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Livekritik zu

Geächtet

23.01.2016 - 27.03.2016 | Berlin / Theater und Komödie am Kurfürstendamm
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Stefan Bock
am 13.03.2016

Ivan Vrgoč bringt mit dem preisgekrönten Konversationsstück "Geächtet - Disgraced" von Ayad Akhtar eher Nachdenkliches auf die Boulevardbühne am Berliner Kudamm

 

Nach "Rumors - Gerüchte…Gerüchte" und "Eine Familie - August: Osage County" ist "Geächtet - Disgraced" von Ayad Akhtar der dritte Streich der unabhängigen Theaterproduktionsfirma santinis im Theater am Kurfürstendamm. Geächtet wird als "Stück der Stunde" gehandelt und in diesem Jahr noch in mehreren deutschen Theatern zu sehen sein. Den Anfang machte vor zwei Wochen das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. Das 2012 in Chicago uraufgeführte Boulevardstück hat in Folge auch kontroverse Diskussionen am New Yorker Broadway ausgelöst und wurde 2013 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Nun hat es Ivan Vrgoč, Schauspieler und Mitbegründer von santinis production, den großen, öffentlich subventionierten Theatern der Hauptstadt weggeschnappt und nach anfänglichen Schwierigkeiten selbst inszeniert. Nicht nur einer der geplanten Stars (Cosma Shiva Hagen) wurde ausgetauscht, auch der ursprüngliche Regisseur musste wegen künstlerischen Differenzen vorzeitig gehen. Nicht die allerbesten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Premiere und klingende Kassen.

Dennoch braucht sich die Inszenierung nicht zu verstecken, wenn auch die Ankündigung, "Geächtet" stünde in der Tradition großer Theaterschlachten wie "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" etwas zu hoch gegriffen scheint. Man tut sich damit nicht unbedingt einen Gefallen. Auch mit dem Prädikat „Stück der Stunde“ liegt man nur insoweit richtig, als dass mit dem Bürgerkrieg in Syrien und den permanent steigenden Flüchtlingszahlen der Islam im Westen als Religion wieder in aller Munde ist. Es geht, und das nicht erst seit heute, um religiöse Tradition, Integration oder Assimilation, alltäglichen Rassismus und Vorurteile gegenüber anders Aussehenden aus Angst vor dem Terrorismus.

Zumindest zeigt "Geächtet" im Verlauf einer Dinner Party zweier Paare sehr anschaulich - und das hat es wiederum z.B. mit dem "Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza gemein - wie dünn der Firnis der ach so aufgeklärten und offenen Gesellschaft ist, und dass auch in der sich sonst so politisch korrekt gebenden US-amerikanischen Upper Class das gute alte Ressentiment quer durch alle religiösen und politischen Bekenntnisse nicht vollends ausgestorben ist. Man spricht hier selbst einmal von Lippenbekenntnissen, als es um die allgemeine Behauptung geht, wirklich tolerant gegenüber anderen Religionen zu sein.

Solch angebliches Musterbeispiel von Toleranz und gelungener Integration stellt das Upper-East-Side-Paar Evelyn (Katja Sallay) und Amir (Mehdi Moinzadeh) dar. Er, als in den USA geborener Muslim mit pakistanischen Wurzeln, hat dem Islam abgeschworen, sich eine indische Identität und den Nachnamen Kapoor zugelegt. Sie ist als Malerin von der orientalischen Kunst fasziniert und meint sogar, dass der Islam zu unserem Wesen gehört. Das sorgt nicht nur in der Beziehung für Spannungen, sondern wirkt sich auch bis ins Berufliche aus. Amir ist erfolgreicher Wirtschaftsanwalt in einer Kanzlei mit jüdischen Partnern und schreckt davor zurück, auf Bitten seines Neffen Abe (Rauand Taleb) einen Imam unter Terrorverdacht zu unterstützen. Als er es seiner Frau zu Liebe dennoch tut, bekommt er wegen eines Zeitungsartikels und seiner vorgetäuschten Identität Probleme in der Kanzlei.

Abe meint zwar, dass es erlaubt ist, seine Religion zu verleugnen, beginnt sich aber enttäuscht von der ablehnenden Haltung seines Onkels und den zunehmenden Verdächtigungen gegenüber Bürgern muslimischer Herkunft zu radikalisieren. Dieser Exkurs in die Familiengeschichte Amirs, der das eigentliche Zentrum der Handlung, die eskalierende Dinner Party, wie ein Rahmen umspannt, ist durchaus wichtig, lenkt den Fokus des Stücks aber etwas zu sehr auf Amir selbst. Das Gästepaar, Amirs afroamerikanische Kollegin Jory (Dela Dabulamanzi), die ihm letztendlich von den Partnern der Kanzlei vorgezogen wird, und ihr Mann, der jüdische Gallerist Isaac (Gunther Gillian), bleibt hier in Figurenzeichnung und Darstellung etwas zu eindimensional.

Der recht ironiefreie Abend kulminiert, noch bevor es zum mitgebrachten Nachtisch kommt, in die vorhersehbare Katastrophe. Nach anfänglichem Smalltalk beim Scotch kommt man schnell zu Themen wie dem Patriot Act und racial profiling, beim Salat geht es dann schon mit explizit israelkritischen Äußerungen und dem N-Wort zur Sache. Dabei gerät der eher islamkritische Amir, der seine Religion eigentlich für sehr rückschrittlich hält, immer mehr in die Defensive, aus der er sich nur mit der fragwürdigen Äußerung, der 11. September habe ihn mit einen Hauch von Stolz erfüllt, zu befreien glaubt. Da hört allerdings die Toleranz der anderen auf und beginnt der Abstieg für Amir.

Regisseur Ivan Vrgoč lässt die vier Diskutierenden immer wieder aufgeregt auf der schrägen, spitz nach oben zulaufenden Bühne hin und her laufen und auch mal bedeutungsvoll ins Publikum blicken. Eine wirklich spannende Konversation entwickelt sich so aber nur bedingt. Es sind eher die stillen Momente im Vorfeld und im Nachwirken des für Amir zerstörerischen Abends, der auch noch die Entdeckung einer Affäre zwischen Evelyn und Isaac bereithält, die einem zum Nachdenken bringt. Amir bleibt ein Sklave seiner Abstammung, auch wenn ihn Evelyn nach dem Velasquez-Portrait des Mauren Juan de Pareja in stolzer Haltung malt. Sehr passend dazu auch der immer wieder zwischen den Szenen eingespielte Beatles-Song "A Day in the Life" über das plötzliche Ende eines Aufsteigers. Insgesamt nicht gerade ein Wohlfühlabend für das sicher Seichteres gewohnte Kudamm-Publikum. Trotzdem sollte man sich das Stück ruhig ansehen.

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Zuerst erschienen am 30.01.2016 auf Kultura-Extra.

Besucherfazit

Insgesamt nicht gerade ein Wohlfühlabend - Trotzdem ansehenswert

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Medien von Stefan Bock

Geächtet - Disgraced von Ayad Akhtar im Theater am Kurfürstendamm - Foto (c) Katarina Ivanisovic
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