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Livekritik zu

Oleanna

20.10.2013 - 17.11.2013 | Hamburg / Hamburger Kammerspiele
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A.-K. Iwersen
am 22.10.2013

David Mamets „Oleanna“, uraufgeführt 1992 in Cambridge, Massachusetts, greift ein Thema auf, dem in den USA insbesondere in den 80er Jahren besondere kulturelle Aufmerksamkeit zuteilwurde: „political correctness“ und eine Politik der „Affirmative Action“, hier insbesondere das Thema sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. In seinem thematischen Fokus muss das Stück auch vor dem Hintergrund der Anita Hill-Clarence Thomas-Kontroverse gesehen werden, die die US-Öffentlichkeit Anfang der 90er Jahre beschäftigte – und wie kein anderes öffentliches Ereignis die Aufmerksamkeit auf Machtverhältnisse und Minderheitenpolitik richtete.

Mamets Stück greift dieses Thema überzeugend auf, weil es letztlich unparteiisch bleibt, die Argumente beider Seiten zu Gehör bringt. Seine besondere Stärke liegt darin, dass sich die Machtverhältnisse im Verlaufe des Stücks umkehren: Das Zwei-Personen-Stück „Oleanna“ zeigt die junge Studentin Carol, die bei ihrem Professor, John, Rat sucht; er zeigt sich als Kritiker des etablierten Bildungssystems mit seinen Normen, will Carol privat helfen, den Stoff zu verstehen. Doch die Kommunikation zwischen Carol und John misslingt von Anfang an – John ist der im Gespräch Überlegene, er bestimmt, wann das Gespräch fortgesetzt und wann es beendet wird; im weiteren Verlauf sucht Carol Rat bei der Studentenschaft und legt gegen John Beschwerde wegen sexueller Belästigung ein – so wird sie schließlich zur Machtfigur, die über das Schicksal von Johns Leben entscheidet. Die (scheinbar?) durch Johns Machtposition Ausgenutzte nutzt die ihr politisch zur Verfügung gestellten Mittel voll aus, und missbraucht so ihrerseits die neuerrungene Macht.

Der Text ist großartig, aber auch anstrengend; insbesondere der erste Akt, der praktisch eine Aneinanderreihung von Wortfetzen, von Satzanfängen ist, durch die der Autor auf die misslingende Kommunikation zwischen den Protagonisten aufmerksam macht, verlangt sowohl dem Zuschauer als auch dem Schauspieler einiges ab.

Die texttreue Inszenierung in den Hamburger Kammerspielen besticht durch die exzellente Besetzung, die der Tiefe dieses schwierigen Textes voll und ganz gerecht wird und die auf der Bühne wunderbar miteinander funktioniert.

Die erst 19jährige Elisa Schlott spielt die Carol mit einer Mischung aus kindlicher Einfalt und Bösartigkeit, streicht sehr schön heraus, wie dieses unreife Mädchen, das dem intellektuellen Anspruch der Bildungsinstitution, in der sie sich bewegt, nicht genügen kann, in eine ungeahnte Machtposition kommt und diese Macht genussvoll auskostet. Dass Elisa Schlott die Komplexität des Charakters Carol mit einer solchen Sicherheit zu Transportieren vermag, zeugt vom großen schauspielerischen Können der jungen Darstellerin.

Mindestens ebenso brillant spielt Ulrich Gebauer den Universitätsprofessor John, zeigt ihn in seinem gesamten emotionalen und charakterlichen Spektrum -  hin- und hergerissen zwischen seinen alternativen Ideen von Bildung und der gleichzeitigen Verankerung in universitären Machtstrukturen und dem Streben nach Anerkennung und Erfolg in dem von ihm kritisierten System; er zeigt ihn abweisend, distanziert und egoman, fürsorglich und einfühlsam, verzweifelt, schwach und schließlich doch auch standhaft, wenn er, so scheint es, dem Erpressungsversuch durch Carol nicht nachgibt.

Der eigentliche Fokus dieser Inszenierung – wie auch des Stücks – ist und bleibt das Problem der Sprache, der Worte und ihrer Deutungshoheit. Die Machtfrage ist in diesem Stück primär eine sprachliche Macht. Gerade deshalb ist es ein kluger Schachzug, die Pausen zwischen den Akten mit Schwarzweiß-Videosequenzen zu füllen, die das Geschehen des vorangegangenen Aktes widergeben – ohne Worte, nur mit musikalischer Begleitung. Diese Bildsequenzen eröffnen dem Zuschauer einen anderen Blick auf das Geschehen, rekapitulieren es, deuten aber zugleich an, wie dieselbe Szene auch „aussehen“ kann, wenn man den textlichen Kontext nicht hat. Diese Perspektive wird dann in den jeweils folgenden Akten aufgegriffen, indem Carol mit ihren Worten auch dem physische Geschehen eine andere Bedeutung gibt; zudem wird diese non-verbale Komponente ergänzt durch die verbale - durch Carols protokollierte, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate aus den Gesprächen mit John, die von ihr instrumentalisiert werden, um eine andere Deutung des Gesprochenen zu konstruieren. Selten greifen eingeblendete Videosequenzen und das Stück selbst so gelungen ineinander wie in dieser Inszenierung.

Insgesamt also eine rundum gelungene Inszenierung eines wunderbaren Stückes, das an seiner Aktualität nichts eingebüßt hat – auch jenseits der konkreten Fragen von sexueller Belästigung und Frauenfeindlichkeit. Der langanhaltende Applaus des Publikums war in jeder Hinsicht verdient.

Besucherfazit

Eine wirklich sehenswerte Inszenierung eines großartigen und immer aktuellen Stücks

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