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Livekritik zu

Die schöne Helena

11.10.2014 - 15.02.2016 | Berlin / Komische Oper Berlin
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KULTURA-EXTRA
am 24.10.2014

von Andre Sokolowski

Die Komische Oper Berlin hat eine langjährige Offenbach-Tradition! Ritter Blaubart oder Hofmanns Erzählungen (beides Felsenstein-Inszenierungen) liefen jahrzehntelang an diesem Haus; es liegen Filmversionen dieser beiden Produktionen vor. Auch Harry Kupfer mühte sich zu seiner Zeit mit Orpheus in der Unterwelt den roten Faden diesbezüglich nur nicht zu verlieren. 

Jetzt, wo Barrie Kosky diesen Laden [Opernhaus des Jahres 2012!] gewissermaßen logisch - und bisher total erfolgreich - auf sich zugeeicht hat, war es nur noch eine Frage der Zeit, wann er dann seinen Offenbach'schen Joker zieht. Er tat sich für "Die schöne Helena" entscheiden und - - obsiegte abermals!! 

Ihm [Kosky] steht ein spielgeübtes und spielwütiges Ensemble zur Verfügung, das ihm aus der Hand zu fressen scheint. Neun Wochen Probe (!) hatte es für diesen neuen Mega-Akt gegeben - ein wohl nicht nur zeitlich investierter Luxus sondergleichen; und beim Zuschauen & Zuhören wird einem schon fast körperlich bewusst, was für ein beispielloser Kraftakt in dem insgesamt doch Lockerleichtdahergekomm'nen stecken musste. Otto Pichler (Choreografie) sorgte dafür, dass das für Koskys Inszenierungen der letzten Jahre so besonders stark-körperertüchtigende Element in praxi eine flott-furiose Anwendung erfuhr - wer in der Schönen Helena zu tun hat, braucht sich jedenfalls um sein Gewicht vorübergehend keine Sorgen mehr zu machen; diese Produktion macht einfach schlank und schön!! 

Es wird während der weit über 3 Stunden Spieldauer Enorm-Vieles (aus dem Orchestergraben) herzitiert - das Schicksalssinfoniemotiv von Beethoven, der Auftakt aus der Straussischen Elektra, der durchstampfte Marschbeginn aus Mahlers Sechster, das Gezwitscher aus der Margarete-Arie des Gounod'schen Faust, Verdis La Forza del destino, Edith Piaf, Jacques Brel (?), "Hava Nagila", Marianne Rosenberg und und und - WAGNER freilich und natürlich [s. nachstehendes Zitat]: 

"Wagners Hass auf Offenbach hatte weniger mit Antisemitismus zu tun. Offenbach hasste Wagner ebenso. Wagner versuchte, sich als großer deutscher Nationalkomponist Anfang der 1840er Jahre in Paris durchzusetzen, und scheiterte auf ganzer Linie. Und dann kommt da irgendein jüdischer Immigrant dahergelaufen, und ganz Paris schließt ihn in die Arme. Wagner war schlicht eifersüchtig. Offenbach verkörperte so ziemlich alles, was Wagner verabscheute. In gewisser Hinsicht sind die Beiden zwei Seiten derselben Medaille. Ursprünglich wollte Offenbach anstelle derSchönen Helena eine Tannhäuser-Parodie schreiben. Das wäre fabelhaft gewesen, am besten für Bayreuth" meint Barry Koskie sich über den derartigen Grundkonflikt zurecht wohl zu mokieren; und so gibt es also jede Menge WAGNER - gottlob nur verzerrt-verblechert aus 'nem Grammophon... 

Was hat das Alles [s.o.] aber nun mit Offenbachs "Die schöne Helena" zu tun, könnten sich von dem Allen arg genervte Kosky-Inszenierungen-Besucher fragen - - Antwort: Warum nicht?? 

Der Stückplot ist ja nachleslich an Idiotie nicht mehr zu überbieten, und die ganze (locker-leichte) Absicht des gewieften Offenbachs war es ja auch, geballten Nonsens mit champagnerhaften Klängen zu umspülen und/oder ein wohlig-angenehmes "Grundgefühl" nach draußen quasi zu verspritzen. Kosky nennt dann auch dieses absonderlich-gelungene Gemisch einen "sehr merkwürdigen deutsch-französisch-jüdischen Cocktail - mit einem guten Schuss Absinth darin. Ziemlich giftig. Und unter all den köstlichen Melodien ist ein durch und durch bissiger Humor am Werk." 

Henrik Nánási dirigiert ein fast schon schwerelos sich anhörendes Orchester der Komischen Oper Berlin. 

Die hochhumorig drauf seiende und mitunter fast artistisch aufsingende Nicole Chevalier (Helena) kommt als luderhafte Rampensau gut rüber. 

Und der ausgestopfte Stefan Sevenich (Kalchas) spielt/singt schier außerordentlich und muss zirzensisch Heikles leisten. 

Keinen Platz mehr, Alle aufzuzählen - - - Alle waren eine Wucht! 

Chor, Tänzer (oberwuchtig!!) sowieso!!! 

Die Leute tobten vor Begeisterung. 

Diese Rezension wurde am 12. Oktober auf KULTURA-EXTRA veröffentlicht.
von Andre Sokolowski

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