Overlay
Livekritik zu

Die satanischen Verse / Liebeskonzil

08.09.2015 - 09.09.2015 | Hamburg [ Mitte ] / Hamburger Sprechwerk
« zurück zur Veranstaltungsseite
A.-K. Iwersen
am 13.10.2015

Das Hamburger Sprechwerk ist seit  eine Institution unter den Hamburger Off-Theatern: Es bietet verschiedensten Institutionen und Theatermachern die Möglichkeit, außergewöhnliche Inszenierungen unterschiedlichster Art zu zeigen. Seit dieser Saison bietet das Sprechwerk auch Eigenproduktionen – darunter die Reihe „Wortgefechte“, die pro Spielzeit etwa vier bis fünf Produktionen zeigen soll, die sich gesellschaftspolitisch relevanten Themen widmen sollen. Eine dieser Produktionen: „Die satanischen Verse/Liebeskonzil“ – eine Gegenüberstellung (oder sollte man sagen: Zusammenführung) des bekannten Werkes von Salman Rushdie und eines Dramas des – heute weniger bekannten – Dramatikers Oskar Panizza, „Das Liebeskonzil“. Keine leichte Aufgabe, sollte man meinen.

Was beide Autoren eint, ist die Verfolgung aufgrund (vermeintlich) häretischer, blasphemischer Äußerungen in ihren Schriften. Die Zusammenführung beider Werke in dieser Inszenierung hatte, so hieß es in der Einführung in das Stück, zum Ziel, nicht nur Rushdie zu zeigen und sich so womöglich in einer heiklen Zeit dem Vorwurf des Anti-Islamismus auszusetzen, indem nur einseitig die Verfolgung kritischer Stimmen im Islam aufgezeigt wird. Das ist klug, aber wäre zu wenig gewesen, um diese Kombination zu wagen. Gott sei Dank ist da aber mehr.

Die Inszenierung setzt Szenen aus dem „Liebeskonzil“ geschickt an solche aus den „Satanischen Versen“, ohne etwa die beiden Handlungsstränge direkt zu mischen. Verbunden ist beides beinahe organisch darüber, dass Gibril Farishta Züge des Erzengels Gabriel hat, der ja (in den „Satanischen Versen“) Mohammed beweist, dass er bei seiner vorangegangenen Offenbarung von dem Schaitan betrogen wurde. Der Zuschauer erlebt die Inszenierung als zwar szenen- und episodenhaft, aber dennoch als ein stimmiges Ganzes. Zugegebenermaßen erleichtert das ausführliche Programmheft, das einen Überblick über die Szenenfolge, deren Inhalte und agierende Personen gibt, das Gesamtverständnis ungemein – jedenfalls, wenn man weder mit dem einen noch dem anderen der beiden Ursprungswerke vertraut ist. Dennoch ist die Bearbeitung der Texte für die Bühne durch Andreas Lübbers auch ohnedem verständlich und ausgesprochen gelungen. Nie wirkt hier irgendetwas „gewollt“, nie etwas im Grundsatz unverständlich.

Auch die schauspielerischen Leistungen überzeugen durchweg. Mit nur sieben Schauspielern, die – sollte ich mich nicht verzählt haben – 26 Rollen besetzen, sind einige schnelle Rollenwechsel erforderlich. Besonders beeindruckend sind die Leistungen von Tom Pidde (als Gottvater und Gibril Farishta) sowie Lars Ceglecki (als Saladin Chamcha und Teufel) – sie beweisen eine außerordentliche Wandungsfähigkeit.

Wie die Reihe „Wortgefechte“ verspricht, liegt der Fokus auf dem Dialogischen – und das ist bestens gelungen. Bühnenbild und Kostüme sind zweckmäßig, deuten an, ohne sinnüberfrachtet zu werden. Genau das macht die Stärke dieser Inszenierung aus: Eine radikale Konzentration auf das Wesentliche, ohne dabei an Klarheit zu verlieren oder ist Andeutungshafte, mehr gewollt als gekonnt Bedeutungsvolle abzudriften. Eine wirklich lohnenswerte Inszenierung, die man gesehen haben sollte!

Besucherfazit

Schwerer Stoff - gut gelöst. Ein Must-See der Theatersaison in Hamburg

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
4 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Guido Schlegel
  • Luisa Mertens
  • Wilhelmine Molt
  • Stefan M. Weber
  • Mandy Köpnick
  • Alminka Divković Hurabašić
  • ENSEMBLE RUHR
  • Hundert11 - Konzertgänger in Berlin
  • Ina Finchen
  • Di Pa
  • Vicky Griesbach
  • Elena Artemenko
  • nikolausstein
  • Ulf Valentin
  • Thomas Gratzer
  • cgohlke
  • Tollwood
  • AnneW
  • Konrad Kögler @ daskulturblog
  • Ella Görner
  • Iris Souami

Für Freikarten und Kulturtipps

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!