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Livekritik zu

Herbstsonate

20.12.2014 - 28.02.2015 | Stuttgart / Schauspiel Stuttgart - Schauspielhaus
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KULTURA-EXTRA
am 19.01.2015

„Ach weh, meine Mutter reißt mich ein.“ So beginnt das im Begleitheft zur Herbstsonate-Inszenierung abgedruckte GedichtDie Mutter von Rainer Maria Rilke. Rilkes berührende Verse bebildern kraftvoll, wie ein Kind die strenge Beurteilung seiner Leistungen durch die Mutter fürchtet. Das eben mühsam gewonnene Selbstvertrauen fällt rasch in sich zusammen. Jedes Kind sehnt sich nach der Liebe der Mutter. Doch was passiert, wenn ihm diese Liebe versagt bleibt? Was passiert, wenn die Mutter vor allem selber geliebt werden möchte? In Ingmar Bergmans Herbstsonate geht es um eine komplexe Mutter-Töchter-Beziehung, in der viele Sehnsüchte und Bedürfnisse nicht befriedigt wurden und verheerende seelische Wunden nach sich zogen. 

Die gefeierte Konzertpianistin Charlotte Andergast (Corinna Harfouch) besucht an einem Herbstwochende ihre Tochter Eva (Fritzi Haberlandt) im ländlichen Norwegen. Sieben Jahre ist es her, dass sich beide das letzte Mal gesehen haben. Eva ist mittlerweile mit Viktor (Andreas Leupold), dem Pfarrer der örtlichen Kirchengemeinde, verheiratet. Die Liebe ihres Mannes vermag sie jedoch nicht zu erwidern. Sie pflegt seit einiger Zeit ihre schwer behinderte Schwester Helena (ausdrucksstark:Natalia Belitski), die vor Jahren von Charlotte in einer teuren Privatklinik untergebracht wurde. Eva hofft, dass der Besuch zu einer Annäherung an ihre Mutter führt. Auch die selbstsüchtige Charlotte scheint eine engere Bindung an die erwachsene Tochter zu suchen. Ihr langjähriger Freund Leonardo verstarb vor kurzem, und sie ist nunmehr auf sich alleine gestellt. Die anfangs noch gute Stimmung wird getrübt, als Eva ihrer Mutter beiläufig von der Anwesenheit ihrer jüngeren Schwester erzählt. Eva erklärt, sie habe ihre Schwester zu sich geholt, um sie mir der Liebe und Pflege zu versorgen, die sie braucht. Charlotte überspielt ihre Unsicherheit und setzt sich souverän einer Konfrontation aus. 

Mit einer opulenten Drehbühnenlandschaft aus karg eingerichteten Zimmern bebildert Jan Bosses Inszenierung eine spannungsgeladene, ungesunde Mutter-Kind-Dynamik. Charlotte ist eine Dame von Welt, machtvoll, mondän und versnobt. Für ihre Kinder sorgte früher stets ausgewähltes Personal, während sie selbst unabhängig und beruflich erfolgreich eigene Wege ging. Charlottes Worte ihrer Tochter gegenüber sind oft herablassend. Sie stichelt und verletzt fortwährend, ohne dass ihr dies bewusst wird und sie mit Konsequenzen rechnet. Corinna Harfouch spielte schon in einigen Kinofilmen eigenwillige, komplexe und verletzende Mutterfiguren der gehobenen Mittelschicht: Im Winter ein Jahr (2008), Was bleibt (2012), Finsterworld (2014). Auch in diesen Filmen gingen ihre Figuren jeweils selber provozierten Konflikten mit eigenen Kindern bis zuletzt aus dem Weg. Wenig erstaunlich ist so, dass Harfouch auch in der Rolle der Charlotte glänzt - als elegante, unnahbare und ehrgeizige Dame, die stets nur das eigene Glück oder Leid vor Augen hat und sich von tiefgreifenden Anschuldigungen nur kurzzeitig erschüttern lässt. Interessanter ist jedoch die Figur von Fritzi Haberlandts Eva. Erst noch scheu und unbeholfen, gewinnt sie mehr und mehr an Stärke, Selbstsicherheit und Mut. Wie ihre kleine Schwester fürchtete sie zunächst noch die Ankunft der berühmten Mutter und ist dann stolz, sie in ihrem Heim willkommen zu heißen. Doch sie nimmt das selbstherrliche Auftreten ihrer Mutter schnell mit gemischten Gefühlen wahr, wird bald von Wut übermannt und konfrontiert endlich ihre Mutter damit, dass sie und ihre Schwester in ihrer Kindheit meist auf sich alleine gestellt, den bald verstorbenen Vater in der Abwesenheit der Mutter meist trösten mussten und damit oft nicht glücklich waren. Eine eindrucksvolle, packende und zu Herzen gehende Inszenierung über die Sehnsucht nach familiärer Nähe und Geborgenheit mit zwei ebenbürtigen, gut aufgelegten Starschauspielerinnen.

Erstveröffentlicht am 18. Januar 2015 auf Kultura-Extra von Ansgar Skoda.

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