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Livekritik zu

Schwanensee

12.02.2013 - 25.11.2013 | Berlin [ Charlottenburg ] / Deutsche Oper Berlin
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Kaspar Sannemann
am 14.10.2013

Gibt es einen würdigeren Rahmen zur Übergabe eines Publikumspreises (DAPHNE-Preis der TheaterGemeinde Berlin) als die grosse Bühne der Deutschen Oper Berlin – mit dem stimmungsvoll-romantischen Jugendstilambiente von Luisa Spinatelli - im Anschluss an eine umjubelte Aufführung von Tschaikowskys SCHWANENSEE? - Wohl kaum. Die DAPHNE 2012 ging nämlich an den ersten Solotänzer des Staatsballetts Berlin, Dinu Tamazlacaru, welcher in dieser Wiederaufnahme den Prinz Siegfried tanzte – und wie! Dabei kommt es dem Tänzer natürlich entgegen, dass der Choreograph Patrice Bart die Rolle des Prinzen dramatisch aufgewertet hat, sie psychologisch feinfühlig durchdringt und damit nicht nur die tänzerische sondern auch die darstellerische Herausforderung an den Interpreten erhöht.

 

Dinu Tamazlacaru wird diesen beiden Ansprüchen auf einnehmende und brillante Art gerecht: Er zeigt den jungen, melancholischen Mann, welcher sich von seiner dominanten Mutter endlich lösen, die Abhängigkeiten (Ansprüche der Gesellschaft, des Hofes) hinter sich lassen will, eigene, freie Wege gehen muss. Dass ihm dabei auch noch sein bester Jugendfreund Benno mit seinen verzweifelten homoerotischen Annäherungen im Wege steht, stellt eine weitere Klippe auf dem steinigen Weg zur Selbstbestimmung dar. Leichtfüssig und elegant bewegt sich Tamazlacaru am zaristischen Hofe seiner Mutter, verträumt fasziniert wendet er sich Odette, dem rätselhaften, zerbrechlichen Schwanenmädchen am See zu, mit erwachendem erotischen Liebesverlangen nähert er sich der verführerischen Odile an. Geradezu exemplarisch sind Tamazlacarus saubere Beinarbeit, der Aplomb, die Drehungen mit punktgenauen Landungen, die effektsicher gesetzten Grands battements jetés. In Iana Salenko hat er eine die Doppelrolle Odette/Odile wunderbar ausfüllende Partnerin. Als Odette zeigt sie eine berührende, schmerzerfüllte Fragilität und Verletzlichkeit, als Odile wirkt sie in ihrem tief ausgeschnittenen schwarzen Tutu kalkuliert erotisch, weicher und doch unnahbar. Den ganzen Abend über bezaubert sie mit einem fantastischen Port de bras, blitzsauberem Tanz auf der Spitze, atemberaubenden Fouettés und Pirouetten. Die spinnenartig alle vereinnahmende Königin wird wahrlich königlich und ungemein ausdrucksstark von Nadja Saidakovagetanzt. Wenn sie dann am Ende über den Leichen ihres Sohnes und ihres unheimlichen Premierministers von Rotbart (grossartig und voller raumgreifender Magie: Arshak Ghalumyan) zusammenbricht und erkennen muss, was sie durch ihr eigennütziges Verhalten angerichtet hat, spürt man beinahe einen Anflug von Mitleid mit ihr. Mitleid hat man auch mit dem schwulen Benno von Alexej Orlenco, auch er ein Suchender : Unsterblich verliebt ist er in den Prinzen, seine körperlichen Annäherungsversuche werden von diesem aber ständig zurückgewiesen. Orlenco tanzt die schwierige Rolle mit großer Sensibilität, zeigt kraftvolle Sprünge, und begeistert zusammen mit den männlichen Mitgliedern des Corps in einer fulminant präzis getanzten Mazurka im dritten und zusammen mit Iana Balova und Marina Kanno in einem virtuos überschäumenden Pas de trois im ersten Bild. Die Damen des Staatsballetts Berlin nehmen in den weißen Bildern für sich ein: Die disziplinierte Synchronizität, die komplexen Symmetrien der Schwanentänze sind ein Traum, von überirdischer Schönheit das Aufsteigen der Schwäne aus dem Trockeneisnebel im vierten Bild. Dagegen nehmen sich die folkloristisch bunten Einlagen (ungarischer und spanischer Tanz, Tarantella) im dritten Bild beinahe blass aus, auch wenn diese natürlich ebenfalls einwandfrei dargeboten werden – aber man versteht, dass sich Siegfried zu der magischen Welt des Schwanensees hingezogen fühlt und vor der förmlichen Leere des Hofes flieht.

 

Wenn man an der intelligent durchdachten Choreographie von Patrice Bart etwas bemängeln darf, dann ist es die vorletzte Szene: Der Kampf Siegfried-Rotbart kommt etwas gar theatralisch-schwülstig daher. Dramatisch stimmig und wirkungsvoll hingegen, dass auf den so genannten Erlösungsschluss verzichtet wurde.

 

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Michael Schmidtsdorff wartete mit wunderschönen Soli (insbesondere Violine, Cello, Harfe), Melancholie, Leidenschaft und mitreißenden Tanzrhythmen auf.

Spannend ist die Tatsache, dass das Staatsballett zur Zeit auch den Abend TSCHAIKOWSKY im Programm hat, ein Ballett in dem ebenfalls der desaströse Einfluss von starken, nicht zum Loslassen fähigen Frauen auf die verletzliche Seele des Mannes gezeigt wird ;-)

 

Den Erfolg dieser Produktion von SCHWANENSEE zeigt auch ein Blick auf die Statistik: 173. Vorstellung seit der Premiere am 16. Dezember 1997!

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