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Livekritik zu

Kulturelle Landpartie

13.05.2015 - 25.05.2015 | Lüchow / Wendland
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PGOB
von PGOB
am 19.05.2015

Alle Jahre wieder verwandelt sich zwischen Himmelfahrt und Pfingsten das Wendland in Niedersachsen von einer sich vehement gegen Castor Transporte und Atommüllendlager Gorleben wehrende Region in ein Kleinod der öko-veganen Küchen- und Kleinkunst.

Bereits zum 26. Mal heißt es raus ins Wendland auf die Kulturelle Landpartie. Geöffnete Scheunen und Höfe sowie malerische Gärten, Flohmärkte und Ausstellungen von Hitzacker bis Treplingen, von Schnega bis Gartow. Das größte selbstorganisierte Kulturfestival Norddeutschlands ist vom kleinen Regionalspektakel längst über seine Grenzen hinaus bekannt und lockt jährlich tausende Besucher aus allen Teilen Deutschlands und einigen Nachbarländern ins Vierländereck an die Elbe.

Begleitet vom fortwährenden Anti-Atom-Protest steht für 11 Tage die Kunst im Vordergrund, oder zumindest das, was die Hausfrau aus Pinneberg oder Eberswalde dafür hält. Die vielen ausgestellten Skulpturen beispielsweise sind zwar handwerklich von sehr hoher Qualität, doch stehen allzu oft das Material - Holz - und ein übermäßiger Öko-Pathos im Vordergrund. Schon nach der zehnten Figur wird man der holzhammerartig vermittelten Spiritualität überdrüssig und wendet sich den viel weltlicheren, weil auch praktischeren, Gartenmöbeln zu, von denen man gerne das ein oder andere Exemplar mitnehmen würde; hätte man nur mehr als einen Balkon in Berlin und das nötige Kleingeld. Mit drei- bis vierstelligen Beträgen für eine einfache Holzbank ist man dabei. Für manches im Volkshochschulkurs entstandene Aquarell ist man schon für 85€ im Geschäft.

Malerei ist neben Bildhauerei das zweite große Thema auf der Kulturellen Landpartie. Auch hier gilt die Maxime des handwerklichen Geschicks noch vor der künstlerischen Aussage. Dies offenbart nicht zu Letzt auch die Wahl der Motive – Nutztiere, Landschaften, Obststilleben, Portraits. Es muss irgendwie massentauglich sein, dennoch künstlerisch aussehen und sich unterm Strich gut verkaufen. Die Stillleben beispielsweise von Alfred Baumann in der Lübelner Mühle sind vielleicht nicht der große künstlerisch-innovative Wurf, sie bedienen jedoch ein traditionelles Verständnis von Kunst, welches vor allem auf den handwerklichen Fertigkeiten basiert.

Das ist jedoch nicht weiter problematisch, denn die Stärke dieses Festivals liegt in der Inszenierung, Einbettung und Erfahrung der Kunst in der Umgebung. Ländliche Idylle und halbverfallene Scheunen neben liebevoll restaurierten Höfen in denkmalgeschützten Rundlingsdörfern bilden den Rahmen für das regionale Ereignis. Was Susan Sontag in ihrem Manifest „Against Interpretation“ (1966) forderte, setzt die Kulturelle Landpartie seit Jahrzenten konsequent um. Wer sich die Stillleben Baumanns vielleicht mit einem Schluck Bio-Wein auf den Lippen ansieht, nachdem er oder sie zuvor einen Löffel hausgemachter Suppe probierten und dabei überlegten, ob diese in den ausgestellten Suppenschalen ebenso gut schmecken würde, der ist der wahren Stärke dieses Festivals auf der Spur. Mit dem Fahrrad geht es durch grüne, den Blick für weitere handwerkliche Kuriositäten entspannende, Landschaften. Bei selbstgemachten Kuchen, natürlich Bio und sicherlich vegan, träumt man in Küsten von ähnlichem Geschick in Punkto Landschaftsarchitektur bei der heimischen Gartengestaltung wie die landende Hausherrin. Diese präsentiert derweil in ihrer Scheune das neu erstandene Leinenkleid aus Lüchow und den passenden Schmuck aus Satemin. Bei handgeschnitzten Pommes in Diahren oder einer Pizza in der Villa Güstritz sowie einem erfrischendem Wendlandbräu träumt man sich schließlich nach einer langen Tour mit den Balkan-Electro-Swing-Klängen der französischen Band „Lamuzgueule“ an noch viel entlegenere Orte als dem Wendland. Kunst, in seiner weitesten Definition, spricht hier nicht nur den Intellekt an und sucht sicherlich nicht die Interpretation irgendeines selbsternannten Kunstkenners. „Mit allen Sinnen erleben“ ist vielleicht nicht die sprachlich innovativste Formel, trifft jedoch die Kulturelle Landpartie im Kern und macht sie gerade deshalb zu einer festen Größe im Kalender und das Wendland zwischen Himmelfahrt und Pfingsten zum attraktiven Reiseziel.

 

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Küchenkunst ist ein Erlebnis - Die wahre Landlust beginnt im Wendland

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