielt Walzer, Swing und Charleston. Es klimpert das Klavier, es klingt die Violine. Sanft singt die Säge dazu. Zwischen den Szenen wird im Halbdunkel geschwoft und die Frauen reihen sich auch mal zu einem Totentanz mit Masken. Ilse Ritter füllt hier einen ganzen Typenkatalog an Damen und beweist damit, dass sie vom jungen Mädchen über die Soubrette und Hure bis zur Witwe alles spielen kann. Katharina Susewind singt als Operndiva Arien aus Mozarts "Don Giovanni", während sich Samuel Finzi von einer Loge zur gegenüberliegenden hangelt. Früher war mehr Slapstick.

Weitere Akzente setzen immer wieder Svetlana Schönfeld als grantige Großmutter, in einen Sessel mit Stapeln alter Zeitungen eingekeilt, und Kathrin Angerer als ihre wunderbar nölige Magd mit Kleinmädchenzöpfen. Später gibt die Angerer noch eine blaubestrumpfte Professorenwitwe, bei der sich Don Juan einmietet und anderswo weiter Herzen bricht. Lesbische Kuntgewerblerinnen (Iles Ritter und Katharina Susewind) entzweien sich wegen ihm - eine droht ins Wasser zu gehen - ein junges Mädchen (Coco König) schwärmt erst und bezichtigt ihn dann der Unzucht. Schließlich wirft sich noch eine überzeugte Parteigenossin (Larissa Fuchs) dem Kapitalisten für die revolutionäre Sache an den Hals. Naja.

Dunkel ist es die meiste Zeit auf der Bühne, sehr finster sogar. Es nebelt und ein stetiger Altherrenmief weht durchs Parkett. Dabei hätte man Luc Bondy eigentlich noch nicht zu den älteren Herren gezählt. Diese Meinung ist nun wohl zu revidieren. Man tut niemanden, und Horvath schon gar nicht, einen Gefallen dieses Stück noch einmal aufzuführen. Aber wo besser, als am BE passt es hin.

Später wird ein weißes Tuch des Schweigens über die Bühne gezogen und es beginnt zu schneien. Am Grab seiner Liebsten angekommen, erstarrt Don Juan schließlich zur Schneemannfigur mit roter Möhre im Maul. Ein trauriger, toter Mann mit Clownsmaske. Ein Anachronismus, aus der Gesellschaft gedrängt und verspottet, versinkt wie ein Mammut im ewigen Eis. Wer möchte da nicht Parallelen zu Stein, Peymann oder Bondy selbst sehen. Zumindest möchte es ein Teil der Herren genauso. Ein "Don Juan unserer Zeit" heißt es in Horvaths Vorwort. Nur, aus welchem Krieg kommt der heute und wie könnte er wirklich aussehen? Darauf weiß Luc Bondy keine Antwort mehr.

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Der Text erscheint in ausführlicher Form auch auf www.blog.theater-nachtgedanken.de.

Aufführungsfoto: © Ruth Walz: Kathrin Angerer, Samuel Finzi

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sentimental melancholischer Abgesang

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Medien von Stefan Bock

Don Juan kommt aus dem Krieg am Berliner Ensemble - Foto: St. Bock
Don Juan kommt aus dem Krieg am Berliner Ensemble - Foto: © Ruth Walz: Kathrin Angerer, Samuel Finzi
In eins nun die Hände. Hier stehen mehrere Jahre und Traditionen deutschsprachiger Theatergeschichte zusammen auf einer Bühne. Angerer, Finzi, Ritter am BE - Foto: St. Bock
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