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Livekritik zu

Warten auf Godot

05.06.2015 - 02.03.2016 | Hamburg [ Mitte ] / Thalia Theater
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A.-K. Iwersen
am 21.03.2016

Es ist der Klassiker der modernen Theatergeschichte: Samuel Becketts „Warten auf Godot“ über die Landstreicher Wladimir und Estragon, die auf einen Godot warten, von dem sie nicht wissen, wer er ist, wann er kommt und ob er überhaupt kommt. Er kommt nicht, das wissen die Bildungsbürger dieses Landes längst. Becketts absurdes Stück war zu seiner Zeit ein Novum, eine Abkehr vom klassischen Erzähltheater. Heute mutet Becketts Stück bei Lektüre beinahe klassisch an. Lohnt dennoch der Gang ins Theater? Bedingt, aber das lie

Am Thalia Theater hat sich in dieser Spielzeit Stefan Pucher des Dramas angenommen. Er inszeniert Wladimir (Jens Harzer) und Estragon (Jörg Pohl) als Prolls in Trainingshosen in einem Bühnenbild aus Holzpaletten-Kaskaden. Was auffällt ist die, trotz aller Absurdität, Natürlichkeit der Sprache in den Dialogen – die an sich absurde Situation wirkt so beinahe realistisch, phasenweise clownesk. Die Nebenfiguren Pozzo (Oliver Mallison) und Lucky (Mirko Kreibich) wirken in ihrer Anlage weniger natürlich, sondern sind als Herr-Sklave-Paarung eher abstrakt-grotesk. Das bildet zwar irgendwie einen Kontrast zu Wladimir und Estragon, aber mit Sinn gefüllt wird dieser nicht. Die Schauspieler bringen allesamt hervorragende Leistungen.

In dieser Inszenierung wird das Bühnengeschehen, wie so oft in aktuellen Bühnenproduktionen, unterlegt von Videosequenzen, für die Meika Dresenkamp verantwortlich zeichnet. Videos können auf vielfältige Weise das Geschehen auf der Bühne ergänzen oder kommentieren – inwiefern das hier der Fall ist, weiß man allerdings nicht. Mir jedenfalls hat sich ihr Sinn nicht erschlossen. Sie schienen mir nichts zu dem hinzuzufügen, was auf der Bühne geschieht, oder dies zu kommentieren. Wenn sie dies doch taten, dann so verklausuliert, dass ich es nicht verstanden habe. Sie berühren auch nicht und schaffen so keine Stimmung. Sie sind eigentlich eher schwarz-weißes Geflimmer im Hintergrund. Eine einzige Sequenz bildet eine Ausnahme: Sie zeigt Wladimir und Estragon lachend in einer Jugendszene. Wären alle Sequenzen so gewesen: Man hätte ein besseres Stück gesehen.

Insgesamt ist das Stück für den Zuschauer erstaunlich unterhaltsam, obschon die Langeweile nicht ausbleibt. Der Zuschauer erlebt, wenn man so will, mit, wie sich die beiden Protagonisten das lange Warten verkürzen. Das ist nicht schlecht gemacht. Weiterhin ist positiv hervorzuheben, dass Pocher nicht versucht, das Stück politisch in Hinblick auf die Flüchtlingskrise zu deuten, was der Stoff durchaus hergegeben hätte. Diese von Theatern zur Zeit bis zum Erbrechen exerzierte Politisierung und Ethnisierung von allem und jedem, weil es „hip“ ist und hippe Fördergelder einbringt, bleibt dem Zuschauer gottlob erspart. Ansonsten aber erschließt sich das Gesamtkonzept der Inszenierung nicht.

Becketts Stück lebt von dem (absurden) Kontrast der Abstraktheit der Sprache und der Rolle Wladimirs und Estragons als zwei Landstreicher, von der Diskrepanz der Künstlichkeit des Dialogs und der (vorgeblichen) Natürlichkeit der Situation. Wenn Pocher in seiner Version von „Warten auf Godot“ den Figuren im Dialog Natürlichkeit gibt und das Stück mit komödiantischen Elementen belebt, ist das für den Zuschauer angenehm unterhaltsam. Es ist auch richtig, dass diese Elemente bei Beckett durchaus angelegt sind. Doch sie sind ganz anders eingebettet. Becketts Protagonisten haben Witz im eigentlichen Sinne des Wortes – dieser verflacht hier bis zur Unkenntlichkeit und beschränkt sich auf einige Schlüsselelemente wie die Frage des Gedächtnisses und der Erinnerung. Zur Reflexion regt das alles nicht an. Warum müssen Wladimir und Estragon hier als Vorstadtprolls in Trainingshosen laufen? Warum müssen sie auch genauso sprechen? Warum sind dann wiederum Pozzo und Lucky so grostesk gestaltet? Was sagen uns diese Videosequenzen? Warum wird auf einer Kaskade von Paletten gespielt – weil die Welt ein hochstapelndes Skelett ist? (Das ist als Bühnenbild (Stéphane Laimé) erstaunlich adrett anzusehen. Doch man würde von einem solchen Bühnenbild auch irgendwie eine gewisse Sinnfälligkeit erwarten.) Fragen über Fragen. Nun muss eine Inszenierung nicht nur Antworten liefern, sie darf auch Fragen aufwerfen. Auch „Warten auf Godot?“ wirft als Text (Sinn-)Fragen auf. Doch Becketts Text wirft Fragen auf, weil absurd ist, aber erkennbar komplex und tiefsinnig.

Diese Inszenierung schmeichelt dem Publikum mit schönen Bildern und clownesken und witzigen Elementen. Der Tiefe von Becketts Text wird sie nicht gerecht. Sie ist darum nicht schlecht, aber sie berührt nicht und regt nicht zum Denken an: Sie bietet dem Zuschauer nicht viel mehr an, als Langeweile zu goutieren, anstatt sich einfach nur zu langweilen. Und dass das gelingt, ist einzig der herausragenden Leistung der Darsteller zu verdanken, die dieser ansonsten eher farblosen Inszenierung Leben einhauchen. Wer Becketts Stück schon immer mal unterhaltsam sehen wollte, sollte hingehen.

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Mediokre Inszenierung - tolle Darsteller

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