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Livekritik zu

Frau Müller muss weg

02.01.2014 - 15.02.2015 | Hamburg [ Winterhude ] / Theater Kontraste im Winterhuder Fährhaus
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A.-K. Iwersen
am 20.01.2015

Nach dem sensationellen Erfolg des Stücks in der letzten Saison ist seit gestern im Theater Kontraste wieder das Stück „Frau Müller muss weg!“ von Lutz Hübner unter der Regie von Kai-Uwe Holsten im Programm.

Zugegeben, die Idee zu dem Stück ist gut und lässt viel erwarten: Die Elternschaft einer Grundschulklasse beschließt, dass die scheinbar unhaltbare Klassenlehrerin die Klasse abgeben soll. Die Eltern haben Unterschriften gesammelt, mit denen sie ein Misstrauensvotum stellen wollen.

Um der Lehrerin, Frau Müller (Kerstin Hilbig), diese Nachricht zu überbringen, findet das Elterngespräch statt, dem das Theaterpublikum beiwohnt. Zu Beginn stehen nur die Eltern auf der Bühne – wenige, denn – so die Erklärung – der Rest hat gekniffen. Während dieser ersten Szene werden dem Publikum die Typen vorgeführt, die die einzelnen Elternteile repräsentieren: die Rädelsführerin Jessica (Anika Lehmann), die Elternsprecherin ist; der arbeitslose Vater Wolf mit Neigung zur Aggression; das zugezogene Ehepaar, er: Pragmatiker (Christian Onciu), sie: weinerliche Idealistin (Marion Elskis); und schließlich die etwas biedere, gutwillige Mutter des Klassenbesten, die keinen Zugang mehr zu ihrem Sohn findet (Lisa Grosche). Diese Typen werden nun fröhlich aufeinander losgelassen und ergeben, mit ein bisschen Wohlwollen, ein gleichwohl reichlich stereotypes Bild der sozialen Gruppe „Eltern“ – dies trägt im Prinzip das Stück. Charakterliche Tiefe und Differenziertheit sucht man vergebens. Schauspielerisch ist die Darbietung mäßig. Mit Ausnahme von Christian Onciu, der hier und da mit Situationskomik glänzt, gelingt es keinem der Darsteller, in diese humoreske Wüstenlandschaft auch nur eine Fata Morgana zu zaubern. Alle anderen spielen brav ab.

Das Stück lebt von dem „Überraschungsmoment“ des Es-ist-doch-alles-anders-als-es-scheint. Anders ausgedrückt: Es hat dieses Überraschungsmoment zum alleinigen Konstruktionsprinzip erhoben, das sich dadurch mit derartigem Trara ankündigt, dass es plump wirkt, vorhersehbar ist und von Überraschung nun eben so gar keine Rede mehr sein kann.

Nach einer Weile des Elterngespäches – Auftritt Frau Müller. Der Zuschauer sieht eine Lehrerin, die in strukturierter Form gute Gründe für ihr Verhalten angeben kann. Eine Antithese, die schreit: Hier liegt der Tiefsinn! Der bleibt dann aber aus.

Abendfüllend ist das so noch nicht, darum muss Frau Müller nun einstweilen wieder von der Bühne verschwinden, damit sich die Elternschaft neu formieren kann – nur so lässt sich das ziemlich unmotivierte und dem ansonsten recht resoluten Auftreten der Lehrerin nicht entsprechende Hinauslaufen derselben erklären. Es kommt aber noch schlimmer. „Sex sells“, und so darf eine kleine amouröse Verwicklung nicht fehlen – der arbeitslose Wolf und das biedere Mütterchen des Klassenbesten hatten eine Affaire. Damit wir das erfahren, müssen auch die anderen Eltern einstweilen verschwinden. Nichts leichter als das: Der Autor schickt sie kurzerhand auf die Suche nach Frau Müller. Die dürfen sie natürlich nicht finden, denn wir brauchen die Eltern noch einmal ohne Frau Müller, damit sie deren vergessene Handtasche nach den Noten ihrer Kleinen durchwühlen können. Dabei stellen sie dann fest: Anders als erwartet werden ihre Kinder keine schlechten Noten bekommen. Daher also der Entschluss: Frau Müller muss doch bleiben.

Frau Müller kommt wieder – und war bloß im Lehrerzimmer, um sich zu sammeln. (Wie man ohne Rückgriff auf den Bau des Stücks erklären möchte, dass die anderen Eltern sie dort nicht gefunden haben – ich weiß es nicht.) Damit auch alles hübsch boulevardesk verwickelt bleibt, hat sich Frau Müller derweil entschlossen, die Klasse abzugeben. Nun müssen die Eltern sie also überzeugen, das doch nicht zu tun. Als dies vollbracht ist, der komödiantische Knaller des Abends: Frau Müller hatte in ihrer Handtasche die Noten des Vorjahres! Es war nur keinem der Handtaschendurchwühler aufgefallen! Na, wer hätte das je gedacht.

Und wer hätte vor allem je gedacht, dass das Publikum ein so durchsichtiges, konstruiertes Stück mit solcher Begeisterung aufnimmt. Nur ein scheinbarer Überraschungseffekt ist auch dies, weil man sich doch eingestehen muss: Das Theater Kontraste spielt nicht umsonst in der Komödie Winterhuder Fährhaus – dieses Haus ist und bleibt Boulevardtheater, und von Sozialstudie, intellektuellem Anspruch und geistreicher Komik kann hier nicht die Rede sein. Das Publikum der Komödie liebt es. So sei es. Als Entscheidungshilfe: Wer den finalen Gag des Stücks amüsant findet, der wird sich wahrscheinlich gut unterhalten fühlen. Wer eine geistvolle sozialkritische Komödie erwartet, wird allenfalls im Wechsel seufzen und gähnen.

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Mediokre Boulevardkomödie voller Stereotypen und ohne Tiefsinn - wer's mag...

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