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Livekritik zu

Ulysses

09.05.2014 - 16.06.2014 | Berlin [ Prenzlauer Berg ] / Ballhaus Ost
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Jamal Tuschick
am 13.05.2014

Die Auslieferung des Lebens an den Alltag

Ulysses im Berliner Ballhaus Ost

Stephen Dedalus ist Hilfslehrer mit literarischem Ehrgeiz. Seine Schüler findet er „weder unschuldig noch erfahren”. Sein Land erscheint ihm „wie der zerbrochene Spiegel einer Magd”. Seine Freunde nennen ihn einen Ketzer. Am Totenbett der Mutter verweigerte er das Gebet. Stephen verkündet seine Mutlosigkeit: „Ich bin kein Held.”
Das weiß man, wenn man die ersten dreißig Seiten des „Ulysses” gelesen hat. James Joyce schildert einen indolenten Charakter, „von des Gedankens Blässe” in Form gebracht. Er wohnt in einem Wehrturm aus der Zeit napoleonischer Kriege und lebt in einem Tagtraum. Stephen sagt: „Die Geschichte ist ein Alptraum, aus dem ich zu erwachen suche.”
Das ist der erste Satz in einer „Ulysses”-Adaption von Marat Burnashev und Swantje Basedow, mit Bruno Cathomas als Leopold Bloom und Mirco Kreibich als Stephen Dedalus.
Der durch sämtliche humanen Zustände mäandernde Roman spielt 1904 an einem Sommertag. Die Nacht nimmt der Bewusstseinsstrom mit bis zur Mündung.
Er beginnt auf den Klippen über der See (in der Gegend von Dublin). Eine Einspielung deutet das auf der Ballhausbühne an, dann kommt die Gegenwart ins Spiel. Die Auslieferung des Lebens an einen unerheblichen Alltag (egal wann oder wo) – ihr Repräsentant heißt Leopold Bloom. Der Anzeigenakquisiteur ist eine grandiose Null. Er studiert die Tageszeitung wie eine Wissenschaft. Er lobt sich für seinen abergläubischen Skeptizismus. Aus allem zieht er ungehobelte Schlüsse. Die Joyce-Forschung weist Leo (Poldi) den Platz des vulgarisierten Stephen zu – der Künstler als alter Mann. Sein Stigma ist Impotenz in jeder Hinsicht. Stephen spricht sie an, sobald er seinem verworfenen Alter Ego begegnet. Es ist eine Leistung dieser Inszenierung, dass man die wie aus einem Bombenschacht ragende Darstellung einer leisen Verachtung (für Leos Eifer) im Roman sieht.
Leopold heißt nach Sacher-Masoch so, seine Frau Molly ist eine andere Venus im Pelz. Leo kriecht vor lauter Beflissenheit in die gelangweilte Aufmerksamkeit des jungen Genies, das auf der Bühne aber bloß ein anderer Blödmann ist. Die Selbstverherrlichung des Autors Joyce in Stephen kommt nicht vor. 
Das Stück gelingt auf Europaletten vor Leinwänden  – „stream of consciousness” als Video. Man bemerkt Molly (Patrycia Ziolkowska) in ihren lunaren Stimmungen, die Adaption macht aus ihr eine halbe Polin. „Die spanische Rose” (bei Joyce) bleibt als Unvollendete und hypertroph Sehnsüchtige identifizierbar. Auch das macht Spaß. Szenenapplaus gibt es für einen präzisen Vortrag: „Welche Handlung führte Bloom beim Eintreffen an ihrem Bestimmungsort aus?”
„Auf der Haustreppe der 4. der äquidifferenten ungeraden Nummern, Eccles Street Nummer 7, führte er mechanisch die Hand in die Gesäßtasche seiner Hose, um den Wohnungsschlüssel herauszuholen.”
„Befand dieser sich dort?”
„Er befand sich in der entsprechenden Tasche der Hose, welche er am vorvorangegangenen Tage getragen hatte.”

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Ein Fest für Freunde (des Ulysses)

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