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Livekritik zu

Fausts Verdammnis

23.02.2014 - 01.06.2014 | Berlin [ Charlottenburg ] / Deutsche Oper Berlin
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Marylennyfee Schmidt
am 26.03.2014

Fausts Verdammnis - Libretto von Hector Berlioz ( 1803-1869) nach Goethes " Faust I" in der Übersetzung von Gérard de Nerval. Die Dramatische Legende ist in vier Teile sowie einen Epilog unterteilt.
 
Handlung: 
Der erste Teil spielt in Ungarn auf dem Land (um den berühmten Rákóczi-Marsch einzubringen), Faust lässt sich von der Freude und dem Umhertollen der Bauern und Soldaten nicht anstecken.
Ab dem zweiten Teil spielt die Geschichte in Deutschland. Faust sitzt in seinem Zimmer und denkt an Selbstmord. Mephisto  führt ihn in Auerbachs Weinkeller, wo Betrunkene sich amüsieren und Faust apathisch seinen trüben Gedanken nachhängt. Die Alternative bietet Mephisto in Form der friedlichen Natur am Elbufer. Faust kommt zur Ruhe, entspannt sich und entsinkt (von Nymphen geleitet) in den Schlaf. Dort wird ihm im Traum Margarete (ein rothaariges Gretchen) vorgeführt und in seine Gedanken gepflanzt. Nach dem Aufwachen ist sein einziges Ziel, eben diese Frau kennen zu lernen.
Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem kurzen Buhlen um Margarete, die von den beiden Männern zunächst in der Stadt heimgesucht und heimlich beobachtet wird. Faust und seine Angebetete finden schnell zueinander, doch ihr junges Glück wird jäh von den Nachbarn und Mephistos Gefolge gestört und verspottet. Margaretes Mutter wird über den nächtlichen Besuch informiert und die Männer fliehen, nachdem Faust seiner Liebsten verspricht, sie erneut zu besuchen.
Dies wird jedoch im vierten Teil widerlegt, denn anders als versprochen, kommt Faust nicht wieder. Stattdessen irrt er rastlos umher bis Mephisto sich gesellt und erzählt, dass Margarete aufgrund von Mord zum Tode verurteilt werden soll.  Das Mittel, das sie ihrer Mutter zum Schlafen gab (damit Faust sie ungestört besuchen konnte), war in der täglichen Anwendung tödlich und raffte diese dahin. Mephisto bietet Faust eine Rettung Margarethens an. Im Gegenzug soll er ihm seine Seele überschreiben. Verzweifelt und undurchdacht willigt der Liebestrunkene ein und reitet mit dem Teufel los -  Auf dem vermeintlichen Weg zu Margarete. Der Weg ist jedoch sein letzter irdischer, da er geradewegs in die Hölle führt. An dieser Stelle fahren Leinwände auf die Bühne, die galoppierende Skelettpferde zeigen und mit Trompetengetöse wird eine Endzeitstimmung verbreitet. Eine Falltür öffnet sich und Faust stürzt hinab ins Reich der Hölle.
Ein Engelschor verbreitet Fürbitten für Margaretes kindliche verführte Seele. Sie wird erlöst und in den Himmel aufgenommen. (Epilog)
 
 
Umsetzung: 

 
An dem Tisch sitzt ein " Prince Charming"- ähnlicher Mann (Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt als Faust) der des Lebens und die damit verbundenen Dinge überdrüssig ist. Jäh wird die Stille unterbrochen durch herumtollende Landleute und schließlich eine Horde Soldaten, die sich ungestört an einer der Bäuerinnen vergehen - Faust in seiner Lethargie nimmt alles am Rande war. Dieses Beiläufige lässt sich durch die schräg aufgestellte Scheibe gut umsetzen, da sich das Geschehen darauf, darunter und eben am Rand abspielen lässt. Die dunkel gehaltene Bühne wird ab und zu durch Farbkleckse in Form der grellgelben Zöpfe der Bäuerinnen erhellt, deren Flechtwerk an eine Gretchenfrisur erinnern. Der Wechsel zwischen einzelnem Tenor und Chor sorgt für ein ungleichmäßiges Spannungsgefälle. Die Lustspiele der Bauernleute werden,ebenso wie andere Passagen,  tänzerisch dargestellt. Der Züricher Ballettdirektor Christian Spuck übernahm die Regie und Choreographie. An einigen Stellen scheint der Tanz aufgesetzt und überspitzt, an anderen passend und stimmungsfördernd. Mephistos erster Auftritt wird begleitet von zwei schlängelnden , muskulösen Athleten, die unheilbringend über die Platte kriechen. Der Faust-Darsteller nimmt alles am Rande wahr, wirkt leer und teilnahmslos. Seine klare Stimme (die womöglich die französische Sprache nicht gewöhnt ist), wird anschließend von Kritikern zerrissen und als nicht zur Rolle passend  empfunden.Durch kurze Buh-Rufe aus dem Publikum nach der Aufführung verdeutlicht. Andererseits scheint er gerade geeignet zu sein, um den scheinbar seelenlosen und abwesenden Faust zu personalisieren. Auch im Duett mit Margarete kann er überzeugen und aalglatte Liebesbekundungen herunterschmettern.
Margarete selbst berührt durch ihre Arien und Offenlegung ihrer Zweifel und Gefühle.
Ebenso stimmgewaltig, dafür aber deutlich düsterer und stichelnder Samuel Youn in der Rolle des Mephistos mit morbidem Charme.
 
Das Berliner Orchester unterstützt die Chöre und Arien hervorragend, hält sich ansonsten aber im Hintergrund. Anders als bei der Pariser Uraufführung/ dem Original, sind nur vier Harfen beteiligt.
Insgesamt überzeugt das zwei Stunden und fünfzehn Minuten dauernde Werk vor allem durch die subtile cleane Spannung und die düstere Schnörkellosigkeit.
Auf zu viel Kulisse wurde verzichtet, Landschaftsbilder und Sträucher deuten die Natur an, ansonsten wurde auf einfache Möbel und Symbole bzw. Metaphern gesetzt.
So liegt Mephisto auf dem Dach der Wohnung mit einer rothaarigen, Voodoo-ähnlichen Puppe in der Hand, was das Spiel mit Gretchen impliziert und dass er im übertragenen und auch wahrsten Sinne des Wortes, "die Fäden in der Hand hält". 
Der Weg in die Stadt wird durch mit Puppenhäuser-Attrappen wandelnde Personen verdeutlicht. 
Sehr schwarz, minimalistisch und pur. 
Nur die Haare und die roten Unterröcke der Frauen bringen Farbe ins Spiel. 
Auch dadurch werden die anfängliche Depression, Leere und die spätere Untergangsstimmung und Hoffnungslosigkeit getragen. Die Oper ist spannend, lediglich nach dem Kennenlernen Gretchens verläuft sie etwas schleppend und hätte durchaus gekürzt werden können. Der Zuschauer wartet somit genau so ungeduldig auf Faust´s Rückkehr. Vergeblich. Erst als die Screens mit den Videos der sich langsam auflösenden Pferde erscheinen, kommt wieder Spannung auf und man wird aus der sich einschleichenden Müdigkeit gerissen.
Am Ende lacht Mephisto und schnipst ein Flämmchen aus seinem Daumen. Er wirkt wie ein leicht untersetzter und dennoch majestätischer Zirkusdirektor, der die Show für beendet erklärt.
Insgesamt faszinierend mit morbidem schnörkellosem Charme.
 
 

 

Besucherfazit

Minimalistische und lethargische Kurzoper, die die Zuschauer im Dunklen hält

Bewertung

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