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Livekritik zu

Generat - Chanson Noir Moderne

14.03.2012 - 13.12.2012 | Berlin [ Alt-Treptow ], Berlin, Nürnberg
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Michael Sachs
am 23.07.2012

Ganz große Kleinkunst – Kathy Kreuzbergs GENERAT im House of Life

Berlin. Auf den ersten Blick erscheint das House of Life im Berliner Kiez Kreuzberg als eine normale Pflegeeinrichtung für behinderte Menschen. Doch der Eindruck täuscht: Regelmäßig verwandelt sich der Speisesaal in einen Konzertraum mit großer Bühne. Diesmal zu Gast: Kathy Kreuzberg mit ihrem Musikprojekt GENERAT.

„Chanson Noir Moderne  im Theaterkleid“ nennt die Sängerin und Schaupielerin ihr eigenkomponiertes Programm – und genau das ist es auch: Kathy Kreuzberg hieft dieses angestaubte Chanson-Genre in die Jetzt-Zeit und vernetzt das Ganze mit einem Theaterprogramm. Wer hier eine Sängerin mit seichten Liedern zur Klavierbegleitung erwartet, irrt sich – und das gewaltig.

Fünf Musiker stehen anfangs auf der Bühne und präsentieren eine klassische Rockmusikbesetzung.  Das macht neugierig. Also kein Chanson? - Doch! Denn kurz darauf betritt Kathy Kreuzberg in androgyner 1920er-Jahre-Erscheinung  die Bühne, und deutet somit erstmals an, dass Neu und Alt kein Widerspruch sein müssen.

Die Geschichte startet ebenso ungewöhnlich wie packend: Ein Mensch namens Adam will sich erschießen  – doch das klappt nicht. So war das nicht geplant. Und anstatt zu sterben, findet er eine Art Ebenbild: Eva. Diese ist ebenfalls gerade dabei, sich ins Jenseits zu befördern. Er hindert sie daran. Was dann folgt, ist eine ehrliche Entschuldigung zueinander: Man sei ja nur Mensch.
Das kommt an beim Publikum im House of Life  - der erste Szenenapplaus setzt ein, und einige Zuschauer rufen laut das Wort „Mensch!“ Richtung Bühne.

Selbstsicher und eindrucksvoll bühnenstark präsentiert Kathy Kreuzberg ab nun beide Charaktere ihrer Geschichte, von der sie im späteren Gespräch sagen wird, sie sei „ach, nur der Geschichtenerzähler. Spielen, das tun die anderen.“ Sie begreife den Inhalt von Chanson- und Theatermusik als mehr als ein Zusammenspiel von Instrumentalklängen und gesungenem Wort mit inhaltlichem Gestus, und fände es „gelinde gesagt, zum Kotzen, dass Chansonmusik immer mehr in eine Minimalbesetzung gewürgt“ würde, deren Gründe sie nicht wirklich nachvollziehen könne: „Man meint oft, das wäre dann zu laut und es würde stören und das würde nicht gehen. Also, technisch gesehen ist Lautstärke heute kein Problem mehr, das kann alles über Kabel gehen und dann muss man am Mischpult nur an den richtigen Knöpfen drehen. Aber vermutlich haben bei GENERAT viele sofort Rockmusik im Ohr, wenn sie die E-Gitarren sehen. Und dann passt das nicht so ganz in ihr Klangbild von Kleinkunst. Aber eigentlich ist das Quatsch.“

Kathy Kreuzberg nimmt das Publikum mit auf die Achterbahnhöllenfahrt ihrer beiden Mensch-Geschöpfe; und schnell wird deutlich, dass niemand während der Fahrt aussteigen kann. Die Reise ihrer Protagonisten ist schnell und schmerzhaft – und endet, bevor es irgendjemand wirklich begreifen kann, beim Ende des Mensch-Seins. - Hier geht es ums Sterbenmüssen und Lebenwollen, um gegenseitige Liebe  und das sich selbst hassen; und um die Fluchtwege Alkohol, Kokain, Heroin – die allesamt dann doch nur den Himmel versprechen in dem Moment, wo sie unter der Erde enden.

Just im Grab angekommen, verkündet GENERAT eine kurze Pause – und es dauert es ein paar Sekunden, bis das Publikum es wagt, aus der Szenerie auszusteigen. Doch dann steigen sie alle wieder ein – die Fahrt geht weiter und endet schließlich da, wo sie begonnen hat: beim Mensch sein. Diesmal allerdings nicht definiert als sterbendes Geschöpf, sondern als Ausdruck des Lebens. GENERAT endet trotz viel Chanson Noir also positiv. Das passt zum House of Life!

Der Applaus ist herzlich und ehrlich – und genauso authentisch klingt Kreuzbergs Danksagung an ihre Kollegen (Gitarren: Leander Reininghaus und Jordi Kuragari, Klavier: Christian Schönefeld, Schlagzeug: Paavo Günther, Bass: Thommi Vock), die es hervorragend verstehen, das mitzutragen, was die GENERAT-Protagonistin singt und erzählt.

Kathy Kreuzberg hat gut von den großen Meistern des alten Chansons gelernt, das merkt man an ihrer gesamten Bühnengestalt sowie an ihren tiefgründigen Texten  – aber anstatt in deren Fußstapfen zu treten, baut sie mit GENERAT eine komplett neue Straße in die Szene, von der man nur wünschen kann, dass sie mehr Anerkennung und Nachfolger erfahren wird. GENERAT ist ganz ganz große Kleinkunst, und ist der besten Chanson- und Theaterbühnen würdig, die es hierzulande (noch) gibt. (ms)

 

Zum Weiterlesen:

www.generat.de
www.house-of-life.net

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Sylvia Brandt:
www.taste-modern.de

Weiterverwendung nur mit schriftlicher Erlaubnis der Fotografin!

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Ganz große Kleinkunst!

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  • Preis/Leistung
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Medien von Michael Sachs

Titel: 
Kathy Kreuzberg mit dem Chanson Noir Projekt GENERAT
Kathy Kreuzberg GENERAT von Sylvia Brandt
Kathy Kreuzberg GENERAT von Sylvia Brandt
Kathy Kreuzberg GENERAT von Sylvia Brandt
Kathy Kreuzberg GENERAT von Sylvia Brandt
Ort: 
Berlin, House of Life
4 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
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Ja
Zeitraum: 
20. Juli 2012

Kommentare

Originell und anspruchsvoll

Ein wirklich toller Abend mit einem originellen und anspruchsvollen Programm, das Kathy Kreuzberg da mit Band auf die Bühne gebracht hat. Ich freue mich schon auf den nächsten Auftritt!

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