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Livekritik zu

1984 - ein Alptraum

29.08.2014 - 26.05.2015 | Hamburg [ Mitte ] / Hamburger Sprechwerk
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KULTURA-EXTRA
am 15.01.2015

Unter dem Hashtag #Watching1984 sollte das Theaterstück 1984 - ein Alptraum auch außerhalb des Theaters verfolgt werden können. Das W-LAN vor Ort war leider nicht stark genug für so viele, die dieser Idee gefolgt waren. Nichts desto Trotz zeigten die Schauspieler wieder gute Leistungen. Anfangs hatte das Ganze zwar nicht die volle Spannung, vielleicht waren die Spieler irritiert, im Publikum war ja fast jeder mit einem Smartphone ausgerüstet. Auch waren die Zuschauer sehr viel jünger als zur Premiere. Man war aufgeklärter - tägliches Nutzen von Internet macht möglicher Weise etwas Selbstverständliches daraus; etwas, was man eigentlich gar nicht hinterfragen will. 

*

Dieser Roman von George Orwell über die Bedrohung durch einen totalitären Überwachungsstaat ist in unsere Zeit gebracht, fast schon überholt, wenn auch eindringlich. Die Bilder greifen noch, das Stück hat eine gute Dramaturgie, filmische Szenen pushen das Ganze, und die Darsteller spielen sehr emotional, bringen einem Gewalt näher, die den Menschen zwingt Dinge zu tun, die keiner Ethik standhalten. Und dennoch muss vielleicht ein neues 1984 geschrieben werden. Es fordert auf, die aktuelle Lage zu hinterfragen. 

Denn wir sind eigentlich schon weiter: Die Vernetzung der Wirtschaft mit der digitalen Welt ist zur Waffe geworden, NSA ist zur nationalen Hackingbehörde der USA mutiert, alles lässt sich mittlerweile lahm legen. Vielleicht ist Edward Snowden der Letzte, der persönlich gefährdet ist. Amerika bereitet sich auf den Ernstfall vor. Im Cyberkrieg geht es darum, im großen Rahmen Krankenhäuser, Energiekonzerne, Atommeiler, Industrie und Verkehr lahmzulegen. Das sind Kriegshandlungen. 

Und wir glauben immer noch, dass unsere Freiheit unantastbar ist. Doch wir sind über unsere Ängste leicht zu kriegen. Das wird in dem Stück gut gezeigt: die Ängste der einfachen Leute, der Prolls, wie es dort heißt. Nur die Elendsviertel werden bombardiert. Dennoch denkt jeder von uns, der totalen Überwachung könnten wir moderne Menschen durch unsere Klugheit entkommen. Wenn wir ehrlich sind, haben wir selbst ein Bedürfnis nach Eliten, halten uns für besser und schlauer als andere. Dass Gleichheit die Menschen glücklicher machen soll, halten wir im Geheimen für ein Ammenmärchen. Wir werden mit den Wölfen heulen, damit man gut leben kann. 

Reden wir also in diesem Stück noch von Privatsphäre, sind wir doch schon längst in Besitz genommen worden. Jedes Handy lässt sich in eine Wanze verwandeln. Wir werden bereits unbemerkt manipuliert. Algorithmen berechnen zukünftig unser Leben, werden Macht übernehmen, die Technologie wird alles umwälzen. Da zählt der einzelne Mensch immer weniger, es sei denn, er konsumiert. Gier hat längst den Sex abgelöst. Sogenannte Robo-Berater werden unser Geld anlegen und wir das Kleingedruckte wieder mal nicht lesen. Es heißt, Algorithmen folgen Regeln, sie sind frei von Gier, Angst und anderen Emotionen. Aber sie sind wunderbar zu manipulieren. 

Via Internet geben wir schließlich freiwillig Informationen aus der Hand, manchmal braucht nur unser Ego ein wenig gekitzelt werden, und wir bemerken gar nicht, was wir auf FB alles so preisgeben. Und hält man sich selbst für unwichtig, ist man bereits eine Lücke! Vielleicht ist aber auch der Nachbar ein meist gesuchter Terrorist, und der Computer entscheidet über seine Eliminierung? 

* *

Dass ich all das hier schreibe, ist dieser Aufführung zu verdanken. Ich habe dieses Theaterstück ein zweites Mal gesehen, es war diesmal anders, eine völlig andere Stimmung im Raum. Bei der Premiere von 1984 - ein Alptraum spürte ich Angst in den Reihen, Sprachlosigkeit neben mir, man war verunsichert, vielleicht geschockt. Das Stück ging knall auf Fall los mit Hymne, mit Krieg...

"Krieg bedeutet Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke. Es lebe Big Brother!" 

Wieso war man an diesem Abend so unbefangen, so locker? Man wusste schon alles? Es war zu harmlos? - Das hatte mich irritiert. Und während die Schauspieler immer mehr in ihren Rollen aufgingen, wurde mir die aktuelle Situation bewusster: 

Es ist nicht Geschichtsschreibung - von wegen 1984 - ; nein, die kann man ja formulieren, wie man will. Es ist vielmehr eine Dringlichkeit der Gegenwart und der Zukunft, mehr Transparenz zu fordern, wenn es nicht schon längst zu spät ist. Viren werden sich verselbstständigen, sie neigen dazu in private Netzwerke zu flüchten. 

Die Büchse der Pandora ist geöffnet. 

Kennen Sie ein winziges Teilchen Ihrer Seele, dass noch Ihnen gehört? Mein Tip: Fantasie muss ausgemerzt werden! Denn die Vorstellungskraft der Menschen kennt keine Grenzen. Inzwischen werden nämlich Begriffe wie "Fiskalisches Waterboarding" in einer Wirtschaftszeitung gebraucht und damit gesellschaftsfähig gemacht. 

[Nebenbei bemerkt: 1984 - ein Alptraum ist (in der Spielzeit 2014/15 des Hamburger Sprechwerks) das einzige Stück, das von der Hamburger Kulturbehörde finanziell unterstützt wird (?)] 

Außerdem wurde in der Pause Alkohol getrunken, und das Publikum trug überwiegend dunkle Farben. Man wollte sich anscheinend in der Dunkelheit treffen. 

Wer gehörte jetzt zur Community, und wer war ein Spitzel? Ich jedenfalls hatte nur eine beobachtende Funktion. 

Gott sei Dank waren wir off-line.

Erstveröffentlicht auf Kultura-Extra von Liane Kampeter am 15. Januar 2015

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