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Livekritik zu

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

12.05.2014 - 16.05.2014 | Frankfurt am Main, Köln [ Innenstadt ], Berlin [ Prenzlauer Berg ]
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Katja Marquardt
am 14.05.2014

„Americanah“ nennt man in Nigeria jene, die eine Weile in den USA gelebt haben und später in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie ist eine Americanah, genau wie ihre Protagonistin im gleichnamigen preisgekrönten Buch. Vor Kurzem ist es in deutscher Übersetzung erschienen, Adichie ist derzeit damit auf Lesereise in Deutschland und der Schweiz. Der Roman spielt in Afrika, Amerika und Europa und handelt von Migration und Identität.

„Americanah“ erzählt die Geschichte der Nigerianerin Ifemelu, die 15 Jahre lang in den USA lebte, in Princeton studierte. Zugleich ist die Erzählung aber auch ein Liebesroman. Während Ifemelu in den USA studiert und mit einem Blog über Rassismus bekannt wird, schlägt sich ihre Jugendliebe Obinze als illegaler Einwanderer in London durch und wird schließlich ausgewiesen. Nach Jahren treffen sie sich im stark gewandelten Lagos wieder, wo Obinze, mittlerweile wohlhabender Makler, mit Frau und Tochter lebt.

Adichies restlos ausverkaufte Lesung im Frankfurter Literaturhaus wurde von Hans Jürgen Balmes vom S. Fischer-Verlag moderiert, der Adichie zwischen den Buchpassagen interviewte. Leider hat die Autorin mit ihrer angenehmen klaren Stimme nur einige Seiten aus der englischen Originalversion selbst gelesen, die restlichen trug die Schauspielerin Dorothee Krüger – nicht weniger ansprechend! – aus der deutschen Übersetzung vor.  

In den ausgewählten Passagen und Interviewsequenzen sah sich der „westliche“ Zuhörer mit seinen eigenen Stereotypen von „Afrika“ und „Afrikanern“ konfrontiert. Beispielsweise, wenn die amerikanischen Freunde Ifemelus mit purer Verständnislosigkeit auf ihren Wunsch reagieren, freiwillig (!) in die nigerianische Heimat zurückkehren zu wollen.  

Oder wenn Ifemelu in den USA erstmals Rassismus ausgesetzt ist. Diesen kannte auch Adichie vor ihrem Auslandsaufenthalt nicht, denn in ihrem Heimatland haben die Mächtigen und Reichen keine andere Hautfarbe. Die Protagonistin verarbeitet diese Erfahrungen in ihrem Blog „Raceteenth oder: Ein paar Beobachtungen über schwarze Amerikaner (früher als Neger bekannt) von einer nicht-amerikanischen Schwarzen“.

In den eindrücklichen Szenen macht Ifemelu Erfahrungen, wie sie prototypisch für eine neue gebildete afrikanische Mittelschicht in der globalen Diaspora sind. So sitzt sie mit anderen Heimkehrern in einer neuen In-Location in Lagos zusammen und beobachtet sich selbst kritisch, wie sie – verwöhnt durch den USA-Aufenthalt – die einheimische Küche verschmäht und das erste vegetarische Lokal Lagos’ herbeisehnt. Diese Momente zeigen: Das sind Erfahrungen von Fremdheit und Heimweh, wie sie überall auf der Welt von Auswanderern und Rückkehrern gemacht werden.

Adichie schreibt klar und bildlich, mit einer ordentlichen Prise Humor und mit einem scharfen Blick auf die Gesellschaft und die Charaktere. Bei ihrer Lesung, die sogar Nigerianer aus Österreich angelockt hat, präsentierte sie sich dem Publikum als eine aufmerksame, empathische und interessierte Frau.

Wer das Buch nicht schon kennt, wird es nach dieser Lesung unbedingt sofort verschlingen wollen.

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Unterhaltsame, zum Nachdenken anregende Lesung mit einer charismatischen Autorin

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