Overlay
Livekritik zu

Endstation Sehnsucht

16.04.2016 - 22.06.2016 | Hamburg [ Mitte ] / Thalia Theater
« zurück zur Veranstaltungsseite
A.-K. Iwersen
am 25.04.2016

Am vergangenen Samstag hatte im Thalia Theater ein Klassiker Premiere: „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams. Regisseur Lars-Ole Walburg inszeniert Tennessee Williams in einem Bühnenbild aus Schaumstoff – womit das Innovativste an der ganzen Inszenierung bereits benannt ist.

Tennessee Williams Stück „Endstation Sehnsucht“ („A Streetcar Named Desire“) ist, wie das gesamte Werk des Autors, tiefgründig, wird aber hierzulande meist nicht gänzlich verstanden. Vielleicht liegt es daran, dass der kulturelle Kontext fehlt: „Endstation Sehnsucht“ ist vor allem ein Stück über den Niedergang des amerikanischen Südstaaten. Blanche, nicht umsonst mit einem französischen Namen, der „die Weiße“ bedeutet, ausgestattet, repräsentiert vor allem das Ideal der „Southern Belle“, der Südstaatenschönheit von einwandfreier Moral. Der Niedergang Blanches spiegelt den Niedergang des Südens, der in der Zeit der Sklaverei und großen Plantagen eine kurze, aber intensive Blüte erlebte, und die moralische Bigotterie des prosperierenden Südens. Vielleicht ist das zu wenig unsere eigene Geschichte, um diese Dimension des Stücks auszuspielen – doch selbst, wenn man dies nicht in seiner ursprünglichen Bedeutung auf die Bühne bringen möchte: An Optionen, dies auf die Dekadenz und den kulturellen Niedergang in Teilen unserer eigenen Gesellschaft zu beziehen, mangelt es wahrlich nicht. Nichts davon war jedoch im Thalia Theater zu spüren. Zu sehen war wenig mehr als die Geschichte einer Frau, die Geld und Status verloren hat, dem Alkohol verfallen ist und nun bei ihrer Schwester Zuflucht sucht, die sich in der Großstadt in ein Immigranten Milieu eingeheiratet hat, das weit unter dem Status ihrer Herkunft liegt. Eigentlich wird bei dieser Inszenierung aber überhaupt nicht verständlich, was diese Konstellation so besonders prekär macht, weil die kulturelle Kontextualisierung ausbleibt. Da aber auch keine wirklich kohärente Übertragung auf den zeitgenössischen Kontext erfolgt, bleibt die Inszenierung flach und in weiten Teilen schlicht und ergreifend langweilig. Nicht zuletzt fehlt auch das Schillernde, die Ambiguität und Leichtigkeit des Williamschen Textes.

Die Schauspieler tragen größtenteils wenig dazu bei, die lahme Inszenierung zu beleben. Die Darstellung ist flach, reißt nicht mit. Warum Stella (Patrycia Ziolkowska) wie eine Barbiepuppe aussieht und artifizielle Bewegungen macht und ebenso artifiziell spricht, erklärt sich aus der Gesamtinszenierung nicht und passt nicht hinein. Es berührt auch nicht. Dass Stanley Kowalski (Sebastian Zimmler) und seine Kumpanen irgendwie mehr wie proletarische Waschlappen der Generation Y daherkommen, macht ebenso wenig Sinn. Einziger Lichtblick ist Karin Neuhäuser als Blanche; obschon ihrer Darstellung das Liebreizende fehlt, das Williams‘ Blanche hat. Sie erscheint hier als eine bereits vollständig verkommene Frau, deren Versuche, ihre Ehre durch eine Ehe mit Mitch wiederherzustellen, beinahe absurd wirken. Das ist bei Williams aber so nicht angelegt. Blanche ist ein schillernder, ambiguer Charakter, der zwar verzweifelt wirkt, aber dabei seinen alten Stolz und eine gewisse äußerliche Würde durchaus noch hat. Dies reflektiert im Original auch die Morbidität des „Old South“ – etwas, was hier, wie so vieles, verlorengeht. Immerhin aber ist Neuhäuser die einzige, die in der faden Darbietung ihrer Figur ein wenig Leben einhaucht.

Zugegeben, das Bühnenbild (Florian Lösche), eigentlich ein „Nicht-Bühnenbild“ aus an „Tetris“ erinnernden weißen Schaumstoffwürfeln, auf denen es sich schwer gehen lässt, entfaltet immerhin eine gewisse Ästhetik. Man mag hier interpretieren: Alle hier gehen auf unstetem Boden. Das reine Weiß als Repräsentant moralischer Umschuld wird immer wieder „befleckt“, wenn graue geometische Projektionen über die weißen Würfel wandern. Dennoch: Das Haus der Kowalskis ist von vornherein kein sauberer, kein reiner Ort. Er gibt sich auch nicht als solcher aus. Eben das ist ja der Kontrast zwischen Blanche als Repräsentantin des „Old South“ und ihrer Moral des Scheins (und nur scheinbarer Moralität) und der ganz offen schmuddeligen Umgebung der Kowalskis. Insofern passt es nicht wirklich, dass dieses Setting, das das Haus der Kowalskis vorstellen soll, ganz weiß ist. Auch hier ist die Inszenierung unausgereift und inkohärent.

Da hilft es auch nicht viel, das, wie so häufig in aktuellen Inszenierungen, Live-Rock-Musik und ein wenig Klamauk (hier: kleine Akrobatikeinheiten) eingefügt werden, die mit dem eigentlich Stück nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Es erinnert eher an die frühen Zeiten des Theaters, als man zwecks Bei-der-Stange-Halten des Publikums Stücke mit Operetten, Akrobatik und dergleichen als Zwischenspiel aufführte. Ein wenig anspruchsvolles Publikum mag sich da die Schenkel klopfen – gutes Theater ist es darum noch lange nicht.

 

Fazit: Wer Tennessee Williams liebt, möge sich den Schmerz ersparen, den diese Aufführung verursacht. Was das Thalia Theater bietet, ist Tennessee Williams als leichte Kost – eine contraditio in adiecto, die natürlich auf Kosten dieses wundervollen Stückes geht.

Besucherfazit

Tennessee Williams als leichte Kost - ein Novum, auf das man auch hätte verzichten können

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
0 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • CHAMÄLEON Theater GmbH
  • Konrad Kögler @ daskulturblog
  • Aberabends
  • Erzählung
  • Theater o.N.
  • Silke Liria Blumbach
  • Tollwood
  • Sarah Divkovic
  • Napp Flaska
  • MartinDoeringer
  • Ute Schmücker
  • Daniel Anderson
  • PROARTEFrankfurt
  • Esther Barth
  • Mel Kep
  • Marylennyfee Schmidt
  • Rolf Schumann
  • Wilhelmine Molt
  • Ella Görner
  • Peter Griesbeck
  • Jamal Tuschick

Für Freikarten und Kulturtipps

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!