Overlay
Livekritik zu

Sacre von Sasha Waltz & Guests

06.10.2014 | Köln [ Innenstadt ] / Opernhaus Köln
« zurück zur Veranstaltungsseite
Tanja Piel
am 09.10.2014

Eine beeindruckende Darbietung von Sasha Waltz & Guests!

Sasha Waltz & Guests endlich zu Gast in Köln auf ihrer kleinen Tournee! So war der Besuch Pflicht, gerade wenn Berlin zu Gast in Köln ist. Dies ist die erste moderne Ballettaufführung, die ich besuche. Klassisch habe ich mit Schwanensee in der Dresdner Semperoper letztes Jahr angefangen. Selbst als Kind tanzte ich mit Leidenschaft Ballett.

In der dritten Reihe sitzend hatten wir einen sehr guten Blick auf die Bühne. Die Tänzer aus nächster Nähe zu beobachten mit all ihrer Mimik hat schon was. Man ist nah dran am Geschehen.

Der Dirigent Pietari Inkinen begrüßte das Publikum Kopf reckend aus dem Orchestergraben, was für ein Schmunzeln sorgte.

Das Gürzenich Orchester unter der Leitung von Pietari Inkinen spielte zurückhaltend, so dass der Tanz im Vordergrund stand. Besonders betont wurde natürlich der Einsatz der Pauke, die bei Sacre ordentlich zu tun hatte.

Der Abend war unterteilt in drei Teilen.

Es begann mit L' Après-Midi d'un faune, nach der sinfonischen Dichtung Prélude à l'après-midi d'un faune von Claude Debussy. Die Tänzer hatten zweifarbige Kostüme, vom Schnitt her einem Badeanzug annähernd an, die die Farben der Bühnendekoration widerspiegelte. Zu Beginn war die Bühnenwand in Gelbtönen durch das Licht angestrahlt. Dies veränderte sich durch das Licht (Licht: Martin Hauk) in Rottöne. Die Gruppe von Tänzern beeindruckte mich vom ersten Moment an durch ihre Akrobatik, die Körperspannung  und unglaubliche Beweglichkeit! Die sehr biegsamen Körper waren wie Gummi, mal zog sich der Körper zusammen, wenn die Tänzer sich als Gruppe umarmend bündelte, mal streckte er sich in der Arabesque so aus, als ob die Beine endlos wären. Durch die internationale bunt zusammengestellte Dancecompany bekam der Tanz noch mehr Ausdruck. Durch die zum Teil intimen Bewegungen lassen die Tänzerinnen und Tänzer sehr viel Nähe zueinander zu.

Vor der Pause stand dann die Scène d'amour aus Roméo et Juliette, zu Hector Berlioz dramatischer Sinfonie Roméo et Juliette auf dem Programm. Die beiden Tänzer Emanuela Montanari und Antonino Sutera tanzten anmutig die Liebe auf der Bühne. Sie hatte ein langes zartes nude-farbenes Kleid an und ließ sich von ihm wie schwerelos hochheben, um im nächsten Moment zart um ihm herum zu tanzen. Der Gesichtsausdruck sprach die Bände der Liebe. Arabesquen und Attitüden ließen das klassische Ballett zum Vorschein kommen. Getanzt wurde, wie alle drei Stücke barfuß. Die Leichtigkeit des Tanzes, auch bei den Hebefiguren, das Anziehen und das Wiederwegtanzen symbolisierte die Unschuld der Liebe.

Nach der Pause kam mit Sacre das genaue Gegenteil. Nach der Musik von Igor Strawinsky, die bei der Uraufführung vor hundert Jahren einen Skandal hervorruf, kam eines der Schlüsselwerke der Moderne auf die Bühne. Die Tänzer und Tänzerinnen waren in erdfarbene Kostüme, der Natur nahegestellt, gekleidet. Die in der Mitte der Bühne gehäufte Asche wurde zu Beginn sparsam mit Licht eindrucksvoll beleuchtet. Nebel umgab nur die Umrisse der Tänzergruppe links auf der Bühne frei. Das Licht wurde langsam mehr, der Nebel verzog sich langsam. Das Leben, der Frühling erwachte langsam.  Laut Strawinsky stellt das Frühlingsopfer (Übersetzung von Le Sacre du printemps) die Erwachung der Erde aus dem Winterschlaf. Die Dynamik und die Kräfte der Natur wurden durch energisches Tanzen in der Gruppe oder auch einzeln widergespiegelt: Aneinander anziehen (in der Gruppe) und wieder loslassen (im Einzelnen). Bei Strawinskys Sacre du Printemps ist die Erwachung des Frühlings das Thema, an deren Ende der Tod des Mädchens steht. Gruppenweise wurde um den Aschehaufen getanzt, den jetzt mehrere Lichtquellen beleuchteten. Die Tänzerinnen waren effektvoll mit dick schwarz umrandeten Augen geschminkt. Die Gewalt der Natur wurde trampelnd, durch schnelle Bewegungen und heftig atmend gekennzeichnet. Das Opfer versucht sich hilfos zu wehren: Die Wächter symbolisieren dies in ihren langen Mänteln. Die Opergabe wird bittend in knienender Haltung Das Opfer wurde zum Schluß in einem lilabetonten Kostüm dargestellt. Die Naturgewalt wurde mit der Wucht der viel gespielten Pauke unterstützt. Mit viel Mut tanzte die Unschuld nackt vor dem Publikum. Der riesige spitze Dolch der von der Decke zum Schluß kam tötete symbolisch das Mädchen.

Sasha Waltz ist berühmt für Ihre Choreografien. Nicht umsonst gilt sie als die "bedeutende Erneuerung des Tanztheaters neben Pina Bausch" (Wikipedia). Sie wurde zurecht mit zahllosen Auszeichnungen geehrt.

Dem Kölner Publikum hat Sacre am meisten beeindruckt. Es bedankte sich beim Ensemble mit Standing Ovations zum Schluß. Leider war die Veranstaltung am Montag nicht ausverkauft wie es in Berlin bald sein wird. László und Sophia Sandig, die beiden Kinder von Sasha tanzten für ihr Alter begeistert mit. Sasha Waltz & Guests soll bald wiederkommen!

Ein Besuch im Radialsystem V bei ihr in Berlin ist für 2015 geplant!

Location:

Meine Begleitung ist ebenso wie ich froh, wenn die Oper Köln nächstes Jahr wiedereröffnet. Die Interimsstätte hat etwas von "Kinoatmosphäre".

Besucherfazit

Ausdruckskraft, Hingabe, Gefühle pur: getanzte Emotionen bei Sacre!

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
5 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Dresdner Kabarett Breschke und Schuch
  • Katharina Hö
  • Ulf Valentin
  • Holger Kurtz
  • Nick Pulina
  • Katja Marquardt
  • Wolfgang Albrecht
  • Stefan Bock
  • Julia Schell
  • PROARTEFrankfurt
  • Luisa Mertens
  • Klaus
  • Tanja Piel
  • Kyritz
  • Rolf Schumann
  • poy
  • Mel Kep
  • Silke Liria Blumbach
  • Theater o.N.
  • Irina Antesberger
  • Arne

Für Freikarten und Kulturtipps

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!