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Livekritik zu

Bunter Abend mit den Corbetten und Gästen

05.04.2013 | Berlin [ Alt-Treptow ] / Corbo Kleinkunstbühne
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Michael Sachs
am 15.04.2013

Ein Konzertabend mit gemischtem Programm ist immer schwierig, oft ist er weder Fisch noch Fleisch. Dass daraus dennoch ein schmackhaftes Gericht werden kann – das zeigte das corbo beim bunten Abend.

Berlin. Die Kleinkunstbühne in Alt-Treptow am Rande vom beliebten Kiez Kreuzberg lud zu einem Abend ein, der unterschiedlicher hätte nicht sein können: deutsch-niederländischer Pop traf auf französisch-deutsches Kabarett traf auf deutsches neues Chanson Noir traf auf französischen neuen Jazz. Mit diesem Potpourri startete das corbo in den zweiten Teil der ersten Saisonhälfte.

Den Anfang macht Renée van Bavel: Die Wahlberlinerin mit niederländischen Wurzeln (und Akzent) singt am Klavier über das Schöne, was diese Welt zu bieten hat: die Liebe, das Meer, die Sehnsucht darin. Dazwischen liefert sie immer wieder eine kleine Anekdote aus ihrem Leben, erzählt gewitzt von spontanen Heiratsangeboten in Amsterdam, bevor sie dann sanft den nächsten Akkord auf dem Klavier anstimmt. Ihre Musik ist eher ruhig und verträumt  – hinzu kommt eine kraftvolle, facettenreiche Stimme, die einen guten Kontrast zu den gespielten Melodien bildet. Dennoch: allzu pop- und klischeelastig kommt es daher – sie überzeugt damit sicherlich die breite Masse der potentiellen Musikhörer, Theater-, Kabarett- und Kleinkunstkenner werden mit der allgemeinen Radiotauglichkeit ihrer Musik eher Probleme haben. Etwas peinlich wirkt es am Schluss, als Renée van Bavel unbeholfen um Zugabe-Rufe heischt. Das ist unnötig, die Besucher hätten ihr letztes Lied auch so gerne gehört.

Weiter geht es mit Bérangère Palix, ebenfalls eine Wahlberlinerin – in Frankreich geboren. Komplett a capella – also ohne Instrumentalbegleitung – aufzutreten, ist mutig, doch schnell ist klar, dass die Frau ihr Handwerk versteht: Intonations- und rhythmussicher singt und erzählt sie von deutsch-französischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden und hat damit schnell das Publikum auf ihrer Seite. Ein wenig verspielt berichtet sie davon, wie nervig es sein kann, dass sich in Frankreich alle immer und zu jedem Zeitpunkt drei Mal auf die Wangen küssen müssen, danach dreht sich alles um einen Geburtstag: In Deutschland werden Geschenke nämlich nicht immer sofort ausgepackt, sondern landen erstmal  alle auf einem Geburtstagstisch. Ein Affront für jeden Franzosen – den Bérangère Palix gewitzt aufs Korn nimmt.

Beim Verspielten bleibt es auch. Das ist ok, aber schade. Die Sängerin  bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück, vor allem bei den Erzählungen wirkt sie auf der Bühne unsicher und teilweise affektiert. Dadurch bleibt vieles ungewollt an der Oberfläche; das Kabarettistische kann so nicht wirklich zur Geltung kommen.

Die Höhepunkte des Abends kommen nach der Pause zum Glänzen: Kathy Kreuzberg und Lisa Zenner. Beide schaffen es mit ihren Programmen, die Zuschauer in komplett eigene Welten mitzunehmen, die so vertraut und gleichzeitig fremd sind, dass das Publikum gar nicht anders kann, als sich davon mitreißen zu lassen. Die Inhalte der beiden sind dabei vollkommen verschieden.

Kathy Kreuzberg hat sich den dunklen Seiten des Lebens verschrieben: dem Chanson Noir.  Brillant und gefühlvoll begleitet von Pianist Michel Ackermann singt sie im gewohnt androgynen Conférencier-Dress ihre Lieder über das Berliner Nachtleben, Künstler, Außenseitertum, Suff und Absturz  – also über alles Interessante. In den Liedzeilen selbst tauchen trotz viel Dunkelheit immer wieder kleine Lichtschimmer auf:  Menschlichkeit, Zusammenhalt und Hoffnung, auch in den schlimmsten Stunden des Daseins, sind immer wieder wichtige und eindringlich vorgetragene Punkte in ihrem Programm. Kathy Kreuzberg kommt dabei so herzergreifend ehrlich rüber, dass selbiges beim Publikum fast bricht (v.a. Lied: „Rattenkönig“). Hier wird deutlich: Niemand im Raum kann sich vor ihrer Präsenz in Gestik, Mimik, Wort und Ton verstecken; alles ist ernst gemeint und trifft den Zuschauer direkt da, wo er sich ansonsten gerne hinter einem Lachen versteckt: in der Seele. Kathy Kreuzberg weiß das – und versteht es, gefühlvoll damit umzugehen: am Ende steht das Lied „Schwarzes Papier“. Das, was im Leben so negativ daherkam, wird umgewandelt. Und auf einmal ist sie wieder da: die Hoffnung.

Das Publikum klatscht begeistert auf, Kathy Kreuzberg und Michel Ackermann geben sich lächelnd die Hände – trotz eindringlichem Chanson Noir ist alles gut.

Dass man das Leben trotz seiner Heftigkeit auch leichter (an)nehmen kann, merkt man bei Lisa Zenner. Wie auch die ersten beiden Musikerinnen des Abends erzählt sie Anekdoten aus ihrem Leben, allerdings schafft sie es, ihre Zuhörer in ihre Bilder komplett mit reinzuziehen.  Meisterhaft begleitet von Rachel Kenesei an der Gitarre bringt sie das corbo zum swingen und träumen – gemeinsam erlebt man so das Leben mit all seinen Licht- (Lied: „Lea“) und Schattengestalten (Lied: „weiße Nächte“). Das ist Jazz vom Feinsten – die Musik transportiert hierbei vielmehr als die Worte, die aus der Sängerin nur so heraussprudeln. Beeindruckend geben sich Lisa Zenner und Rachel Kenesei zuweilen der Improvisation hin, schwenken so in den Bossa Nova und in den Blues – und auf einmal mimt Lisas Stimme eine Trompete, die aus dem  Duo eine ganze Band werden lässt, welche den Saal erobert. Diese Offenheit in Lisa Zenners Musik ist es, die den Funken auf das Publikum überspringen lässt und ein wahres Lebensfeuer entfacht. – Schöner und besser hätte der Abend im corbo nicht enden können.

Was bleibt, sind Stunden der Gegensätze: Ein Konzertabend mit gemischtem Programm ist immer schwierig, oft ist er weder Fisch noch Fleisch. Doch dass daraus dennoch ein schmackhaftes, buntes Gericht werden kann – das zeigt Berlin immer wieder. Das zeigt vor allem das corbo darin. (ms)

Besucherfazit

Ein bunter, gelungener Abend mit guten bis brillianten Programmpunkten.

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