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Livekritik zu

Karin Slaughter: Bittere Wunden

09.09.2014 | Berlin [ Friedrichshain ] / Berliner Kriminal Theater
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Laura Lucas
am 10.09.2014

Ich bin kein Fan von Karin Slaughter. Was zunächst abfällig klingt, ist keineswegs so gemeint. Es bedeutet bloß, dass ich nicht alle ihre Bücher verschlungen und bis vor wenigen Tagen noch nie etwas von Will Trent oder Amanda Wagner gehört habe. Inzwischen weiß ich: Sie sind zwei der Protagonisten aus Slaughters neuem Thriller „Bittere Wunden“. Im Berliner Kriminal Theater hat die Autorin gemeinsam mit dem Schauspieler Dietmar Wunder daraus vorgelesen.

Einst hegte ich eine innige Leidenschaft für Karin Slaughters Schauergeschichten. Eher zufällig hatte ich „Belladonna“, das Debüt der US-Amerikanerin, aus den üppig gefüllten Krimi-Regalen meiner Mutter gegriffen. Doch bald geriet ich in einen dieser fast schon zerstörerischen Strudel, die mit etwas Glück bei der Lektüre packender Bücher entstehen können. Es sind jene Bücher, die in ihren Lesern einen unbezwingbaren Willen entfachen: weiterlesen, herausfinden, was als nächstes geschieht, welcher neue Abgrund sich da jeden Moment auftut – den müden Augen zum Trotz. Mit „Vergiss mein nicht“, „Dreh dich nicht um“ und „Schattenblume“ ging es mir ganz genauso, bis mein Feuer für Thriller und Karin Slaughter plötzlich erlosch. Ist das Schicksal des Helden Jeffrey Tolliver schuld am plötzlichen Liebesaus?

Jahre später stehe ich der freundlichen und zierlichen Karin Slaughter gegenüber (dass sich so eine Frau solche Plots ausdenken kann!) und freue mich diebisch über die Signatur, die sie mir gerade in mein Exemplar von „Bittere Wunden“ schreibt. Die „Grant County-Serie“ ist erzählt, Will Trent der neue Jeffrey Tolliver. Ich nehme kurz darauf mit ca. 20 weiteren Livekritikern Platz auf der Galerie – dort wo sich niemand von unseren leuchtenden Displays gestört fühlen dürfte. Ob sich heute Abend das Feuer neu entfacht?

Zwei Leseparts erwarten uns. Karin Slaughter und der Schauspieler Dietmar Wunder lesen je zwei Passagen im Wechsel – erst auf englisch, dann auf deutsch. Über die Handlung weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht viel. Eine Studentin verschwindet und Will beginnt zu ermitteln. Doch seine mitunter recht barsche Chefin Amanda entzieht ihm den Fall mit unerklärlicher Heftigkeit. Slaughter verwebt in „Bittere Wunden“ zwei Plots – der eine handelt von den Anfängen Amandas Polizeikarriere und malt somit en passant ein präzises Südstaaten-Frauenbild der 70er Jahre, der andere von der Gegenwart – zu einem gewaltigen Showdown, der nicht nur Wills dunkles Geheimnis offenbart, sondern auch, weshalb Amanda so ist wie sie ist.

Es ist aufregend Karin Slaughter beim Lesen ihres eigenen Textes zu lauschen. Doch als Dietmar Wunder, die deutsche Stimme von Daniel Craig, zu lesen beginnt, werde ich förmlich in die Handlung geschleudert. Gegen seine warme und zugegeben attraktive Stimme wirkt Karin Slaughter fast lieblos, schnorrend. Zu einer guten Lesung gehört einfach ein guter Leser. Es ist mehr als offensichtlich, dass Wunder im Gegensatz zu Slaughter das szenische Lesen aus dem Effeff beherrscht. Solch eine Lesung stellt ohnehin eine besondere Herausforderung dar. Anders als bei einem Theaterstück fehlen die optischen Reize. Die Bilder müssen wir Zuhörer uns schon selbst malen und mit der Hilfe von „James Bond“ gelingt das gut. Wunder verleiht gleichzeitig dem Erzähler, Will, Amanda, Sara und anderen Figuren seine Stimme und verrichtet sozusagen als Solist eine ganze Orchesterleistung.

Karin Slaughter höre ich umso lieber in den Interviewsequenzen zu, die die Leseparts einrahmen. Eine schlagfertige Frau ist sie. Erstaunlich humorvoll geht sie auf die Fragen ein, die ihr über Twitter gestellt werden konnten. Auf die Frage, ob sie keine Angst habe, dass psychisch Kranke auf die Idee kommen könnten, die in ihren Romanen geschilderten Schreckenstaten nachzuahmen, entgegnet sie: „Well, people have read the bible for quite a long time...“ und die Lacher sind auf ihrer Seite. Würde sie die magischen Kräfte besitzen, mit ihren Büchern für Frieden und Gewaltlosigkeit zu sorgen, würde sie es tun, so die Autorin. Aber da dies nicht der Fall sei, könne sie eben schreiben, worauf sie Lust hat. Und das tut sie – mit atemberaubender Detailgenauigkeit und einem Gespür für zielsichere Metaphorik. Als „James Bond“ die zugenähten Augen eines Opfers beschreibt – von den Fäden in fleischige Streifen geschnitten, die an die Gummilamellen erinnern, wie sie in den Kühlkammern eines Metzgers zu finden sind –, frage ich mich kurz, ob ich das tatsächlich hören will. Slaughters Thriller sind eine Form gesellschaftlich akzeptierten Voyeurismus, denke ich dann.

Meine von Karin Slaughter signierte Trophäe liegt nun zu Hause auf dem Tisch. Ich denke, ich werde unserer Liebschaft noch eine Chance geben.

Besucherfazit

Ein absolut gelungener Abend mit einer passenden Mischung aus Lesung und Interview.

Bewertung

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Medien von Laura Lucas

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Kommentare

Daumen hoch...

.... für diese tolle Zusammenfassung des gestrigen Abends! Eigentlich mag ich jetzt gar keine Livekritik mehr schreiben, du hast alles gesagt :D

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