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Livekritik zu

Die Dreigroschenoper Thalia Theater

12.09.2015 - 17.01.2016 | Hamburg [ Mitte ] / Thalia Theater
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A.-K. Iwersen
am 21.09.2015

Kann man „Die Dreigroschenoper“, diesen Klassiker, noch wirklich originell inzenieren, ohne dem Original Abbruch zu tun. Klar kann man. Den Beweis tritt Antú Romero Nunes mit seiner Inszenierung im Hamburger Thalia Theater an, die am 12. September Premiere feierte.

Brechts „Dreigroschenoper“ basiert auf dem Stück „Beggar’s Opera“ von John Gay aus dem Jahre 1725. Es geht um rivalisierende dubiose Geschäftsleute bzw. kriminelle Banden und die Verwicklung der Polizei in die kriminellen Strukturen. Die Polizei wird hier vorgestellt in der Person des zwielichtigen Polizeichefs Tiger Brown (Thomas Niehaus). Jonathan Jeremiah Peachum (großartig: Jörg Pohl), Kopf einer Bettelmafia, gerät in Konflikt mit dem Verbrecher Macheath, „Mackie Messer“ (als sympathischer Schurke wunderbar verkörpert von Sven Schelker). Zum Ausbruch kommt der Konflikt letzten Endes deshalb, weil Peachums Tochter Polly (Katharina Marie Schubert) Macheath heimlich heiratet – woran Celia Peachum, wunderbar verkörpert von Victoria Trauttmannsdorff, nicht ganz unschuldig ist, da auch sie sich vom edlen Auftritt des Verbrechers blenden lässt. So scheint es, als könne sich Macheath durch diese taktisch kluge Hochzeit die Herrschaft sichern – doch der erboste Peachum leitet Gegenmaßnahmen ein. Die Zerstörung der Herrschaft Macheaths über London und dessen Verrat steht im Zentrum der Handlung. Zum Verhängnis wird Macheath letztlich seine Leidenschaft für Frauen – denn immer wieder zieht es ihn zurück ins Bordell anstatt dass er konsequent die Flucht antritt. Es ist schließlich die Hure Spelunken-Jenny – hier wunderbar unnahbar, lasziv und proletarisch dargestellt von Franziska Hartmann – Macheaths Ex-Geliebte, die ihn verrät.

Ohne Kulisse, mit wenig Requisite erzählt Nunes Brechts „Dreigroschenoper“ – mit einer Besetzung, die in uniformierter Brecht-Kostümierung auftritt. Die Brecht‘sche Verfremdung wird unter anderem so erzeugt, dass die jeweiligen Schauspieler aus der Rolle treten und …als Brecht sprechen. Eine originelle Idee, die deshalb funktioniert, weil Nunez auf die herausragende Besetzung bauen kann. Der Wechsel in der Stimmmodulation zwischen Rolle und Brecht-Imitation schafft einen hinreichenden Bruch, um die Absicht verständlich zu machen. Hinzu kommen Brechungen durch den „Schauspielunterricht“, den Peachum seinem „Bettlerlehrling“ Filch (Paul Schröder) erteilt, durch Szenenwiederholungen – viele kreative Elemente, die den vollkommenen Ablauf eines „Illusionstheaters“ ganz im Sinne Brechts zerstören. Sogar das verspätete echte Pferd für des Königs reitenden Boten im III. Finale fügte sich bestens in dieses Konzept ein.

Nur manchmal weiß man nicht ganz genau, mit welcher Absicht eine bestimmte Idee in das Stück Eingang gefunden hat. Warum etwa kämpfen Macheath und Brown Kung Fu? Die Szene ist gut gestaltet (und man bekommt auch tatsächlich einen authentischen Kung Fu-Schaukampf zu sehen), ist in Teilen witzig – doch ihre Notwendigkeit im Ganzen erschließt sich nicht wirklich. In dieser Art scheint es, dass Nunes hier und da ein wenig über das Ziel hinausschießt, und das Bühnengeschehen droht in solchen Momenten ins Klamaukige abzudriften. In Anbetracht des beeindruckenden Ganzen fällt dies aber kaum ins Gewicht.

Die Inszenierung von Nunes ist – ganz zu recht – vielfach gelobt worden. Sie bleibt ganz Brecht, ohne sich an das Werk zu klammern, und spricht Zuschauer auf verschiedenen Ebenen an. Brecht hatte bekanntermaßen das Gegenteil einer perfekten Illusion auf der Bühne im Sinn: Sein episches Theater zielt gerade auf die Zerstörung desselben, die Brüche sollen die politische Botschaft sichtbar werden lassen. Nunes arbeitet hier auf originelle Weise mit, nicht gegen, Brecht. Dennoch lässt sich offenbar auch das kontemplativ degoutieren, denn wenn man die Sitznachbarn so sprechen hörte, waren diese teils vor allem an den netten Liedern interessiert und fühlten sich, so wörtlich „prima unterhalten“. Da ist vermutlich dann irgendwas nicht ganz angekommen. Aber wenn man so unterschiedliche Bedürfnisse des Publikums bedient, dann ist das auch eine besondere Leistung. Insofern: Eine wirklich sehenswerte Inszenierung!

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Zugleich Brecht-treu und innovativ - sehenswerte Inszenierung des Brecht'schen Klassikers!

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