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Livekritik zu

WEINBECKEN blick hinein samtschwarz

18.08.2016 - 27.08.2016 | Berlin / Malzfabrik
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KatharinaF
am 21.08.2016

Als würde man träumen. Irgendwoher kommt eine Stimme aus dem Dunkel. Sie verlockt, sie zieht, mit jedem Wort macht sie den Raum etwas kälter. Rechts und links karge Mauern, durchbrochen allein durch bröckelnden Putz und wenige Fenster, die nicht etwa hinaus, sondern hinein zeigen. Hinein, in eine Welt, die noch verborgen ist. In eine Welt dahinter. Was das Dahinter meint, wird ein Geheimnis bleiben. Es muss so sein. Weil jeder Traum dort aufhören muss, wo das Unvorstellbare beginnt. Weil jeder Traum einen ins Echte zurückwirft, wenn die Erwartung die eigene Vorstellungskraft übersteigt. Vielleicht ist es besser so, denkt sich der Träumende gerade in dem Moment, in dem die Geschichte beginnt.

T. van Stivs Tragikkomödie „Weinbecken - blick hinein samtschwarz“ ist ein Ausflug.

Vier Freunde, gelangweilt vom eigenen Geld, gleichzeitig nervös, weil sie wissen, dass es Dinge gibt, die unbezahlbar sind, brechen in das Landhaus eines Weingutes ein. Dort halten sie, unter Führung des Narzissten Crement dessen Bruder Tambour in einem der alten Weinbecken gefangen. Crement und Tambour sind selbst auf einem Weingut groß geworden. „Auf den Rändern der Fässer balancierten die Jäger und hatten den perfekten Ausblick, um nach Mäusen Ausschau zu halten“, erinnert sich Cremant balancierend.

Tambour versucht in seiner Verzweiflung die Nähe der schönen und naiven Sansherbe zu gewinnen. Dabei ist Sansherbe nicht nur seine Hoffnung. Als Objekt der Begierde steht sie sinnbildlich für das vermisste Glück jedes einzelnen der Männer. Wie eine Puppe wird sie umhergereicht, belästigt, umworben, verkannt, geliebt, gehasst. Die Freunde tanzen um sie herum wie Bienen um ihre Königin. Wer nah genug herantritt, erkennt, dass die Königin nichts ist als triste Projektion, die Bienen in Wahrheit Wespen und der Tanz kein Tanz. Vielmehr ist er ein Machtspiel, in dem sich Runde für Runde die Regeln ändern. Ein Becken randvoll mit Figuren, die an ihrer eigenen Ohnmacht zu ersticken drohen. Gierig kreisen sie allesamt um jene Bedürfnisse, die sie selbst nicht benennen können. Dabei werden sie nicht müde, ihre Stacheln in die Wunden der anderen zu treiben. Irgendwo zwischen diesen beiden, Macht und Ohnmacht, verweben sich Dialoge mit Musik, die Figuren mit der Kulisse, ihre Verletzung mit einer Hoffnung auf das Unbekannte. Kaum hat man sich mit dem Gedanken angefreundet, nicht jeden von ihnen vollends ergründen zu können, wirft van Stiv einen nächsten Brocken hinein und neue Antworten potenzieren alte Fragen abermals bis ins Unermessliche.

Dieses Stück kommt zaghaft und kraftvoll zugleich daher, mal beinahe lieblich, dann wieder brutal. Es sinkt zusammen und bläst sich auf, radiert aus und zeichnt neu bis zum Schwindel. Zwischendurch tasten die Finger des Zuschauenden klammheimlich in der Manteltasche nach einem Stift, um einen der pikanten Sätze zu notieren. Dann gibt er auf: Es wird auch so nachwirken. Hier möchte man die Figuren umarmen, dort ihnen einen Speer durch ihre tristen Leiber bohren.

Die Schauspieler spielen ihre Rollen glamourös und durchdringend. Ihre Stimmen verleiten zum heimlichen Augenschließen, um alle Konzentration in das köstliche Zuhören zu legen. Der Raum ist erfüllt von Beziehungen, die Luft angereichert mit Absurditäten. Eine Moral gibt es nicht. Es sind unzählige. Wer Lebenswirklichkeit zu interpretieren verlangt, findet sie. Wer wahnsinnig Heim gehen möchte, kann es. Wer aufwachen will, hat nicht verstanden, dass der Traum Wirklichkeit ist.

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