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Livekritik zu

Tabula rasa: Gruppentanz und Klassenkampf

11.09.2014 - 11.05.2015 | Berlin [ Mitte ] / Deutsches Theater Berlin
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Laura Lucas
am 26.09.2014

Mit dem größten Vergnügen würde ich fröhliche, bunte Worte wie Konfetti regnen lassen und eine fulminante Rezension schreiben über „Tabula Rasa – Gruppentanz und Klassenkampf“, den neusten Streich des Regieduos Kühnel und Kuttner, mit dem das Deutsche Theater Berlin kürzlich die Spielzeit eröffnete. Doch ich kann nicht. Ich vermute das liegt nicht an der Inszenierung, nicht an der Schauspielerleistung, nicht am Stoff – es liegt an mir. Ich habe eine Theatervorstellung erlebt, die an mir vorbei rauschte, die mich häufig ratlos zurückließ, mit dem Gefühl, das man hat, wenn man in einer Runde als Einziger den Witz nicht versteht, über den die anderen so herzhaft lachen. Für die Inszenierung, die ich besuchte war ich entweder zu jung oder zu ungebildet – man möge mir beides nicht zum Vorwurf machen.

Ein Lexikon hätte ich gerne gehabt oder einen Übersetzer, am besten einen netten Kritiker mit ganz viel Expertise. Gerhard Jörder vielleicht oder Dirk Pilz. Beide hätten sie bestimmt die vielen Anspielungen, Entlehnungen und Parodien für mich dechiffriert, den Groschen zum Fallen gebracht, damit ich den anderen im Saal hinterher hätte lachen können. Dabei war ich gar nicht mal so unbedarft ins Theater gegangen. Kritiken hatte ich gelesen (leider nicht von Jörder und auch nicht von Pilz) und doch die Handlung nicht so recht verstanden. Irgendwas mit SPD und Proletariat und ach egal, aber hey – ein Schwimmbad auf der Bühne, wie cool ist das denn?

In dieses lässt sich Felix Goeser in seiner Rolle als Glasbläser Wilhelm Ständer sogleich platschen – natürlich nicht ohne sich zuvor des Bademantels und der Adiletten zu entledigen. Im knöcheltiefen Wasser stellt er eindrucksvoll verschiedene Lagen zur Schau: Brust, Rücken und sogar Delphin! Das soll ihm erst einmal einer nachmachen. Auf faszinierende Weise wirkt er dabei gleichzeitig anmutig und wie ein Fisch auf dem Trockenen. Lustig ist es allemal. Lustig sind sie ja irgendwie alle: z.B. Ständers Nichte Isolde (eine Anspielung, Entlehnung, Parodie?), hingebungsvoll der rhythmischen Sportgymnastik frönend; der Arbeiterblaumann tragende Flocke, der in seiner Schlichtheit an Schlucke aus Bang Boom Bang erinnert; Artur, der 80er-Jahre-Sunnyboy mit Vokuhila und Jeansjacke sowie dessen Widersacher, der fettige Radikale Sturm. Nicht zu vergessen natürlich Jörg Pose, der aus dem Zuschauerraum auf höchst amüsante Weise der Frage nachgeht, was es denn nun bedeute, links zu sein.

Belustigt folge ich dem Spektakel und frage mich nicht nur einmal: Was zur Hölle machen die da? Dass die Meerjungfrauen-Szene was mit Wagner zu tun hat (Rheingold! Ring!) verstehe ich ja noch. Die Signalwirkung der roten Badehosen entgeht mir ebenso wenig wie die Bademantel/Jogginganzug-Uniformierung des linke Lieder singenden Chors. Doch es will mir einfach nicht gelingen, das Text-Stakkato (aus dem Jahr 1916) mit den Bildern zusammen zu bringen, die ich vor mir sehe. Umso erleichterter bin ich, als endlich Jürgen Kuttner die Bühne betritt, um zum berühmten Kuttner-Monolog anzusetzen. Wem die Inszenierungen des Duos Kühnel/Kuttner nicht geläufig sind, für den sei erwähnt, dass sich darin mit großer Wahrscheinlichkeit ein Moment findet, in dem Kuttner in die Handlung platzt, um ganz so wie Morgan Freeman in seinen Filmen für Erhellung zu sorgen und das bisher Gesehene in einen Zusammenhang zu bringen. „Betreutes Denken“ nennt Kuttner das in diesem Falle selbst. Es gehört definitiv zu den Höhepunkten des Abends, als er erklärt, das Grundproblem der Sozialdemokratie sei der tiefe Wunsch, endlich dazu zu gehören, endlich mal Dieter sein zu dürfen (Das „Dieter-Rolf-Prinzip").

Doch das bunte Treiben zieht sich in die Länge und das fahle Gefühl den tieferen Sinn des Geschehens nicht zu verstehen schlägt mir aufs Gemüt. Nein, leichte Kost, das soll Theater gar nicht sein, aber außen vor zu sein macht halt auch keinen Spaß. Zwar hatte ich mir schon gedacht, dass etwas faul sein muss, wenn der Arbeiter Ständer sich Pool und Haushaltshilfe leisten kann, doch dass er gemeinsam mit Flocke Gehälter für das eigene Portmonee abzwackt und dies mit den Querelen um eine Arbeiter-Bibliothek zu vertuschen versucht, kapiere ich erst durch nachträgliche Recherche. Ebenso geht mir ein Lichtlein auf, als ich erfahre, dass der Film, der des Öfteren eingespielt wird, „Wie der Stahl gehärtet wurde“ heißt und dessen Protagonist Pawel die eine oder andere Parallele zu Ständer aufweist. Und doch legen sie die Sozialdemokratie auf ganz unterschiedliche Weise aus – eine Erkenntnis, die ich gerne schon im Theatersaal gehabt hätte.

Dass dies nicht der Fall war, kann ich das dem Theater anlasten? Ich bin mir nicht sicher. Darf das Theater seine Zuschauer ratlos nach Hause schicken? Darf das Theater auch mal harte Arbeit sein? Darf es sein, dass die Recherche am heimischen Computer den Theaterabend erst vollendet? Die Antwort lautet: ja. Bloß wissen sollte man das, bevor man sich die Eintrittskarte kauft.

Besucherfazit

Wer sich vorher schlau macht, erlebt sicher einen grandiosen Theaterabend.

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