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Livekritik zu

Gift. Eine Ehegeschichte

15.01.2015 - 15.02.2015 | Hamburg [ Mitte ] / Ernst Deutsch Theater
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A.-K. Iwersen
am 19.01.2015

Am 15. Januar feierte das Stück „Gift“ von Lot Vekemans (dt. von Eva Pieper und Alexandra Schmiedebach) im Hamburger Ernst Deutsch Theater Premiere. In den Hauptrollen dieses Stücks über Trauer und ihre Verarbeitung sind Nina Petri und Nicki von Tempelhoff zu sehen, Regie führte Wolfgang Stockmann.

Vekemans‘ Stück ist ein Dialog zwischen zwei unbenannten Figuren – „Sie“ und „Er“, ein Ehepaar, das sich zehn Jahre nach dem Tod seines gemeinsamen Sohnes auf dem Friedhof zum ersten Mal wiedertrifft. Grund ist die geplante Umbettung des Sohnes, da Giftstoffe im Boden seien – nun wartet das Paar auf einen Termin, um die Umbettung zu besprechen, doch niemand kommt. Dass man schnell ahnt, worauf das hinauslaufen wird, macht wenig. Das Stück ist eben ein Dialog, Handlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Thema ist die Trauer um einen verlorenes Kind, vielleicht sogar um Verlust überhaupt: Kann es nach so einem Ereignis weitergehen? Wie kann es weitergehen? Ja, was bedeutet „weiterleben“ eigentlich genau?

Der vom konkreten Einzelfall abstrahierende und prinzipiell auf eine allgemeine, immer wiederkehrende Situation im menschlichen Dasein abzielende Charakter des Stücks wird bereits daran deutlich, dass alle Personen Namen tragen außer den Akteuren auf der Bühne: Sie sind nur zwei Beispiele, an denen sich die allgemeinen Fragen durchdeklinieren lassen.

Vekemans Dialog ist, in seiner gesamten sprachlichen Schlichtheit, auf großartige Weise tief und realistisch. Er wird von Nina Petri und Nicki von Tempelhoff großartig umgesetzt; wenn es tatsächlich kathartische Effekte durch Theater gibt, dann werden sie hier, in den bewegendsten Momenten des Stücks, nachweisbar sein müssen. Großartig war nicht nur die schauspielerische Leistung, sondern auch Inszenierung und Bühnenbild. Aus dem im Stück vorgesehenen leeren weißen Raum einer Friedhofshalle wird hier eine Lattenkonstruktion, die an einen Wintergarten erinnert, mit Blick auf einen Landschaft mit Birken. Die Raumkonstruktion lässt sich zugleich lesen als Gitter, als Gefängnis. Denn Gefangene sind diese Akteure, Gefangene im Leben, Gefangene in der Trauer. Ein schöner, klassischer Kunstgriff ist auch der Auftakt mit einer Naturmetapher: mit Gewitter und Regen beginnt das Stück, Symbole von Unheil, Unglück und Trauer als Vorausdeutung auf die Handlung.

Insgesamt also eine wirklich sehenswerte und gelungene Inszenierung eines guten Stücks – dass es dabei nicht unbedingt heiter zugeht, sollte eigentlich niemanden überraschen. Trotzdem zollte das Publikum Stück und Inszenierung keine ungeteilte Bewunderung – es war vielmehr zutiefst gespalten. Der Großteil war begeistert, so manch einer verließ aber auch genervt in der Pause das Theater. Nun – man kann’s nicht jedem recht machen!

Besucherfazit

Anspruchsvolles Stück über Trauer, Verlust und ihre Verarbeitung - unbedingt sehenswert!

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