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Livekritik zu

Xerxes

09.06.2013 - 20.03.2018 | Berlin / Komische Oper Berlin
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KULTURA-EXTRA
am 10.06.2013

von Andre Sokolowski

9. Juni 2013, Premiere an der Komischen Oper Berlin
BALL IM SAVOY
Operette von Paul Abraham / Text von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda

 

Wiedergutgemacht

Das sind die kleinen Wunder, die Theater groß erhebt: 

Als nach drei überbordend-ausgelassnen Stunden Spieldauer der Regisseur der Operette Ball im Savoy - deren Berliner Wiederaufführung nach 80 Jahren (!) gestern Abend stattfand - vor das Publikum getreten war, um kurz an den erschreckend-schicksalhaften Lebensschluss des jüdischen Komponisten Paul Abraham (1892-1960), der 1933 vor den Nazis floh, zu erinnern, meinte er, dass sich (nach jüdischem Glauben) womöglich auch die unsterbliche Seele Abrahams in Wanderschaft befände und sie daher jetzt und augenblicklich mitten unter uns verweilte, und er ließ hierauf eines der schönsten Abraham'schen Liebeslieder durch den Chor und die Solisten leise anstimmen: "Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände, Good Night" - - und plötzlich tat man so ein kollektives In-sich-Gehen konstatieren; und man musste schluchzen, seine Tränen unterdrücken oder fließen lassen, und man wollte letztlich nur noch zu dem Allen schweigen... 

Paul Abraham "flüchtete ohne seine Ehefrau nach Paris. Später kam er über Kuba nach New York, wo er aber nicht Fuß fassen konnte. Im 'Mutterland des Jazz' hatte an seinen Kompositionen niemand Interesse. Eine neue schöpferische Tätigkeit verhinderte eine verhängnisvolle Krankheit. 1946 musste er im vierten Stadium an Syphilis erkrankt in das Creedmoore State Hospital, eine riesige psychiatrische Anstalt auf Long Island, eingewiesen werden." (Quelle: Wikipedia) 

* * *

Barrie Kosky hat also seine erste Intendanten-Spielzeit an der Komischen Oper Berlin mit dem von ihm inszenierten Ball im Savoy triumphal beendet! Und er griff auf sein ihm lieb und teuer gewordenes "Zugpferd" Dagmar Manzel zurück - sie war (an der siegessicheren Seite von Starpartner Christoph Späth) die erste von drei weiblichen Protagonistinnen! Was sie natürlch von den andern Frauen unterschied bzw. unterscheiden musste, war, dass Manzel halt nicht vom Gesang, sondern vom Schauspiel kommt; das Singen hat sie sich erst später zugetraut [in einem lesenswerten Interview, welches Irene Bazinger im Magazinteil der Berliner Zeitung letzten Samstag mit der Manzel führte, wird ersichtlich, wie es zu dem ungewöhnlichen Karrierewandel bei der Manzel kam]. Für eingefleischte Operettenhasen, die es freilich wissen, wie verheerend-schwer sich ausgerechnet "Operetten-Arien" singen lassen, könnte Manzel daher zum Problemfall werden. Denn was beispielsweise Katharine Mehrling (die die Daisy gab) mit ihrer rampensaumäßigen Sally-Bowles-aus-Cabaret-Erfahrung, die sie flott-forsch einbrachte, beziehungsweise Agnes Zwierko (die die Tangolita gab) mit ihrer muttertierig-gierig-opernhaften Rosalinde-aus-der-Fledermaus-Attacke, mittels der sie absoluten Raum gewann, vor allem stimmlich zuzuzaubern in der Lager waren - konnte Manzel, die gesanglich leider nur ein Laie ist, nicht aufbieten. Aber dafür kann Manzel umso besser sprechen, spielen und halt völlig anders als die andern Töne von sich geben; stellenweise hat sie "Züge in der Stimme", die man so bei Hilde Hildebrand (die eine fulminante Chansonette war) in alten Ufa-Filmen nachvollziehen kann. 

Die 70jährige Theater des Westens-Ikone Helmut Baumann ließ sich (den Mustafa Bey gebend) für die Produktion als Special Guest verpflichten; war schon sehenswert! 

Und Peter Renz (den Kammerdiener Archibald gebend) & Christiane Oertel (die Zofe Bébé gebend) sangen, auf Jiddisch, ihr wunderschönes Domestikenduett. 

Die Szenerie und das Ensemble (alle!!) schienen außer Rand und Band. 

Adam Benzwi dirigierte ein mit allen Wassern gewaschenes Orchester der Komischen Oper; David Cavelius studierte den, auch was das Darstellende anbelangte, völlig unzubändigenden Chor des Hauses ein; die aufheizende, aufreizende Choreografie erstellte Otto Pichler; den Kostüme-Rausch ließ die Designerin Esther Bialas schneidern - eine visuelle Orgie für das Auge - und, und, und... 

Schmissiger kann man keine Operette auftischen; grandios gemacht.

Diese Rezension wurde am 10. Juni auf KULTURA-EXTRA veröffentlicht.

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