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Livekritik zu

Wut und Gedanke - Ein Projekt über Adorno

08.03.2015 - 25.05.2015 | Frankfurt am Main / Schauspiel Frankfurt
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Katja Marquardt
am 06.05.2015

„Wut und Gedanke“, Theorie und Praxis, Adorno und Krahl: Vor Gericht sehen sich der Vater der Kritischen Theorie und sein Schüler Hans-Jürgen Krahl zum letzten Mal. Elf Tage später stirbt Theodor W. Adorno, wenige Monate danach auch Krahl bei einem Autounfall.

In einem Monolog rechnet der führende Frankfurter SDS-Kopf Krahl mit seinem Meister ab, da sich dieser weigerte, öffentlich für die Studentenbewegung einzustehen. Das Stück „Wut und Gedanke“ basiert größtenteils auf O-Tönen: auf Adornos und Krahls Schriften oder dokumentarischem Material.

Im Januar 1969 besetzen Studenten das Frankfurter Institut für Sozialforschung. Der Institutsleiter Theodor W. Adorno verständigt die Polizei, die daraufhin das Institut räumt. Hans-Jürgen Krahl wird als einziger der Studenten angezeigt. Mit dem Einschreiten der Polizei ist der offene Bruch zwischen Lehrer und Schüler unvermeidbar. In der Theorie ein Revolutionär, in der Praxis aber ein zaghafter Gelehrter: Dies warfen  die 68er-Studenten dem bedeutendsten Vertreter der Frankfurter Schule vor.

Die Spielstätte des Schauspiel Frankfurt wurde passenderweise in die hübsche geisteswissenschaftliche Bibliothek der Goethe-Universität verlegt, in der die Zeit scheinbar stehen geblieben ist. Den schmalen zweistöckigen Bibliotheksraum im IG-Farben-Haus säumen Bücherregale bis zur Decke.

Das Ein-Mann-Stück langweilt keine Minute. Obwohl viel sperrige Theorie rezitiert wird und kaum Requisiten verwendet werden, gelingt es Vincent Glander, die Zuschauer mitzunehmen, in den Gerichtssaal, in eine legendäre Bockenheimer Studentenkneipe, auf Adornos letzte Reise und in das Institut für Sozialforschung, aus dem er seinen Widersacher mit einem Megafon aus der Reserve locken will.

Die Spielstätte in der Bibliothek versetzt die Zuschauer gleich in die richtige geistige Stimmung: Sie sitzen um zusammengeschobene Seminartische, auf denen Adornos ehemaliger Lieblingsschüler doziert, sinniert, anklagt, singt, von einem Stuhl zum anderen wechselnd Dialoge führt. Trotz aller Stimmigkeit und Brillanz liefert das Stück jedoch leider keine neue Sichtweise auf die Beziehung zwischen Philosoph und revoltierenden Studenten.

Beim Verlassen des Universitätsgebäudes empfängt die Zuschauer ein Transparent mit der Aufschrift „Bockenheim bleibt stabil“. Hier gelingt ein ironischer Brückenschlag zum Hier und Jetzt: Die Uni zieht seit Jahren auf den neuen Campus im Westend um. Den  Standort Bockenheim, an dem Krahl und Adorno einst wirkten, gibt es nicht mehr. Selbst das Adorno-Denkmal auf dem alten Unigelände, sein Original-Schreibtisch im Glaskubus, soll in Kürze auf den neuen Campus verfrachtet werden – inklusive Umbenennung des Theodor-W.-Adorno-Platzes. Die ersten Straßenschilder sind schon abmontiert.

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Kurzweilige Reise ins intellektuelle Klima der Sechziger am Beinahe-Originalschauplatz

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