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Livekritik zu

Récitations

20.06.2013 - 30.06.2013 | Berlin [ Charlottenburg ] / Staatsoper im Schiller Theater - Werkstatt
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KULTURA-EXTRA
am 24.06.2013

von Andre Sokolowski

20. Juni 2013 - WERKSTATT im Schiller Theater
RÉCITATIONS
von Georges Aperghis

Vorsicht Strom!

Eine Stimme, ziemlich leise, aus dem Hintergrund... Dann etwas lauter, erst von links, dann rechts, dann oben, immer weiter, immer mehr... Wo ist das Biest? was hältst du dich versteckt?? wer will uns foppen???

Dann ein leiser Schlag (es war nur Pappe, aber immerhin):

Die Mezzosopranistin Uta Buchheister fällt mit der Tür ins Haus.

Was für ein Auftritt!

*

"Die letzte Produktion dieser Spielzeit anlässlich des Festivals INFEKTON! ist ein Abend der ganz besonderen Art. Die Récitations von Georges Aperghis sind ein Kompendium vokaler Stimmtechniken, die ihresgleichen suchen. Virtuos und sublim witzig zeigt der Komponist, was neue Gesangskunst sowohl musikalisch wie inhaltlich auszudrücken vermag. Der griechische Komponist Georges Aperghis, der in Paris lebt, schrieb dieRécitations zwischen 1978 und 1979 für eine weibliche Solostimme. Das Werk verfügt – ähnlich wie Sciarrinos Vanitas – über keine Handlung im herkömmlichen Sinn. Inspirieren ließ sich Aperghis von der Alltagssprache, von dem, was hinter und neben dem Sprechen passiert, denn, wie er sagt: 'Le plus important est toujours à côté...' – 'Das Wichtigste geschieht immer nebenbei...'." (Quelle: staatsoper-berlin.de)

Aha.

* *

SIE ist der Star des Abends!

Buchheister bestimmt die WERKSTATT. 

Und ihr Wie-in-einen-Strom-Schaltraum-Geratensein (eine fantastische Idee der Regisseurin Elisabeth Stöppler, die die Buchheister außer sich verlautbaren zu lassen außerdem mit Stromkästen und Stromkabeln handlich befassen lässt) bringt dann "natürlich" Eines mit sich: eine Art persönlichkeitsstrukturhafter Auffälligkeit. 

Sofort fiel mir ein Schlüsselerlebnis ein, das ich vor einer Tristan-Aufführung vor ein paar Jahren in der alten Lindenoper hatte: Eine stark extrovertierte Enthusiastin machte sich über die Sektgläser und Häppchen einiger von ihr passierten Opernhausbesuchern her; es ging so schnell und war so völlig unerwartet, dass den Leuten glatt die Sprache weggeblieben war, ich konnte (wahrheitlich!) beobachten, wie sie zuletzt gar einem hochbetagten Wagnerianer, der zum Biss ins Lachshäppchen ansetzen wollte, selbiges entriss, es justament für sich beanspruchte und ergo gleich verzehrte und sonach noch mit dem Sekt des von ihr Überfallenen genüsslich nachzuspülen sich entschloss; dann meinte sie, beim Runterkauen, sinngemäß zu ihm: "Ach, Tristan und Isolde, ach, ach, Liebeslust und Liebesleid, ach, ach, ach..." und ging weiter ihres Weges...

Buchheister sah auch so aus, als wäre sie in Sachen Kunst kurz mal so unterwegs gewesen, also wie sie da am Stückbeginn so mit der Tür ins Haus gefallen war; sie ging auf hohen schwarzen Pumps und trug eine Perrücke (rabenschwarz) und hatte einen blauen Hosenanzug an - später kamen noch Gummihandschuhe (giftgrün) und ihre Leggings und ihr Unterkleid (beides knallrot) hinzu. Das Alles tat Ausstatterin Annika Haller für sie vorentwerfen. 

Ja und wie gesagt - Buchheister ist der WERKSTATT-Boss: Sie hält uns Publikum dann pausenlos auf Trab. Nicht nur, dass sie die Fähigkeit besitzt, mit ihren Gegenübern Aug-in-Aug zu kontaktieren, schmeißt sie sich geradezu und körperlich-direkt zwischen die Leute, lässt sie von den Sitzklotzreihen widerspruchslos sich erheben, währenddem sie höchstpersönlich die je freigewordnen Möbel hin und her bewegt; die Sitzanordnungen im Raum erfahren so die mannigfaltigsten Veränderungen. Manchmal muss sie freilich "deutlich" werden, wenn nicht gleich auf ihre Weisungen gehört wird; Starkritiker Kai Luehrs-Kaiser war gleich zwei mal (mindestens) ermahnt gewesen, seinen Rucksack, der der Buchheister auf deren Zielgerade stand, hinwegzuräumen; nützt ja nix. Auch mit dem Feuerlöscher treibt sie's hin und wieder und sprüht anstatt Löschschaum blaue Farbe an die weißgetünchten Wände. Schließlich schlüpft sie unter eine Riesen-Alufolie, die wir Publikum ihr raumeinnehmend überstülpen - ganz am Schluss drapiert sie sich den Flitterplunder als Gold-Silber-Schleppe und entweicht so mir nichts dir nichts... 

Singen, sprechen, schluchzen, schnalzen - also Alles, was die Stimme halt so aufzubieten in der Lage wäre, bietet Buchheister während des handlungsfreien Stücks. Gut vorstellbar, dass ähnliche "Verhaltensmuster" (freilich viel, viel weniger gekonnt) die Eine und den Anderen von uns befallen könnten, falls man selber eines schönes Tages sozusagen an der Reihe ist, ja. Vorsicht Strom! 

Frenetische Begeisterungstumulte. 

Hingehen! Erleben!! Buchheister: sensationell!!!

Diese Rezension wurde am 08. Juni auf KULTURA-EXTRA veröffentlicht.

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