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Livekritik zu

17/70 – eine Zeitreise

08.05.2015 | Berlin [ Wilmersdorf ] / Haus der Berliner Festspiele
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Nicolas Flessa
am 11.05.2015

Einer Legende zu begegnen, erfordert immer Mut. Der Mut aber, den eine Legende braucht, um einer weiteren Legende zu begegnen – und das in voller Öffentlichkeit – liegt jenseits von Mut und Feigheit. Hanna Schygulla hat den Sprung ins Ungewisse gewagt und sich am Freitagabend auf dem Berliner Theatertreffen höchstens das Schienbein gestoßen.
 
Die Luft im Raum war stickig und roch bedeutungsschwanger nach Offtheater. Nebelpartikel flirrten über die Köpfe der Einströmenden hinweg, die sich hastig einen der Stühle sicherten. Das Gros der Zuschauer trug graues Haar, dazu die Mienen kunstgestählter Cineasten. Es war Fassbinders Generation, die sich hier zu einer Feier der eigenen Jugend versammelte – und mittendrin eine Handvoll Revoluzzer, die eben jene Generation als Auftrag an die eigene Jugend verstehen.
 
Und dann tauchte sie auf. Angetastet, aber kräftig erklang die Stimme der Schygulla durch die Schwärze in den Raum. Ein Pianist begann die ersten Töne, das Licht wuchs von der Decke wie ein Dom – und gab den Blick auf eine Schauspielerin frei, deren Augen funkelten, immer noch, wie Sterne. Langsam rezitierte sie eine n Text, der sich minutenlang windete, bergauf und bergab und letztlich in einen Namen ergoss, den alle im Raum zu antizipieren schienen: Rainer Werner Fassbinder.
 
Und plötzlich stand er auf der Bühne, dieser Koloss, ganz altmodisch auf eine Leinwand projiziert, kein Hologramm, eher ein Dia, und die Diva an seiner Seite ganz auf ihn fixiert. Und immer deutlicher wurden die Worte und die Kraft und die Lippen, an denen sie hingen, die Schygulla, die Hermann, die Caven und wir alle hier im Raum. Und der Legende gelang, dass man sie vergaß, dass man ihr beim Lieben der Legende so manchen Schnitzer und Stolperer verzieh, dass man den Pathos, ja den Mut dieser naiven, brutalen, unbesiegten Zeit zu missen glaubte.
 
Die Zärtlichkeit, mit der die Schygulla ihren Mentor und Freund mit Farbe an den Fingern zum Leben zu erwecken suchte, führte uns Zuschauern erbarmungslos vor Augen, was unseren Fassbinder für immer von dem ihren unterschied. Die zum Anlass der Feier entwickelte und freigelegte Lyrik war es nicht, die am Ende für tosenden Applaus und stehende Ovationen sorgte. Schygullas Dinner For One lebte und atmete von der Kraft einer Frau, die in den Trümmern freigesetzter Träume nach Gründen für ein Weitermachen sucht.
 
Als zu Beginn alle Reihen schon belegt und auch die einzelnen Plätze längst vergeben waren, tauchte ein Mann auf der Treppe vor unserer Reihe auf. Ob sie ihm und seiner Begleitung bitte Platz machen könnten, fragte er bestimmt unsere Sitznachbarn. Verstört wiesen sie ihn auf die freie Platzwahl bei dieser Veranstaltung hin. Eben darum, entgegnete der Mann. Er habe sich für diese Plätze entschieden und würde nun gerne von seiner Wahl Gebrauch machen. Fassbinder
hätte seine Freude an diesem Intermezzo gehabt.
 
Haus der Berliner Festspiele, 8. Mai 2015, 20:30; Musik: Stephan Kanyar, Licht: Benoît Théron, Regie: Alicia Bustama

Besucherfazit

Schygullas Dinner For One - gewagt, geglückt, berührend

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Medien von Nicolas Flessa

Hanna Schygulla von ihrem R.W.Fassbinder (Foto: Nicolas Flessa)
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