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Livekritik zu

Constellations

22.11.2014 - 01.03.2015 | Hamburg [ Mitte ] / St. Pauli Theater
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Laura Lucas
am 27.11.2014

Marianne (Judith Rosmair) sitzt auf der Rückenlehne des grauen Sofas. Seltsame Verrenkungen macht sie dabei und lacht. Auf der Sitzfläche neben ihr hat Roland (Johann von Bülow) Platz genommen und beobachtet das komische Treiben sichtlich amüsiert. „Wissen Sie, warum man die Spitzen seiner Ellbogen nicht lecken kann?“ fragt sie mit ausgestreckter Zunge nahezu unverständlich. „Weil dort das Geheimnis der Unsterblichkeit liegt.“

Ein Black, ein kurzes Rauschen, andere Sitzordnung. „Wissen Sie, warum man die Spitzen seiner Ellbogen nicht lecken kann?“, fragt Marianne. Wieder und wieder. Es ist das erste Treffen der beiden und wir durchleben es mit ihnen gemeinsam in verschiedenen Konstellationen.

Vor dem Hintergrund der Quantenphysik und der Mehrweltentheorie erzählt Nick Payne in seinem Stück „Constellations“ die Liebesgeschichte zwischen Roland und Marianne als fragmentarisches Zusammenspiel verschiedener Eventualitäten, die so oder so ähnlich eintreten könnten oder womöglich gar parallel existieren. Mit jeder Entscheidung, die die beiden treffen, verzweigt sich ihre Geschichte weiter. So sind sie sich bei ihrer ersten Begegnung vielleicht so unsympathisch, dass es zu keinem weiteren Treffen kommt und sie einander bald schon vergessen haben werden. Oder aber es kommt zu einem Date, an dessen Ende Marianne Roland bittet zu gehen, obwohl dieser über Nacht bleiben möchte. Oder Roland will gehen, obwohl sich Marianne nach einer gemeinsamen Nacht sehnt. In dieser Welt der vielen „Oders“ ist Marianne mal untreu, mal wird sie von Roland betrogen. Mal ist sie unheilbar krank, mal ist ihr das Glück heil.

Grandios ist es, was Rosmair und von Bülow auf der Bühne leisten. Mit spielerischer Leichtigkeit meistern sie die verschiedenen Konstellationen, reagieren mal aggressiv, mal weinerlich, sind tief berührend oder brüllend komisch. Im fliegenden Wechsel bedienen sie die Partitur der Emotionen, passen blitzschnell Mimik und Gestik der neuen Konstellation an, sodass es sich beinahe tatsächlich so anfühlt, als rausche der Zuschauer auf einer Art intergalaktischer Wolke von Momentaufnahme zu Momentaufnahme. Mal möchte man rührselig seufzen, dann wieder lacht man aus vollem Halse um kurz drauf mit einem trockenen „Urghs“ den oft bemühten aber wohl bekannten Kloß hinunter zu schlucken. Die Zeit spielt in den Theorien der Quantenphysikerin Marianne keine Rolle. Man kann davon nicht mehr oder weniger haben. Auf der Bühne (verantwortlich wie für Regie: Wilfried Minks) wird sie bestenfalls angedeutet, durch eine abstrakte rotierende Uhr, die sich in jeder Szene ein Stückchen weiter dreht. Und auch im Zuschauersaal scheinen die Gesetzmäßigkeiten der Zeit ausgehebelt. Die 70 Minuten Spielzeit vergehen enttäuschend rasch.

Enttäuschend vielleicht auch deswegen, weil ein Abend, der verschiedene Konstellationen zeigen will, bruchstückhaft bleiben muss, will man ihn nicht zum schweren Epos machen. Doch leider sind die Momente schreiend ungerechter Willkür oder philosophischer Poesie zu schnell vergangen, als dass sie nachhaltig berühren könnten.

Die Reise von Berlin nach Hamburg, sie war es dennoch wert.

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Eine grandiose Schauspielleistung!

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