Livekritik zu

Berlin Transit

23.03.2012 | Berlin [ Kreuzberg ] / Jüdisches Museum Berlin
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jennifuchs
am 28.06.2012

Beschreibung

Obwohl wir direkt am Jüdischen Museum wohnen, hatte ich es bisher nicht geschafft mir die neue Sonderausstellung 'Berlin Transit' anzusehen, bis ich mich dann ausversehen aus unserer Wohnung ausschloss und im Museum Zuflucht suchte. Vielleicht sollte es auch einfach so sein, das ich die Ausstellung sehe bevor es zu spät ist, und ich bin froh darüber, denn schwarz-weiss Fotografien aus dem alltäglichen Leben sind eine meiner liebsten Sorten Kunst, und Berlin Transit enttäuscht in der Hinsicht nicht. 

Vom späten 19. Jahrhundert an bis nach dem Ersten Weltkrieg flohen Zehntausende von Juden aus Osteuropa. Dabei blieben viele in Berlin hängen, das sich zur Drehscheibe zwischen dem Osten und Westen. Die sogenannten Ostjuden wurden von vielen Deutschen Juden als Bedrohung gesehen, andere sahen sie, mit ihren strikten religiösen ritualen, als den Inbegriff  des Judentums. Berlin Transit erzählt die Geschichte einige dieser Ostjuden in Berlin in den 1920er Jahren.

Die Ausstellung ist in sieben Bereiche eingeteilt. Die Einleitung beinhaltet unter anderem eine Landkarte, auf der Fluchtwege quer durch Europa in den 1920er Jahren eingezeichnet sind, was mir, als Besucher und Aussenstehender, die Situation sehr gut verdeutlichte, sowie eine sehr bewegende ca. 5 Minuten lange Film Aufnahme von Pogromen aus der Ukraine 1921. Des weiteren gibt es eine sehr eindrucksvolle Serie von Aquarallen des Künstlers Isaachar Ber Rybacks, die nach 88 Jahren zum ersten Mal wieder in Berlin ausgestellt ist und die Grausamkeit und Gewaltätigkeit der Judenverfolgung darstellt. 

Im Ausstellungsbereich Scheunenviertel,  einem Stadtteil Berlins in dem sich viele Jüdische Flüchtlinge zuerst niedergelassen haben, standen dann die schwarz-weiss Fotografien im Mittelpunkt, die thematisch nochmals unterteilt waren. "Genrebilder" porträtiert eine Vielfalt an Perspektiven aus dem Leben im Scheunenviertel in den 1920er und 1930er Jahren, darunter Straßenansichten, Cafés, Läden und Straßenhandel; religiöse Szenen; und natürlich Portraits des Stadtteilbewohner, wie z.B. spielende Kinder. "Familienbilder" zeigt die privaten Fotografien zweier Jüdischer Familien, wie z.B. ein erster Schultag oder eine Bar Mitzvah, wogegen "Polizeibilder" die Razzien wiedergeben, die oft gegen die vermeintlich gefährlichen Ostjuden ausgeführt wurden. Schließlich haben Besucher dann, unter der Überschrift "Bilder lesen" die Gelegenheit zu sehen, wie Fotografien in Zeitungen, Magazinen oder auf Postkarten durch Manipulation oder Bildunterschriften neu interpretiert und verwendet wurden. Im Gegensatz zum relativ armen Scheunenviertel, porträtiert der Ausstellungsbereich Charlottengrad das Leben wohlhabender Immigranten, die sich im Stadtteil Charlottenburg nieder liessen, durch Dokumente, Fotografien und persönliche Gegenstände - wie z.B. Puppenhaus Möbel oder Silberbesteck - aus dem Besitz des Ölunternehmers Chaim Kahan und seiner Familie. 

Babylon richtet sich auf Jüdische Immigranten, die als Autoren, Illustratoren oder Übersetzer in ca. 90 Russischen Verlagen tätig waren, die in den frühen 1920er Jahren in Berlin existierten. Oder vielmehr richtet sich der Bereich auf die Bücher an sich aus, mit einer Auswahl an wundervoll illustrierten Kinderbüchern und Kunstbänden. Eine Reihe an Bildschirmen gibt dann noch weitere Einblicke in eine Auswahl an Büchern, darunter ein illustriertes Kindergedicht, eine Bildergeschichte mit geometrischen Formen, und Torah Illustrationen für Kinder. Eine ganz andere Art von Kunst wird dagegen im Ausstellungsbereich Blickwechsel präsentiert, welcher die Kunstwerke dreier Künstler zeigt, die in den 1920er Jahren dem zusammen fallendem Russischen Reich entflohen sind: bereits erwähnter Isaachar Ber Rybacks, sowie Naum Gabo und Leonid Pasternak.

Schließlich sollte man auch auf keinen Fall Migrantenstimmen verpassen, ein dunkler Raum mit sieben Nischen in denen man Berichten aus erster Hand lauschen kann in denen das alltägliche Leben in Berlin mit seiner Vielfalt aber auch seiner Isolation beschrieben wird, nicht nur von den Ostjuden selbst, sondern auch von den Deutschen Juden die sie als Bedrohung sahen. Die Ausstellung endet mit einem Epilog, in dem historische Bilder aus Berlin mit Fotografien der gleichen Orten heute gegenüber gestellt werden. Viele der alten Szenen haben keine Spuren hinterlassen, außer in alten Dokumenten, Berichten und halt Bildern. Gerade eben diese alten Bilder stehen als Postkarten zur Verfügung, von denen sich Besucher eine aussuchen können um damit die historische Spur im heutigen Berlin weiter zu verfolgen.

Ebenso kann man die Spur per Foursquare Liste verfolgen, die das Museum für den Lauf der Ausstellung zusammen gestellt hat. Die Liste vereint zehn Orte innerhalb Berlins die mit der Ausstellung und den Ostjuden der 1920er Jahre in Verbindung stehen, wie z.B. die Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centum Judaicum, Deutschland's größte Synagoge der 1920er Jahre und Sitz des ersten Jüdischen Museums Berlin in den 1930er Jahren, oder die Adresse in der die Kahan Familie, dessen Besitz in der Ausstellung gezeigt wird, in den 1920er Jahren ihre Gottesdienst abhielt. Die Foursquare Liste ist eine interessante und alternative Idee um die Ausstellung zu erweitern und Besucher dazu zu animieren, die Stadt auf eine andere Weise zu erkunden.

Berlin Transit ist noch bis zum 15. Juli im Jüdischen Museum Berlin zu sehen. Wer sich auch nur entfernt für die 1920er Jahre Berlins, historische Fotografien und/ oder Illustrationen interessiert, der sollte die Ausstellung auf keinen Fall verpassen!

Besucherfazit

Sehr eindrucksvolle Ausstellung, die einem Berlin der 1920er Jahre aus neuer Sicht zeigt.

Bewertung

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Medien von jennifuchs

Titel: 
Berlin Transit
Berlin Transit im Jüdisches Museum Berlin
1 von 1 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Ort: 
Berlin/ Jüdisches Museum Berlin
Zeitraum: 
23.03.2012 - 15.07.2012

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