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Livekritik zu

Antarktis

22.08.2015 - 08.10.2015 | Hamburg [ Mitte ] / Hamburger Sprechwerk
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Peter Bieringer
am 14.11.2015

Wer nach diesem Theaterabend (13.11.) nicht sofort sein Facebook-Profil löscht, hat entweder nichts verstanden oder ist jemand, der noch an das Gute im Menschen glaubt. Christina Ketterings Stück kreist um Realitätsverlust. Ihre vier Personen schaffen die Verknüpfung krankheitsbedingten Abgleitens in die Welt der Demenz mit freiwilligem Eintritt in eine virtuelle Ersatzwelt, wie sie uns soziale Netzwerke als Paradies des Neuen Menschen anpreisen.

 

Ines Nieri zeigt beeindruckend, wie die 23-jährige Ina zwar mit spielerischer Dominanz ihren verklemmten und emotional verarmten Chatpartner Jens vorführt, in der Auseinandersetzung mit dem kranken Vater aber ihre Grenzen erkennen muss. Tom Pidde spielt diesen einstmals elastischen Naturforscher Werner in den feinen Abstufungen seiner Hinfälligkeit beklemmend eindringlich. Rückblenden vermitteln dem Zuschauer die unauffälligen Indizien für eine krankhafte Veränderung: die Sprachlosigkeit am bitteren Ende lassen Wortfindungsschwierigkeiten in der Frühphase als Alarmsignale erscheinen. Auch Kristina Bremers Rolle als vernachlässigte Ehefrau Nadja, die mehr und mehr das Interesse an ihm verliert, ist vielschichtig angelegt. Als Projektion schönerer Tage bleibt sie in Werners reduzierter Gedankenwelt präsent, auch als sie sich längst von ihm abgewendet hat. In Stephan Arweilers Darstellung des blauäugigen Internet-Junkies, der alle Chancen auf zwischenmenschliches Glück im Wortsinn verspielt, dürften sich viele Nerds wiedererkennen.

 

Während das Stück in der ersten halben Stunde noch Zug um Zug wie die Bewegung von Schachfiguren hauptsächlich von Monologen geprägt ist, nimmt es nach der Pause interaktive Fahrt auf. Am berührendsten wirkten auf mich die Szenen zwischen Vater und Tochter. Auch der äußere Rahmen dieses Stückes überzeugt: die weißen Quader des kargen Bühnenbildes von Regisseurin Friederike Bartel stehen gleichermaßen für die Einsamkeit des antarktischen ewigen Eises wie für die bausteinhafte Konstruktion virtueller Sozialkontakte. Akustische Einspielungen der beiden Sprecher und Videoprojektionen funktionierten problemlos. Warum allerdings der erste Satz von „Antarktis“ einen schlimmen Grammatikfehler enthält, hat sich mir nicht erschließen können.

 

Nein, ich werde meinen Account bei Facebook nicht löschen! Denn ohne ihn wäre ich auf diese intensive Produktion wohl nicht aufmerksam geworden. Nächste Vorstellung am 18. Dezember.

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