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Livekritik zu

Reinickendorfer Kriminacht 2013

16.11.2013 | Berlin / Stadtbibliothek Reinickendorf
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Leseratte
am 19.11.2013

Die Reinickendorfer Kriminacht ist eine Institution, die aus der Berliner Literaturlandschaft nicht mehr wegzudenken ist und sich vielleicht nur noch mit dem Internationalen Literaturfestival und dem Berliner Krimimarathon vergleichen lässt. Seit 21 Jahren besuchen Hunderte von Krimi-Begeisterten die Veranstaltung, die zuerst im Sommer an der freien Luft und nun seit Jahren im Herbst in der Reinickendorfer Stadtbibliothek stattfindet.

Auch diesmal war die Veranstaltung wohl wieder ausverkauft, eventuell sollten die Veranstalter darüber nachdenken, einen noch größeren Ort zu finden, die Stadtbibliothek ist im Grunde nicht optimal: Viele der Besucher sitzen weit von der Bühne entfernt und die Sitzreihen sind nicht ansteigend.

Das Line-Up war gemessen an der Popularität der Veranstaltung recht ambitioniert und anspruchsvoll: die drei deutschen Krimipreisträger Merle Kröger, Friedrich Ani und Oliver Bottini lasen nicht immer einfache Texte, die sehr stark politisch akzentuiert waren. Flankiert wurde dies jedoch vom Publikumsliebling und Inventar-Autor Horst Bosetzky (seit 20 Jahren dabei) und der sympathischen Petra Gabriel. Moderiert wurde vom erfahrenen Uwe Madel, der im rbb die Kriminalreport-Sendung Täter, Opfer, Polizei leitet, sich aber auch gern einmal von einem Modeberater/Ehefrau oder fachkundigem Friseur bei der Vorbereitung der Veranstaltung unterstützen lassen könnte. Die musikalische Begleitung besorgte auf unaufdringliche und angenehme Weise das Premier Swingtett mit Swing-Jazz.

Die Eröffnung der Veranstaltung oblag Petra Gabriel, die es als Schwäbin mit Cowboy-Hut in Berlin nicht leicht hat, sich hier aber dennoch wohlzufühlen scheint. Sie überzeugte mit ihrem Text „Linas Rache“ v.a. durch eine herzliche Zuwendung zu einer noch immer im Inneren jungen Seniorin, die es sich nicht nehmen lässt, auf ihre eigene Weise Rache für einen Überfall zu nehmen. Viele im nicht mehr ganz jungen Publikum dürften sich hier angesprochen gefühlt haben.

Von ganz anderem Kaliber war dagegen Merle Krögers Vortrag. Die Berliner Journalistin und Filmproduzentin las aus ihrem mit dem diesjährigen 1. Krimipreis prämierten Buch „Grenzfall“, in dem es um den Tod zweier Rumänen geht, die 1992 illegal nach Deutschland einreisten. Sie kamen daraufhin bei einem „Jagdunfall“ ums Leben. Der Fall wurde juristisch nur unbefriedigend und amateurhaft aufgearbeitet. Mit ihrem Dokumentarfilm dazu war Merle Kröger auch auf der diesjährigen Berlinale zu sehen. Die Autorin, die typisch reinickendorferisch in Trainingsjacke auf die Bühne kam, zählt wohl zu den kritischsten und politisch engagiertesten KrimiautorInnen derzeit in Deutschland.

Dagegen war die szenische Lesung der Kurzgeschichte „Tut mir leid“ von Horst Bosetzky eher von alltäglichem Inhalt. Gespielt von Simone Jäger, Daniel Faust und Tyrell von Boog, schienen sich einige Männer im Publikum mit der unterdrückten, ja, versklavten Männerfigur in den traurig-amüsanten Szenen einer Ehe zu identifizieren. Kein Wunder, dass Mord und Totschlag in der dargestellten Bestatterfamilie zum Alltag gehörten. Um das bühnenbildlich zu konkretisieren musste sogar der Organisator der Kriminacht, Helge Schätzel, mitanfassen und einen „Papstsarg“ auf die Bühne heben. Horst Bosetzky, 75 Jahre jung, äußerte dazu, dass er in den nächsten Millionen Jahren nichts mit einem solchen Gegenstand zu tun zu haben gedenke. Möge er dabei Recht behalten, was wäre die Reinickendorfer Kriminacht ohne ihn!

Den Abschluss der ersten Hälfte besorgte dann der Moderator Uwe Madel selbst, indem er aus seinem Buch „…und achten Sie auf Ihr Handgepäck“ vorlas. In dem Buch zur rbb-Fernsehshow geht es um wahre Anekdoten aus der Welt der Kleinkriminalität, die sehr pointiert geschrieben waren und beim Publikum sehr gut ankamen.

Nach der Pause verlas der altgediente Krimi-Haudegen Jan Eik die Laudatio auf den Gewinner des diesjährigen „Krimifuchses“, des einzigen Berliner Krimipreises, an den Autor Oliver Bottini. Der hatte beim Deutschen Krimipreis nur den dritten Platz hinter seinem – nach eigener Verlautbarung - Trinkfreund Friedrich Ani belegt. Hier nun konnte er triumphieren. Bottini hat nach Meinung vieler Kritiker mit seinem neuen Buch „Der kalte Traum“ das beste Buch seiner Schriftstellerkarriere hingelegt, ein großartiges Versprechen auch für die Zukunft des deutschen Krimis. Der Neu-Berliner bedankte sich charmant, hatte aber anscheinend mit Friedrich Ani hinter der Bühne einige Kindl genossen, für Neu-Berliner ja manchmal der scheinbar einzige Weg, sich anzupassen. Und so verblüffte er Uwe Madel auch dadurch, dass er nicht aus „Der kalte Traum“ las, sondern eine äußerst ernsthafte und sprachlich beeindruckende Kurzgeschichte über eine Entführung und den Tod einer jungen Frau.

Für Friedrich Ani, vorgestellt als „der deutsche Krimiautor“, ist die Reinickendorfer Kriminacht nur der Auftakt zu einer Reihe von Lesungen in Berlin, die in der nächsten Woche zusammen mit Oliver Bottini im Kriminaltheater in Friedrichshain im Rahmen des Berliner Krimimarathons ihr Ende finden. Ani hatte von allen Autoren am längsten hinter der Bühne Kindl trinken müssen – und das auch noch als Bayer! Entsprechend gut gelaunt ging er auf die - nicht immer dem Genie Anis angemessenen – Fragen Uwe Madels nur beiläufig ein und hatte ebenfalls nicht vor, aus seinem neuen Buch „M“ vorzulesen, sondern bediente den Wunsch des Publikums nach etwas Heiterem, indem er äußerst amüsant und gekonnt einen Dialog spielte, in dem es um einen betrunkenen bayerischen Polizisten und einen nüchternen Autofahrer geht. Ein perfekter Schluss einer beeindruckenden Veranstaltung, die noch lange im Gedächtnis der Besucher bleiben dürfte. Zumindest bis nächstes Jahr im November. 

Besucherfazit

Ein Fest der deutschsprachigen Kriminalliteratur

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